Jüdisches Leben in Gelsenkirchen heute

Dass es heute wieder jüdisches Leben auch in Gelsenkirchen, Gladbeck und Bottrop gibt, ist den wenigen Überlebenden zu verdanken, die damals nach dem Ende des Dritten Reiches hier geblieben sind. Sie sind zurückgekehrt an den Ort, wo sie Schlimmstes erleiden mussten. Mein Vater Kurt Neuwald war einer der wenigen überlebenden Gelsenkirchener Bürger, die in ihrer Heimatstadt bleiben wollten, weil sie Hitler nicht recht geben wollten, dass Deutschlandjudenrein werden sollte. Sie wollten, dass jüdisches Leben in Deutschland trotz alledem weiter existiert. Und sie haben fest daran geglaubt, dass die neu geschaffene Demokratie und das Grundgesetz es für alle Zeiten verhindern würden, dass es jemals wieder Hass, Intoleranz und Antisemitismus in diesem Land geben würde. Sie haben 1958 einen jüdischen Betraum in der Von-der-Recke-Straße gegründet, in dem die kleine Gemeinde Gebete zum Schabbat, dem jüdischen Ruhetag, abhielt, dort wurden die jüdischen Feiertage begangen und jüdischer Religionsunterricht für die wenigen Kinder erteilt. Es war eine kleine Gemeinde, sehr familiär, und das Gemeindeleben fand weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit statt. Ganz selten kamen einmal Schulklassen zu uns. Durch die Zuwanderung der jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1990 nach Deutschland, mit ihrer traurigen Geschichte der Diskriminierung und Unterdrückung, vergrößerte sich die Zahl der Gemeindemitglieder auch in Gelsenkirchen stark. Die alten Räumlichkeiten reichten für die vielen Menschen nicht mehr aus. Durch die Hilfe sehr engagierter Unterstützer und mit der finanziellen Unterstützung durch die Stadt und das Land, konnte am 01.02.2007 an dem Ort der alten, zerstörten Synagoge, die neue Synagoge an der Georgstrasse eröffnet werden. Ein großes “Haus der Gebete für alle Völker“ (Jesaja 56,7)ist dort entstanden und bietet den Gemeindemitgliedern Platz für jüdisches Leben in allen Facetten. Wir nennen eine Synagoge eigentlich: „Haus des Gebets/Bejt ha Tefilah, Haus des Lernens,/Bejt ha Midrasch und Haus der Versammlung/Bejt ha Knesseth“. Wir lernen und beten gemeinsam, Rabbiner Kornblum gestaltet schöne Gebete und erteilt Bar-Mitzwah- und Bat-Mitzwah-Unterricht. Unser Lehrer unter-Jüdisches Leben in Gelsenkirchen heute richtet in drei Klassen die jüdischen Kinder unserer Gemeinde und lehrt sie jüdische Geschichte, die jüdischen Traditionen und Bräuche und die hebräische Sprache. Wir haben mehrere Seniorengruppen, Deutschunterricht und Gedächtnisschule für die Senioren, einen Chor, eine Theatergruppe, Kleinkinder und Jugendgruppen und Kindergesangsunterricht. In unserem Hause arbeiten aber nicht nur jüdische Menschen, sondern ganz bewusst auch christliche und muslimische Mitarbeiter. Und wir haben im Haus ein sehr harmonisches Miteinander. In der neuen Synagoge haben wir die wunderbare Möglichkeit, den Menschen um uns herum das Wissen um die jüdische Religion und die jüdische Kultur wieder näher zubringen. Wir haben immer viele Besucher bei Führungen, Vorträgen, Ausstellungen, Musikveranstaltungen, Gedenktagen, Lesungen u.v.m., und wir hoffen dadurch, dass das Miteinander und Kennenlernen vor Vorurteilen schützt. Und trotzvieler schöner Begegnungen, viel Zuspruch und gutem Miteinander,gibt es leider heute doch auch wieder verstärkten Antisemitismus. Jüdische Menschen sorgen sich um die Zukunft unseres Landes. Es gibt Beschimpfungen auf der Straße, wenn man ein Käppchen trägt, Kinder in der Schule hören das Schimpfwort „Du Jude“, es werden Hakenkreuze geschmiert etc.. In allen Bereichen der Gesellschaft ist er zu finden, der alte und der neue Antisemitismus, muslimischer Antisemitismus, und leider auch wieder diejenigen, die alles sehen und hören, die aber nichts sagen und wegschauen. Wir müssen Wege finden, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, und die Geschichte niemals in Vergessenheit geraten zu lassen. Wir müssen den Holocaust in den Schulen thematisieren, damit wir verstehen, und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen können. Unsere Jugendlichen müssen die Geschichte erfahren, sie müssen jüdisches Leben kennenlernen, und sie sollten im Laufe der Schulzeit, gut vor- und nachbereitet, auch eine Gedenkstätte besuchen. Dort, vor Ort, wird dann das ganze schreckliche Ausmaß der Katastrophe deutlich sichtbar und begreifbar, und die Jugendlichen nehmen das mit in ihre Zukunft!Antisemitismus bedroht nur vordergründig die jüdischen Menschen in unserer Gesellschaft, vielmehr wird er unsere ganze Gesellschaft zerstören. Wer das Grundrecht missachtet, und Bürger unseres Landes z.B. wegen ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert, zerstört unsere Demokratie. Wir alle, die Deutschland unser Zuhause nennen, wir alle tragen Verantwortung dafür, welchen Weg dieses Land gehen wird. Lassen Sie uns gemeinsam und mutig eine friedliche und lebenswerte Zukunft gestalten, die keinen Raum lässt für Haß und Intoleranz!  Jeder einzelne soll sich sagen: Für mich ist die Welt erschaffen worden, daher bin ich mit verantwortlich.   Talmud Bavli Sanhedrin 7  Judith Neuwald-Tasbach Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Gladbeck und Bottrop        

 

 

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Prekäre Situation geht zu Lasten der Schüler*innen und Lehrkräfte

Der Lehrkräftemangel an Grundschulen hält an und ist gravierender als bislang angenommen. Nach einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für das ZDF-Magazin Frontal21 fehlen deutschlandweit rund 2.000Grundschullehrer*innen. Auch in NRW lässt sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage derzeit nicht schließen. „Die Schere geht weiter auseinander. Die prekäre Mangelsituation geht zu Lasten der Schüler*innen und der vorhandenen Lehrkräfte“, kommentierte die Vorsitzende der GEW NRW Dorothea  Schäfer die aktuellen Zahlen. Die GEW hatte im Januar  in allen Landesverbänden Zahlen zu unbesetzten Stellen und Nachbesetzungen abgefragt.In NRW bereitet der Lehrkräftemangel an Grundschulen in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet die größten Probleme. So sieht die Situation – Personalratsangaben zufolge – im Bezirk Detmold noch vergleichsweise gut aus, während sie im Bezirk Düsseldorf teilweise dramatisch ist. Für die Hälfte der340 Stellen, die im Bezirk Düsseldorf zum 1. Februar 2018 besetztwerden sollten, gab es keine einzige Bewerbung. In der Stadt Duisburg wurden zum Beispiel 62 Grundschullehrkräftegesucht und erstmalig keine einzige Lehrkraft mit der entsprechenden Lehrbefähigung gefunden. Für die 75 Grundschulen der Stadt gibt es auch keine neuen Vertretungslehrkräftemehr. Die Lage in Oberhausen, Krefeld und Remscheid sieht nicht besser aus. Vergleichbar betroffen sind in den anderen Regierungsbezirken Städte wie Köln, Gelsenkirchen und Dortmund. Für das gemeinsame Lernen an den Grundschulen und weiterführenden Schulen werden darüber hinaus händeringend Sonderpädagog*innen gesucht. NRW-weit sind seit Schuljahresbeginn mehr als 150Seiteneinsteiger*innen an den Grundschulen eingestellt worden, insbesondere für das Fach Sport, aber auch für die Fächer Kunst, Musik und Englisch. Die Zahl der Absolvent*innen mit einer Lehrbefähigung für Gymnasium und Gesamtschule, die ein Angebot des Schulministeriums angenommen haben und für zwei Jahre Unterricht an einer Grundschule erteilen, liegt derzeit im zweistelligen Bereich. Die GEW NRW fordert, die Regelungen für den Seiteneinstieg, Rahmenbedingungen und Qualifizierung, müssten dringend überarbeitet werden. Für die Bertelsmann-Stiftung haben der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn eine Studie zum bundesweiten Lehrkräftebedarf in der Primarstufe erstellt, die heute vorgestellt wird. In einem Beitrag für die Zeitschrift „Schulverwaltung“ hatte Klaus Klemm jüngst für die NRW Grundschulen einen zusätzlichen Bedarf von 5.125 Stellen bis zum Gipfelschuljahr 2025/2026 errechnet und mit steigenden  Schüler*innenzahlen begründet. Sein Fazit: „Vor dem Hintergrund dieser Daten wird deutlich: Die aktuellen Schwierigkeiten bei der Besetzung freier Lehrerstellen sind erst die Spitze eines Eisbergs.“ Berthold Paschert | Pressesprecher Essen, 31. Januar 2018

