Schulen in Gelsenkirchen

Start ins Schuljahr 2021/22

Die Berichterstattung der letzten Wochen, insbesondere in der Lokalpresse, ist eine schallende Ohrfeige für die Politik. „Beste Bildung“ ist uns versprochen worden und die Ministerin sprach sogar von „Weltbeste Bildung“. Angesichts der