GEW NRW begrüßt SPD-Finanzierungskonzept für Kitas

Bedarfsgerechte Betreuung nur mit auskömmlicher Finanzierung
Die GEW NRW begrüßt den Antrag der SPD-Landtagsfraktion
NRW zur Einführung einer Sockelfinanzierung für Kindertageseinrichtungen.
Ziel sei, ein ehrliches, transparentes und
auskömmliches Finanzierungssystem mit einem geringeren
bürokratischen Aufwand zu schaffen.
Das vorgelegte Modell führt in der Konsequenz zu mehr Planungssicherheit
für Träger und Beschäftigte: „Wir haben uns
immer gegen das System der Kindpauschalen ausgesprochen.
Sie waren verantwortlich für die Deckelung der realen Personalkosten
in den Einrichtungen. Wir brauchen mehr Geld für
eine spürbare Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels,
nur so gibt es mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung“,
erklärte die Vorsitzende der GEW NRW Dorothea Schäfer anlässlich
der parlamentarischen Initiative der SPD-Fraktion, die
heute der Presse vorgestellt wurde.
Die GEW-Landesvorsitzende bekräftigte in diesem Zusammenhang
die Forderung der GEW NRW nach einer Verbesserung
des Fachkraft-Kind-Schlüssels: „Die Betreuungsrelation
muss für Kinder unter zwei Jahren 1:3 sein, für zwei bis vier
Jahre 1:5 und für Kinder zwischen vier und sechs Jahren 1:8.
Dazu kommen 30 Prozent Verfügungszeit etwa für Vorbereitung,
Eltern- und Teamgespräche. Außerdem braucht es Vertretungsreserven
für Krankheit, Urlaub und Fortbildung des
Personals.“
Das von der SPD vorgelegte Modell sieht neben einer Sockelfinanzierung
einen belegungs- und sozialraumabhängigen Zuschuss
vor. „Wir halten zusätzlich einen einrichtungsbezogenen
Sozialindex, also die Einbeziehung sozialer Daten – Anzahl
der nicht deutschsprachigen Kinder, Sozialleistungsbezug und
Kinder mit erhöhtem Förderbedarf – für notwendig. Ungleiche
Bildungs- und Fördervoraussetzungen der Kinder müssen
im Sinne sozialer Gerechtigkeit auch ungleich finanziert
werden“, ergänzte Dorothea Schäfer. In einem gemeinsamen
Forderungspapier hatten DGB, Ver.di und GEW gefordert, finanzschwachen
Kommunen zusätzliche Mittel zur Verfügung
zu stellen, um die Realisierung vergleichbarer Bildungs- und
Lebensbedingungen zu unterstützen.
Berthold Paschert | Pressesprecher
Essen, 15. Januar 2018
www.gew-nrw.de/presse

Schüler*innenzahlen:NRW erwartet einen Boom

Steigende Geburtenraten und immer mehr junge Einwanderer*innen: In den nächsten 15 Jahren steht NRW ein Boom der Schüler*innenzahl bevor, der die offiziellen Prognosen deutlich übertreffen wird. Das belegt eine aktuelle Studie der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Klemm und Dr. Dirk Zorn. Mehr Lernende brauchen mehr Lehrkräfte – eine einfache Rechnung, die enormen Handlungsdruck erzeugt. Im Januar 2017 veröffentlichte das NRW-Schulministerium seine Prognose zur Entwicklung der Schüler*innenzahlen –gestützt auf eine Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes (IT.NRW) von 2015 mit Ausgangsdaten des Jahres 2013. Für die Primarstufe erwartet das Ministeriumgegenüber 2015 bis 2030 einen leichten Anstieg auf 102 Prozent: von 653.380 Schüler*innen in 2015 über 659.210 in2020, 661.640 in 2025 auf 666.750 in 2030. Dieser Zuwachsentspricht ziemlich genau der zugrunde liegenden Bevölkerungsprognose, die für die Altersgruppe der Sechs- bis unter Zehnjährigen im gleichen Zeitraum einen Zuwachs auf 102,4Prozent erwartet. So weit, so gut – wäre da nicht auch noch die Realität: Die Prognose des Ministeriums geht davon aus, dass 2015 in Nordrhein-Westfalen 146.990 noch nicht einjährige Kinder lebten.Tatsächlich waren jedoch 162.430 gemeldet. Auch für die Ein-bis unter Zweijährigen liegen die der Prognose zugrunde gelegten Werte um 14.802 Kinder unter den Ist-Werten. Damit nicht genug: Die Geburtenzahl des Jahres 2016, die noch nicht abschließend vorliegt, wird mit mindestens 171.000 Kindern die Jahrgangsstärke von 147.985, von der die MSW-Prognoseausgeht, um 23.000 Kinder übertreffen. Die Diskrepanz zwischen Prognose und tatsächlicher Entwicklung erklärt sich durch die in jüngster Zeit stark gestiegenen Geburtenzahlen: 2013 wurden in NRW 146.400 Kinder geboren,2014 waren es 155.100, 2015 dann 160.500 und 2017wurden bisher sogar etwa 171.000 Geburten verzeichnet. Hinzu kommen deutlich gestiegene Werte der Wanderungsbilanz:2013 sind etwa 81.000 Menschen mehr nach NRW zu als abgewandert. 2014 waren es 108.000 Menschen und 2015etwa 274.000. Die Bilanzdaten für 2016 liegen derzeit noch nicht vor. Angesichts dieser Entwicklung ist eine aktuelle Prognose der Schüler*innenzahlen mehr als überfällig, die bisher weder die Kultusministerkonferenz für Deutschland noch das Schulministerium für NRW geleistet haben. Die Studie „Demographische Rendite adé“ im Auftrag der Bertelsmann Stiftung schließt diese Lücke und liefert eine aktuelle Vorausschätzung der Bevölkerungs- und Schüler*innenzahlen, die sich auf Deutschland insgesamt sowie auf die Flächenländer West und Ost und die drei Stadtstaaten bezieht. Rechnet man die darin für die westlichen Flächenländer enthaltene Prognose auf Nordrhein-Westfalen herunter, ergibt sich: Bis 2020 wird sich die Anzahl der Kinder in der Primarstufe gegenüber 2015 um etwa 19.000 erhöhen, 2025 liegt diese Zahl um fast 92.000 höher als 2015, denn dann wirken sich die stark gestiegenen Geburtenzahlen aus. Danach wird die Schüler*innenzahl wieder leicht zurückgehen, aber die des Jahres 2015 mit etwa 741.000 immer noch um etwa 88.000Schüler*innen übertreffen. Dieser demografisch bedingte Anstieg kommt erst nach 2025 in der Sekundarstufe I an, in der Sekundarstufe II ist eine Auswirkung der jüngeren Bevölkerungsentwicklung erst für die Jahre nach 2030 zu erwarten. Für die Schulen der Primarstufe sind diese Daten besonders alarmierend: Bei konstanten Klassenfrequenzen und Schüler*innen-je-Stelle-Relationen müssen bis 2025 etwa3.950 neue Klassen gebildet und dafür etwa 5.400 zusätzliche Stellen für Lehrkräfte geschaffen werden. Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm Bildungsforscher

In memoriam "Paris"

Der schönste Satz der Weihnachtsbotschaft: „Fürchtet euch nicht!“ Mit Weihnachten kommt die Zeit, in der ich die alten Lieder im Kreis meiner Familie singe. Und es kommt die dunkle Jahreszeit, der wir mit viel Kerzenlicht begegnen. Dann die Tage „zwischen den Jahren“, Tage, an denen ich an das vergangene Jahr zurückdenke, innehalte und mich auf das neue zu freuen beginne. Eine Zeit der Stärkung. „Fürchtet euch nicht!“ halte ich dem Entsetzen, der Trauer, der Ohnmacht und Sorge entgegen, die mich nach den Attentaten von Paris beschlichen haben. Sorge, dass sich unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern droht. Für viele Menschen rückt der Terror sehr nah, weil Paris in unserem Nachbarland liegt, weil Fernsehen und Presse pausenlos darüber berichten. Weil sich im Netz Schock und Trauer, aber auch die Predigt von Hass und Gewalt potenzieren. Viele ängstigen sich, weil die Terroristen scheinbar wahllos zugeschlagen haben. Manche fürchten sich, weil der französische Staat mit Rache reagiert. Auf meiner Zugfahrt von Brüssel nach Frankfurt a. M. kontrollierte eine Militärstreife mit drei Soldaten die Wagen, einer mit Maschinenpistole im Anschlag, zwei dahinter, die nach „verdächtigen“ Gepäckstücken suchten. Setzen wir der Gewaltspirale unsere aufrechte Überzeugung entgegen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Halten wir an den Grundrechten und dem Recht auf Asyl fest. Setzen wir uns dafür ein, dass die Opfer von Krieg und Terror, die Flüchtlinge, jetzt nicht zu Tätern gemacht werden. Setzen wir uns dafür ein, dass jetzt keine Zäune vor den Zufluchtsuchenden hochgezogen und diese nicht unter Generalverdacht gestellt werden, sie seien potenzielle Terroristen. Der Terror ist schon lange da. In der Türkei, in Nigeria, Tunesien, Mali, in Palästina und Israel. Auch in Deutschland haben wir Zeiten des Terrors erlebt, und nach den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 hat auch Deutschland „die Freiheit am Hindukusch verteidigt“. Gewalt war und ist aber keine Lösung. Radikaler Islamismus ist nur ein Aspekt aktueller Bedrohung. Hinter ihm steckt die Ideologie der Ungleichheit, der Verachtung Andersdenkender. Auch Rechtsradikale und Rechtspopulisten bedrohen unsere grundlegenden Freiheiten. Auch sie lehnen das gemeinsame Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Lebensentwürfe ab. Genauso wie die Islamisten sind sie Feinde individueller Freiheit. Stellen wir uns einem Denken, das Differenz ablehnt, ebenso entgegen wie einer pauschalen Verurteilung von Muslimen. Als Pädagoginnen und Pädagogen fragen wir uns, was falsch     gelaufen ist, wenn sich junge Menschen radikalisieren. Bil  dung kann ein Schlüssel sein, denn: Menschen zu befähigen, ihre Rechte wahrzunehmen, politisch urteilsfähig zu werden und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen, ist eine zentrale Aufgabe des Bildungswesens. Die Menschenrechte müssen  unser Wertmaßstab sein.  Als GEW setzen wir uns dafür ein, dass Lernprozesse zur Demokratiefähigkeit intensiviert werden und Politik sie besser  unterstützt.  Politik darf die Bildungseinrichtungen mit ihrer Aufgabe nicht alleinlassen, gerade weil die Spaltung der Gesellschaft in arm und reichglobal zunimmt. Eine Antwort lautet: Unsere Gesellschaft muss allen Menschen Perspektiven eröffnen. Unser Ruf nach „Bildung statt Bomben“ ist immer noch richtig! Treten wir weiter für unsere Ziele ein und fordern von der Politik die notwendigen Schritte. Weil es keine schnellen Lösungen gibt, sind wir als Teil der Zivilgesellschaft gefordert. Wir tragen eine Verantwortung für die Zukunft einer freien und offenen Gesellschaft. Vor Terror und rechter Stimmungsmache dürfen wir nicht kapitulieren. Fürchten wir uns nicht!  Marlis Tepe,  GEW-Vorsitzende   Quelle: Erziehung und Wissenschaft 12/2015    

Vorschulpubertät

Neulich kam ich mit einer Erzieherin ins Gespräch über ihrenArbeitsplatz. Unter anderem erzählte sie mir, dass es jetzt etwasNeues gebe: Vorschulpubertät!Da war ich doch einigermaßen geplättet. Bisher dachte ichimmer, Pubertät ist eine bestimmte Zeit im Leben eines Menschen,die von Brüchen, Neuentdeckungen, Hormonüberschüssen,Loslösungen, körperlichen Umwandlungen usw.geprägt ist. Und aus meiner Zeit als Hauptschullehrer wussteich: irgendwo zwischen 11/12 und 15/16 Jahren, mal mehr,mal weniger. Und ich hatte 39 Jahre mit solchen Jugendlichenzu tun. Sämtliche Erscheinungsweisen der Pubertät sind mirbekannt. Vor allem aber Eltern, in den letzten Jahren zunehmend,die mir gegenüber saßen und jedes Fehlverhalten, jedeAufsässigkeit, jedes Regelüberschreiten damit entschuldigten:Mein Kind ist in der Pubertät, das müssen Sie doch verstehen!Als ob Pubertät eine Entschuldigung für Nicht-Benehmen undAusrasten wäre. Das Einzige, was ich oft verstand, war, dassdiese Eltern sich der Anstrengung der Erziehung entzogen.Und nun Vorschulpubertät.Bis jetzt kannte ich nur verschiedene Trotzphasen, die sich biszu Beginn des Schulalters darstellten. Diese waren notwendig,bezeichneten sie doch Selbsterlebensprozesse undLoslösungen.Also: Internet. Und tatsächlich – ich dachte, ich träume:259 Ergebnisse im ersten Suchlauf.Der schönste Satz der Weihnachtsbotschaft: „Fürchtet euchnicht!“ Mit Weihnachten kommt die Zeit, in der ich die altenLieder im Kreis meiner Familie singe. Und es kommt die dunkleJahreszeit, der wir mit viel Kerzenlicht begegnen. Dann dieTage „zwischen den Jahren“, Tage, an denen ich an das vergangeneJahr zurückdenke, innehalte und mich auf das neue zufreuen beginne. Eine Zeit der Stärkung.„Fürchtet euch nicht!“ halte ich dem Entsetzen, der Trauer, derOhnmacht und Sorge entgegen, die mich nach den Attentatenvon Paris beschlichen haben. Sorge, dass sich unsere Gesellschaftgrundlegend zu verändern droht. Für viele Menschenrückt der Terror sehr nah, weil Paris in unserem Nachbarlandliegt, weil Fernsehen und Presse pausenlos darüber berichten.Weil sich im Netz Schock und Trauer, aber auch die Predigt vonHass und Gewalt potenzieren. Viele ängstigen sich, weil dieTerroristen scheinbar wahllos zugeschlagen haben. Manchefürchten sich, weil der französische Staat mit Rache reagiert.Auf meiner Zugfahrt von Brüssel nach Frankfurt a. M. kontrollierteeine Militärstreife mit drei Soldaten die Wagen, einermit Maschinenpistole im Anschlag, zwei dahinter, die nach„verdächtigen“ Gepäckstücken suchten.Setzen wir der Gewaltspirale unsere aufrechte Überzeugungentgegen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Haltenwir an den Grundrechten und dem Recht auf Asyl fest. Setzenwir uns dafür ein, dass die Opfer von Krieg und Terror, dieFlüchtlinge, jetzt nicht zu Tätern gemacht werden. Setzen wiruns dafür ein, dass jetzt keine Zäune vor den Zufluchtsuchendenhochgezogen und diese nicht unter Generalverdacht gestelltwerden, sie seien potenzielle Terroristen.Der Terror ist schon lange da. In der Türkei, in Nigeria, Tunesien,Mali, in Palästina und Israel. Auch in Deutschland habenwir Zeiten des Terrors erlebt, und nach den Anschlägen inden USA am 11. September 2001 hat auch Deutschland „dieFreiheit am Hindukusch verteidigt“. Gewalt war und ist aberkeine Lösung. Radikaler Islamismus ist nur ein Aspekt aktuellerBedrohung. Hinter ihm steckt die Ideologie der Ungleichheit,der Verachtung Andersdenkender. Auch Rechtsradikaleund Rechtspopulisten bedrohen unsere grundlegenden Freiheiten.Auch sie lehnen das gemeinsame Miteinander vonMenschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicherLebensentwürfe ab. Genauso wie die Islamisten sind sie Feindeindividueller Freiheit. Stellen wir uns einem Denken, dasDifferenz ablehnt, ebenso entgegen wie einer pauschalen Verurteilungvon Muslimen.Als Pädagoginnen und Pädagogen fragen wir uns, was falschgelaufen ist, wenn sich junge Menschen radikalisieren. Bil-„Fürchtet euch nicht!“Auf Links geklickt, neugierig gelesen – und immer wieder denKopf geschüttelt. Da gab es nicht nur Elternberatungsseiten,sondern auch Uni-Mitarbeiter, Psychologen und Ärzte, dieallen Ernstes behaupteten, es gebe eine „kleine Pubertät“.Schließlich beobachte man Loslösungsprozesse und auch hormonelleVeränderungen und manchmal Aufmüpfigkeit … Jawas denn sonst, wenn ein Kind älter wird, wächst und sichneuen Herausforderungen gegenüber sieht (bald in die Schulezu gehen)??? Muss das denn alles gleichgesetzt werden mitdem Begriff „Pubertät“, der ja nun wirklich eine einschneidendeZeit im Leben eines jeden Menschen – und natürlich auchseiner Umgebung – ist?Da machte es „klick“: Genau, das war doch wieder die Entschuldigungfür Eltern, ihre Kinder nicht zu erziehen, sich nichtmit ihnen auseinanderzusetzen, ihnen nicht ihre Grenzen aufzuzeigen!Indem man quasi die letzte Trotzphase zur kleinenPubertät erklärt, ist man als Eltern fein raus und dann – unddann muss es eben die Kita leisten! Juhu!!!Also liebe Erzieherinnen und Erzieher: Lasst euch nicht alleseinreden, glaubt nicht jeden neuen Begriff, auch wenn eraus universitären Höhen kommt, erklärt den Eltern weiterhinruhig und geduldig, dass sie in erster Linie für die Erziehungzuständig sind und dass nicht alles, was verbreitet wird, vernünftigist.Aber vielleicht, vielleicht gibt es ja noch eine Seniorenpubertät…ich habe da so zwei Schwägerinnen … Michael Lißstellvertr. Vorsitzender des FGA Hauptschule der GEW-NRWund Leiter einer Hauptschule in Siegburg

Was die Gymnasien jetzt brauchen: Mehr Planungssicherheit für G9 und zusätzliche Entlastung für Korrekturfachlehrer

Was die Gymnasien jetzt brauchen:Mehr Planungssicherheit für G9 und zusätzliche Entlastung für KorrekturfachlehrerAb dem Schuljahr 2019/20 wird an den Gymnasien in NRW wiederdas Abitur nach 9 Jahren Regelfall sein, sofern sie sich nichtausdrücklich – auf Initiative der Schulkonferenz – für das „Turbo-Abitur“ nach 8 Jahren entscheiden.Es wird aber – laut Schulministerium - nicht erwartet, dass vieleGymnasien davon Gebrauch machen werden.Betroffen sind von dieser Umstellung auch die Schüler, die sich zudem Zeitpunkt in der 6. Klasse befinden werden.Alle älteren Schüler aber werden – aller Voraussicht nach – nochdas „Turbo-Abitur“ machen müssen.Viele Eltern, Schüler und auch Lehrer begrüßen die Rückkehr zuG9. Dennoch werden im Vorfeld noch wichtige Rahmenbedingungenund Fragen geklärt werden müssen, um den Schulengenügend Planungssicherheit für die Umstellung zu verschaffen.Dazu gehören z. B. folgende Punkte:• Wann soll zukünftig die zweite Fremdsprache beginnen? (DieGEW NRW spricht sich für einen Beginn erst in Klasse 7 aus.)• Wie soll bei den G9-Schulen die Wahlfreiheit zwischen HalbundGanztagsschule gewährleistet werden?• Haben die Schulen genügend Raumkapazitäten?• Ab wann wird es neue Schulbücher geben?• Werden für die Umstellung genügend Lehrer zur Verfügungstehen?• Wie können die Fachschaften bei der notwendigen Lehrplan Überarbeitung unterstützt werden? Gerade in Bezug auf den letzten Punkt sehen die Gymnasiallehrerviel Arbeit auf sich zukommen und wünschensich, dass ihnen deutlich mehr Zeit und Unterstützung„von oben“ zur Verfügung gestellt wird als esbei der Umstellung auf G8 der Fall gewesen ist!Schließlich wird die qualitative Überarbeitung des Lehrplans nebenden „normalen“ Aufgaben wie Unterricht, Unterrichtsvorbereitung,Korrekturen, Elterngespräche, Verwaltungsaufgaben,Schulprogrammarbeit, Integration, Inklusion... gestemmt werdenmüssen!Insgesamt ist festzustellen, dass die Arbeitsbelastung für Lehrerinnenund Lehrer an allen Schulformen in den letzten Jahrendeutlich zugenommen hat.Für viele Kolleginnen und Kollegen kommt erschwerend hinzu,dass sie als Korrekturfachlehrer sehr viel zusätzliche Zeit amSchreibtisch verbringen müssen. So müssen Lehrer, die in derSekundarstufe II unterrichten, z. B. unter Umständen hundertevon Klausuren in einem Schuljahr korrigieren. Abiturprüfungen,Zweitkorrekturen und Facharbeiten nicht mit eingerechnet.Die GEW-Fachgruppe Gymnasium Gelsenkirchen fordertdeshalb: Mehr zusätzliche Entlastung für dieKorrekturfachlehrer!

Britta Logermann

Warum die AfD in einigen Stadtteilen besonders gut abschnitt

Eine Zäsur!“, so war in den Tagen nach der Bundestagswahl
von den Vertretern aller Parteien zum guten Abschneiden
der AfD zu hören. Diese Zäsur würde zum Nachdenken Anlass
geben, man müsse wieder zuhören, mit „den Menschen“ reden,
sie ernst nehmen. Davon ab, dass genau das, was man
jetzt „tun müsse“, das Kerngeschäft eines Politikers als Vertreter
der Wähler sein sollte, ist ein paar Wochen später davon
kaum noch die Rede. Um Inhalte und Positionen wird gerungen
in den Koalitionsverhandlungen. Business as usual? Es
scheint so.
Mehr als 20.000 Menschen haben in Gelsenkirchen die
AfD gewählt. Im einstmals ur-roten Gelsenkirchen muss
so eine Wahl nicht nur zum Nachdenken anregen. Seit dem
Niedergang der Montanindustrie leidet die Stadt unter einer
konstant hohen Arbeitslosigkeit
und ihrer Begleiterscheinungen. Das ist keine Neuigkeit. Nun
ist Gelsenkirchen auch noch zur ärmsten Stadt der gesamten
Republik gekürt worden. Es will nicht aufhören mit der negativen
Bewertung dieser Stadt.
Wirft man einen Blick auf die Zahlen zur Bundestagswahl
in den einzelnen Wahllokalen dieser Stadt, sieht man ein
teilweise sehr unterschiedliches Abstimmungsverhalten. So
finden sich die geringsten Zustimmunsgwerte für die AfD im
Wahllokal Bruder-Jordan- Haus in Buer-Ost mit 8,8 Prozent.
Aber auch im Gelsenkirchener Süden, im Wahllokal im Bildungszentrum,
konnte die AfD gerade mal 10,7 Prozent der
Stimmen holen.
Rechtsfreie Zone
Die prozentual größte Zustimmung stadtweit holte die
rechte Partei in der Kleingartenanlage Im Eichkamp in
der Resser Mark. 28,8 Prozent der Wählerinnen und Wähler
setzten hier ihr Kreuz bei der AfD. Schon bei der Landtagswahl
im Mai stach dieses Wahllokal mit 28,4 Prozent heraus.
Sicherlich lohnt sich ein Blick auf die jeweiligen Zustände in
den Quartieren, auch rund um den Eichkamp, um Erklärungen
für die hohe Zustimmung für die AfD zu finden.
Viele Anwohner in der Resser Mark klagten über die immer
offensiver, teilweise bedrohlichen agierenden Zuhälter,
die ihr Wirkungsfeld rund um den Straßenstrich an der Münsterstraße
erweiterten. Der Eindruck einer rechstfreien Zone
entstand. Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt, der Straßenstrich
ist von der Münsterstraße auf den Pendlerparkplatz an
der A2 gezogen. Doch die Unzufriedenheit sitzt tiefer.
Über Generationen hinweg haben die Anwohner der eigentlich
schönen, mitten im Wald gelegenen Siedlung den
Niedergang erlebt. Die Eichkampsiedlung grenzt direkt an
das große Naturschutzgebiet Emscherbruch. Nach dem Krieg
baute die LEG die Mehrfamilienhäuser, die nahe der Zeche
Graf Bismrack Schacht 7/8 g legen waren. Als die Zeche 1966
stillgelegt wurde, die Menschen ihre Arbeit verloren hatten,
errichteteman auf dem ehemaligen Zechengelände die Mülldeponie.
Statt Arbeit kam nun Müll. Lärm und Gestank gratis dazu.
Nun will die Deponiebetreiberin Abfallentsorgungs-Gesellschaft
Ruhrgebiet (AGR) Anfang 2018 einen Erweiterungsantrag
stellen. 1,5 Millionen Kubikmeter gefährliche Stoffe
mehr sollen neben Bauschutt im Emscherbruch abgeladen
werden. Zusätzlich verfielen in den letzten Jahrzehnten die
Häuser der Siedlung. Die 30 Wohnblöcke wurden erst 2012
mit Gas erschlossen, zuvor hatten die restlichen verbliebenen
Mieter mit Kohle oder Nachtspeicheröfen geheizt. Die Häuser
sind mittlerweile renoviert. Doch die lange Vernachlässigung
der Siedlung hat sich auch in der nachbarschaftlichen
Struktur niedergeschlagen. Hier leben heute viele Rentner,
die aufgrund kleiner Renten nicht weg wollten oder konnten,
und auch nach der Renovierung zieht die Mittelschicht ungern
an die Müllhalde. Alles in allem kein guter Nährboden
für eine hoffnungsvolle Stimmung, der die Chance auf Besserung
und Aufstieg innewohnt. Doch von einem klassischen
sozialen Brennpunkt kann man von der Eichkampsiedlung sicher
nicht sprechen. Aber auch hier scheint mit dem guten
AfD-Abschneiden eine große Unzufriedenheit einherzugehen.
Wer die AfD wählt, erzeugt Aufmerksamkeit. Allein das kann
schon ausreichend sein, um sich gegen die sogenannten etablierten
Parteien zu positionieren, die es bisher nicht verstanden
haben, die Belange der Bürgerinnen und Bürger ernst zu
nehmen. Verweise seitens der Lokalpolitik auf Landes-, Bundes-
oder Europarecht, gegen das man nichts machen könne,
frustrieren. Viele Hoffnungen auf Hilfe für ein konkretes Problem
in der Nachbarschaft zerplatzen.
Die Stigmatisierung der AfD hat ihr Übriges getan zur Popularisierung
der Partei. Auch die mantraartigen Erziehungsversuche
seitens Politik und Medien haben viele Bürgerinnen
und Bürger erst zu AfD-Wählern gemacht. Der Outlaw hat
immer eine Menge Sympathisanten. Das Phänomen des AfDAufstiegs
ist jedenfalls ein hausgemachtes, da helfen auch keine
Stempel wie „arm, ungebildet, männlich und abgehängt“.
Angst vor dem Abstieg
Ortswechsel in den Gelsenkirchener Südwesten, Heßler,
Zechenkolonie Grawenhof. Wer Besuchern von außerhalb
das Klischee vom Leben im Ruhrgebiet zeigen will,könnte
sie hier durchführen. Vorbei an den kleinen Häuschen mit
großem Garten, in dem zu Zechenzeiten einige Nutztiere Platz
fanden; in denen heute Gartenlauben mit Terrasse nebst mal
mehr, mal weniger gut gepflegten Blumenbeeten stehen und
am Fahnenmast die Schalke-Fahne weht. Im Stimmbezirk, in
dem der Grawenhof liegt, hat die AfD 28,4 Prozent geholt. Das
ist das zweitbeste Ergebnis in Gelsenkirchen. Nicht nur die alte
Zechenkolonie liegt im Stimmbezirk „1607 Kleingartenanlage
Terneddenhof“, sondern auch die kleine Wilhelmine-Victoria-
Straße und die Reihenhaussiedlung Große Hauwe. Dass nur
Abgehängte und Ungebildete die AfD wählen, trifft hier augenscheinlich
nicht zu. Ganz im Gegenteil.
Fragt man die Menschen vor dem Gafögbetriebenen
„Heßler Markt“ nach einer Erklärung für den Wahlerfolg der
AfD in ihrem Stadtteil, kommt oft die gleiche Antwort: Früher
habe es hier auf dem Fersenbruch so viele tolle Geschäfte
gegeben, jetzt stehe vieles leer, alles verkomme immer mehr.
Dreck, Sperrmüll, Unkraut zwischen den Gehwegplatten.
Aus ähnlichen Gründen hat sich vor einigen Jahren die
Bürgerinitiative „Netzwerk Heßler“ gegründet. Der überparteiliche
Verein will den Stadtteil nach vorne bringen und lebenswerter
machen. Mit Stadtteilfesten, Putzaktionen und
Netzwerkarbeit für ansässige Geschäftsleute. In der regelmäßigen
„Heßler-Runde“ wollen sie Akteure im Stadtteil zusammenbringen.
Heute ist die Leiterin der freiwilligen Feuerwehr
der neu eröffneten Wache an der Grothusstraße gekommen,
um sich vorzustellen. Seitdem das Steakhaus Fischer vorrübergehend
geschlossen hat, trifft sich die Runde in der „Heßler
Stube“, der einzig verbliebenen Kneipe. Das Ergebnis der
AfD in Heßler ärgert hier viele. Die Leute würden lieber Protest
wählen, anstatt sich mal selbst für den Stadtteil zu engagieren.
Das Grundproblem aus ihrer Sicht: Heßler werde
von der Politik oft vergessen. Der Stadtteil sei zu klein und zu
sehr am Rand gelegen. Außerdem sei es hier eben noch nicht
so schlimm wie anderswo in Gelsenkirchen. Aber wollen wir
denn warten, bis es hier auch schlimm wird?, so die Frage eines
Teilnehmers.
Vielleicht ist genau das der Kern des AfD-Erfolgs in Heßler.
Schließlich wirbt die AfD damit, Schlimmeres verhindern
zu können. Angst vor dem Abstieg kann nur jemand haben,
der noch etwas zu verlieren hat. Und zu verlieren gibt es im
Grawenhof immer noch viel.
Beide Beispiele zeigen, dass die Beweggründe zur AfDWahl
äußerst unterschiedliche sein können, einen wird
sicherlich beide Milieus die Frage nach der Zukunft: der eigenen,
vielleicht die der Kinder oder Enkelkinder. In welchem
Gelsenkirchen werden wir in zehn, in zwanzig Jahren leben,
mag sich mancher fragen. Und wird dies ein gutes Gelsenkirchen
sein?
Die bisherige Entwicklung dieser Stadt prognostiziert ein
eher anderes Bild. 41 Prozent beträgt der Anteil der Kinder
und Jugendlichen, die von Hartz IV und Sozialhilfe leben. Wiedereinmal
ist Gelsenkirchen bundesweiter Spitzenreiter. Im
Vergleich: die niedrigste Quote hat das bayerische Illm mit 2,2
Prozent. Die Gründe liegen laut Studie des Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliche
Instituts (WSI) in der wachsenden Zahl
anerkannter Flüchtlinge, die nun nach und nach vom Asylsystem
ins Hartz-IV-System wechseln. Doch auch Zuwanderer
sind überdurchschnittlich oft im Leistungsbezug. Und somit
ihre Kinder. Demgegenüber sei die Zahl der Kinder und Jugendlichen
mit deutscher Staatsangehörigkeit sowohl ohne
als auch mit Migrationshintergrund, die Hartz IV beziehen,
gesunken.
Mehr als die Häfte (53 %) aller Kinder und Jugendlichen in
Gelsenkirchen haben eine Wanderungsgeschichte. Für
neu zugewanderte Kinder hat die Stadt seit langem die sogenannten
Internationalen Förderungsklassen eingerichtet. Hier
werden Kinder unterrichtet, die kein oder kaum Deutsch sprechen.
Doch die Klassen platzen aus allen Nähten, und es gibt
nicht genügend Lehrer. Die Stadt Gelsenkirchen muss eigens
in Lehrerseminaren für den Standort
werben. Lehrer anderer Kommunen wie Münster werden
nach Gelsenkirchen geschickt. Doch ausreichend ist das nicht.
Es herrscht Mangel an den hiesigen Schulen, sowohl in personeller
als auch in räumlicher Hinsicht. Besonders die Grundschulen
sind betroffen. Flüchtlingskinder und Kinder der rumänischen
und bulgarischen Zuwanderer stellen die Schulen
vor besonders große Herausforderungen.
Nachrichten des Scheiterns
Die Folgen tragen vor allem die Kinder, alle Kinder, denn
Lernen braucht Platz, Zeit, Ruhe und Zuwendung der
Lehrkraft. Doch das kann die normale Grundschule nicht mehr
leisten. Das macht sich in der letzten Studie
bemerkbar, die das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen
durchgeführt hatte. Die Ergebnisse bescheinigten
einen drastischen Rückgang in Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz
bei Grundschülern. Als Grund wird der gestiegene
Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Klassen
benannt. Und für die nächsten Jahre wird es nicht besser aussehen,
denn in die Studie sind die Kinder, die im Jahr 2015
nach Deutschland kamen, nicht miteingerechnet. Die Politik
hat darauf, zumindest bisher, keine Antwort. Zu wenig Lehrkäfte,
zu wenig Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, die die Lehrer
unterstützen könnten. Auch in Sachen Schulabbrecherquote
zeigt sich Gelsenkirchen ganz vorn. 11,8 Prozent junger Menschen
eines Jahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss.
All diese Nachrichten des Scheiterns, all diese düsteren
Entwicklungen erzeugen ein depremierendes Klima in der
Stadtgesellschaft. Hier stimmt vielleicht das Bild des „Abgehängtseins“,
das viele den Wählern der AfD nachsagen. Aber
auch das gute Abschneiden der FDP ist kein Attest für eine als
gut empfundene Arbeit der beiden Volksparteien, die sich mit
ihren Entscheidungen – oder auch nicht getroffenen Entscheidungen
– bis tief in die Quartiere gräbt.
von
Denise Klein und Tobias Hauswurz
Quelle:29/ November 2017 isso GE

Gute Bildung schafft eine bessere Demokratie!? Oder das Märchen: Mehr PS im Stau bedeutet weniger Stau!?

Nun ist es passiert, was in den Augen der Menschen aus der bildungs- und einkommensetabliertenGesellschaftsschicht undenkbar schien: Der Populismus setzt sich durch! Mal abgesehen davon, dass durch die Wortwahl „Populismus“ schon wiederdas Gleiche gemacht wird wie mit den Menschen, die am Rande unserer Gesellschaftstehen – nämlich Abwertung, Dämonisierung, Ausgrenzung –, ist es dochnotwendiger denn je, sich mit dem Aushöhlen unseres gesellschaftlichen Seins inDeutschland auseinanderzusetzen. Als langjähriger Hauptschullehrer und –leiter sind mir diese Schichten, auf die nun die politische Elite sowie die meistenMedienvertreter verängstigt schauen, nicht fremd. Es ist nicht verwunderlich,was sich jetzt wieder abspielt: empörtes Erschrecken, Suchen nach Schubladen, indie man diese Menschen stecken kann, „Experten“ befragen und Lösungen fürdie Betroffenen suchen (nicht mit den Betroffenen). Dahinter steht die Sorge, dassder eigene Status und das eigene Dasein nicht werden gehalten werden können.Ich möchte keine lange Analyse der Fehler der Vergangenheit machen, lediglich einigekurze Anmerkungen: Der Umbau der Gesellschaft mit der gleichzeitigen Umverteilung von Vermögenund Macht hat vor langer Zeit begonnen (die Bertelsmann-Stiftung als einer der Hauptprotagonisten ist 1977gegründet worden, die Kultusminister/-innen Schwier, Behler, Schäfer, Sommer kamen alle aus Ostwestfalen, dem Sitzder Stiftung). Das immer wiederholte Mantra „Privat vor Staat“ tat ein Übriges.Insofern waren die „Reformen“ unter Gerhard Schröder nur folgerichtig.Parallel dazu wurden im wirtschaftlichen Sektor der Konsument und der Gewinn wichtiger als der Arbeitnehmer und im pädagogisch-humanistischen Bereich der Individualismus. Nicht umsonst ist heute die „individuelle Förderung“ einer der Kernbereiche im Schulgesetz. Dass dabei die andere Seite der Medaille (Solidarität,Gemeinschaftsgeist, Verantwortung für andere oder deren Zukunft) auf der Strecke blieb, dämmert erst jetzt so manchem(leider noch viel zu wenigen Menschen).Narzissmus und Entsolidarisierung sind die Voraussetzungen für die Mehrung desReichtums von Wenigen – und das ist ja sehr gut gelungen. Natürlich ist diese Sicht sehr verkürzt,aber ist sie deswegen falsch? Und jetzt wehren sich die Abgehängten, die Ausgegrenzten, die Verarmten, diejenigen,die den sozialen und materiellen Absturz fürchten. Und wie sollen sie sich wehren? Vielleicht können sie es nur,wenn sie in Wahlen das Gleiche machen, wie wir es jetzt in den USA beobachten konnten: Abstimmen gegen die Klasse deretablierten Politiker und Parteien. Diese sind jetzt aufgeschreckt und fangen an, sich zu wehren. Nicht diskutiert wirdüber eine grundsätzlich andere Steuerpolitik (die Grünen machen es ja auch nur ein bisschen), nicht diskutiert wird überneue Steuerungsmodelle im Wohnungsbau oder bessere Kinderbetreuung, nicht diskutiert wird über Schließung von Steuerschlupflöchern(der Finanzminister hat dabei schon einiges auf EU-Ebene verhindert), nicht angegangen werden Spekulationsgewinneauf Boden und Nahrung, nicht geändert wird die seit langem andauernde Enteignung der Sparer und Vorsorgeanlagender unteren Mittelschicht. Schon gar nicht wird in Frage gestellt, dass man mit Geld mehr Geld verdient alsmit Arbeit. Aber man muss doch etwas für die Ausgegrenzten tun!?!? Richtig: Bildung!!! Denn sind diese Menschengenug gebildet, wählen sie auch wieder das Bisherige. Welch ein Irrtum! Dazu zwei Beobachtungen aus meinemberuflichen Bereich: Als die Ladenschlusszeiten geändert wurden (wochentags bis 22 Uhr und an vielen Sonntagen auch), hat man eine bestimmteKäuferklientel im Auge gehabt: Jüngere, die nachmittags und abends arbeiten, genügend Geld, aber angeblich keine Zeitzum Einkaufen haben. Ich aber habe erlebt, dass gerade die Kinder, die es nötig gehabt hätten, dass ihreMütter sich um sie kümmern müssten, plötzlich sehr lange Zeiten allein waren: Weil ihre Mütter an den Kassen sitzenoder Regale einräumen mussten oder als Reinigungskräfte spätabends oder nachts unterwegs waren. Denn genau dieseMenschen haben den Preis dafür bezahlt, dass Einkaufen zu jeder Zeit möglich ist. Dass dann „Betreuungssysteme“ aufgebautwerden mussten, natürlich mit Steuermitteln, war die Folge. Schlimm für eine Generation von Kindern, die ihre Elternnur müde oder abwesend erleben. Die Ergebnisse können wir in den Schulen und Kitas beobachten.Ich will hier nicht gegen die Berufstätigkeit von Eltern sprechen, im Gegenteil, ich habe es immer als gut erlebt, wennEltern gearbeitet haben. Aber die Bedingungen und die Arbeitszeiten gerade der prekären Schichten sind vielfach äußerstfamilienfeindlich. Bildung braucht auch immer einen Abnehmer. Wie oft haben wir in den Schulen versucht,den Schüler/innen klar zu machen, dass eine bessere Bildung mehr Chancen zum eigenständigen Leben eröffnet. Undmussten immer wieder feststellen, dass manche (viele?) einfach keine Anstrengungen beim Lernen unternommen haben.Bestätigt hat das eine Frage eines Achtklässlers an mich: Warum soll ich denn lernen, wenn ich sowieso keinenJob bekomme? Tja, da ist man als Lehrer antwort- und sprachlos. Wie kommt ein junger Mensch zu so einerAussage? Sein älterer Bruder hat trotz eines Mittleren Schulabschlusses und eines guten Benehmens bei ca. 45 Bewerbungen keinenAusbildungsplatz bekommen (nein, nicht nur die Modeberufe!). Sein Vater ist nach 27jähriger Berufstätigkeit entlassenworden: der Betrieb hat zugemacht trotz schwarzer Zahlen. Er sitzt seit einem halben Jahr zuhause. Dieses Erleben und vieleandere Beispiele in seiner Umgebung haben diesem Jungen gezeigt: Anstrengung lohnt sich nicht, du hast sowiesokeine Chance. Und dieses gilt ja nicht nur in der freien Wirtschaft, auch an Hochschulen und selbst beim Staat wird mit Zeitverträgen und Mindestlohn sowie unterschiedliche Bezahlung für gleiche Tätigkeiten gearbeitet.Wie soll sich dann eine wissenschaftliche Elite und ein handlungsfähiger Staat für morgen und für alle Bürger entwickelnkönnen? Da aber schulisches Tun nicht nur auf die Kompetenz der Lehrkraft angewiesen ist, sondern auch von der Bereitschaft derLernenden abhängt (das wird ja von der Qualitätsanalyse und der Schulaufsicht vielerorts geflissentlich übersehen), kannman noch so viel investieren: es kommt nicht an! Denn es fehlt die Perspektive: Ein Arbeitsplatz und ein Einkommen,das nicht nur die Grundlagen des Lebens sichert, sondern auch über lange Zeit Bestand hat. Und genau an dieser Perspektivemangelt es. Verlässliche Lebensvorsorge gibt es nicht mehr. Und hier schließt sich der Kreis: Solange auf diese gesellschaftlichen Entwicklungen(Entsolidarisierung und mangelnde Lebensperspektive bei gleichzeitiger Umverteilung von unten nach oben) keine umfassendeund alle Menschen mitnehmenden Antworten gefunden werden, solange wird auch das Bemühen um eine bessereund breitere Bildung nicht greifen! Natürlich muss viel mehr in Bildung investiert werden, sehr viel mehr sogar. Weraber glaubt, dass sich deswegen politisch etwas ändert, dass Menschen wieder mehr der politischen Elite vertrauen, derhat wirklich nicht verstanden, was sich derzeit ereignet. Michael Liß stellvertr. Vorsitzender des FGA Hauptschule der GEW-NRWund Leiter einer Hauptschule in Siegburg  

Horster Appell

 

Im zurückliegenden Jahrzehnt sind die Belastungen für Gelsenkirchener Schulen enorm gestiegen. Diverse Aufgaben und Herausforderungen (Probleme) gehen über die Belastungsgrenze hinaus und gefährden die Gesundheit unserer Pädagoginnen und Pädagogen. Wir appellieren deshalb an die, in unserem Lande, für Bildung Verantwortlichen durch Entlastungsmaßnahmen und Anreize die pädagogische Arbeit an Gelsenkirchener Schulen wieder attraktiv zu machen.

1. Entlastungsmaßnahmen

a) personelle, sächliche und materielle Unterstützung

b) im Rahmen der Unterrichtsverpflichtung eine Organisationsstunde pro Unterrichtstag

 c) altersermäßigungsunschädliche Teilzeit in Höhe von 10% der Unterrichtsverpflichtung

d) Altersermäßigung ab 50 in den Schritten ab 50: - 1 UE; ab 55:- 3 UE; ab 60: - 6 UE; ab 63: - 10 UE

2. Anreize

a) ruhegehaltfähige Erschwerniszulage

b) abschlagsfreie Pensionierung vor dem 67. Lebensjahr; pro geleistetem Dienstjahr einen Monat früher

c) Präventionsangebote zum Erhalt der Gesundheit

 

JAHRBUCH für PÄDAGOGIK 2015 - Inklusion als Ideologie?

Seit einigen Jahren beherrscht das Thema Inklusion Land auf – Land ab die bildungspolitische Diskussion in der Gewerkschaft, in den Parteien, in den Lehrerzimmern. Kritik, die indiesen Diskussionen laut wird, richtet sich zumeist gegen die fehlenden Ressourcen. Da beklagen sich Kommunen, dass sie die zusätzlichen Kosten nicht schultern können, da melden sich Lehrerinnen und Lehrer zu Wort, die auf die große Belastung
im Unterricht hinweisen, die sie nun zusätzlich zu leisten haben. Dabei gerät die wissenschaftliche Diskussion zu dieser Frage in den Hintergrund. Ich hatte in dieser Zeitung zuletzt im August 2013 auf den Aufsatz von Professor R. Dollase „Grenzen
der Inklusion“ hingewiesen. Nun fiel mir das JAHRBUCH für PÄDAGOGIK 2015 in die Hände. Titel: Inklusion als Ideologie.  Aus 351 Seiten finden wir eine Sammlung von Aufsätzen, die sich aus wissenschaftlicher Sicht kriti sch mit der „Inklusionsbewegung“ auseinandersetzt. So schreiben die Herausgeber Sven Kluge, Andrea Liesner und Edgar Weiß im Editioral:  
• …„nichts desto weniger lässt die aktuelle Inklusionsrhetorik vermuten, dass durch sie die Umsetzung emanzipatorischer Anliegen de facto erschwert wird, …“
• …„die inklusionspädagogischen Konzepte weisenWidersprüche auf, die durch die offizielle Inklusionsrhetorik allenfalls vernebelt werden.  Die für die  Inklusionspädagogik charakteristischen Forderungen nach ‚Individualisierung‘ und ‚Heterogenitätssensibilität‘ werden vor dem Hintergrund gleichzeitiger Standardisierung und der uneingeschränkten Akzeptanz der Selektionsfunktion der Schule faktisch zur Farce.“ „Die Tatsache, dass sich Inklusion hervorragend zum neoliberalen Sparmodell eignet, bzw. die Einebnung spezifischer Fördereinrichtungen und die umstandslose Überantwortung deren vormaliger Aufgaben an die Regelschulen kostensparend ist, ist geeignet, die humanitären Ansprüche der Inklusionspädagogik als fragwürdig erscheinen zu lassen.“ Die Inklusionsdebatt e sti lisiert die Inklusion und problematisiert sie im Sinne einer Allumfassungs- Illusion und zum vermeintlichen Wert an sich. 
• -„Die Debatte über Inklusion (würde) im Mainstream auf wenig mehr hinauslaufen, als die Einpassung in das bestehende System bis an die Grenze der Zumutbarkeit für alle Beteiligten. Karl-Heinz Dammer ist mit einem Aufsatz vertreten: „Gegensätze ziehen sich an – Gemeinsamkeiten zwischen Inklusion und Neoliberalismus“ Einen Absatz überschreibt er „Das Hochamt des Individuums“. Er spricht von der „neuen Lernkultur“ und formuliert dann wie folgt, dass dieser Erziehungsversuch – sei es schulisch oder durch flächendeckende Propaganda – Früchte trägt belegt u. a. die „Optimized-Self“-Bewegung derer, die ihren Lebenswandel in möglichst jeder Hinsicht selbst digital kontrollieren, um „optimal aufgestellt“ zu sein. Unabhängig davon, wie bunt Inklusion ihre rhetorischen Girlanden um das Individuum flechten mag, ist sie im Rahmen „neuer Lernkultur“, vorsichtig formuliert, dazu angetan, eben dieses Individuum neoliberal auf Linie zu bringen. Sie leistet damit für die Formierung des „unternehmerischen Selbst“ mindestens genauso viel, wenn nicht mehr, als die standardisierte Kompetenzmessung, denn diese kann nur den Grad der Erfüllung bestimmter Vorgaben zu Protokoll geben, während die „neue Lernkultur“ bei der Veränderung der Individuen selbst ansetzt. PISA dient dazu, von außen künstliche Wettbewerbe (vgl. Binswanger 2010) zu inszenieren und damit das Bildungssystem als Ganzes im Sinne neoliberaler Dauerreform zu mobilisieren, dies kann aber langfristig nur dann gelingen, wenn gleichzeitig auch die einzelnen Menschen durch Erziehung zur Selbststeuerung mobilisiert werden. Knapp gesagt: Die von Foucault vorgedachte und von Deleuze so bezeichnete „Kontrollgesellschaft“, in der Fremdbestimmung sich als Selbstbestimmung artikuliert, braucht Inklusion, was vielleicht auch erklären mag, warum ein theoretisch so schwach begründeter Begriff wie „Inklusion“ in, verglichen mit früheren Bildungsreformprozessen, atemberaubender Geschwindigkeit und Betriebsamkeit in die Praxis umgesetzt wird. Zum Schluss noch eine Leseprobe aus dem Aufsatz von Edgar Weiß: Inklusionsideologie und pädagogische Realität. Vor allem aber ist es für die Inklusionspädagogik kennzeichnend, dass sie die Einsicht: „Die Gesellschaft , die Ausgrenzung bewirkt, muss selbst verändert werden, wenn denn Ausgrenzung überwunden werden soll“ (Kronauer 2010, S. 134) unbeachtet lässt. Der Umstand, dass soziale Asymmetrien, damit immer auch Formen sozialer Exklusion, dem Kapitalismus wesensgemäß sind und dass sozialstrukturell bzw. klassen- und schichtenbedingte Ungleichheiten nicht durch inklusionspädagogische Innovationen überwunden werden, bleibt zugunsten idealistischer Appelle unreflektiert. Unreflektiert bleibt damit zugleich dass idealistische Inklusionspädagogik mit den kapitalistischen Bedingungen nicht nur kompatibel bleibt (vgl. Dammer 2011, S. 27; Bernhard 2012, S. 344 ff .), sondern für deren Verschleierung geradezu in Dienst genommen werden kann. Es ist kein Zufall, dass der neoliberale Kapitalismus sich die „Heterogenität als Chance“-Konjunktur im Zuge von „Management Diversity“ zunutze macht (vgl. Stroot 2007), der Bertelsmann-Konzern „Inklusion“ „zu seinem Anliegen“ erhoben hat (Bernhard 2012, S. 346) und die Vereinbarkeit der Inklusionspädagogik mit der schulischen Selektionsfunktion betont wird, die eben zum „marktwirtschaftlich-demokratischen System“ gehöre, „das in partiell hierarchische Organisationen strukturiert ist“ (Prengel 2011, S. 38). Darauf, dass die populär gewordene Inklusionsrhetorik unter dem Anspruch der Menschenfreundlichkeit eine wenig menschenfreundlich beschaffene Realität ideologisch kaschiert, verweisen verschiedene Fakten. Angesichts des Umstandes, dass die bestmögliche Förderung besonders Förderbedürftiger durch inklusive Schulen deren – sich faktisch keineswegs abzeichnende – bessere Ausstattung mit den erforderlichen Ressourcen erforderte, lässt sich der bildungspolitisch verfügte Inklusionszwang als Versuch begreifen, „die Austeritätspolitik im Bildungsbereich unter einem humanen Deckmantel fortzuführen“ (Bernhard 2012, S. 348). Mithin verschleiert die inklusionskonstitutive Individualisierungs- Euphorie die Tatsache, dass sich das ihr zugrunde liegende Begriffsverständnis einer bestimmten semantischen Zurichtung bedient. Individualisierung ist insoweit ein „widersprüchlicher Prozeß der Vergesellschaftung“, als sie nicht nur den emanzipatorischen Auf- und Ausbruch aus traditionellen Gegebenheiten bedeuten kann, sondern auch den Umstand benennt, dass Menschen heute „verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen“ sind (Beck 1986, S. 119, 116). Individualisierung heißt insofern, dass Systemprobleme „in persönliches Versagen abgewandelt“ werden (ebd., S. 118).            von Karl-Heinz Mrosek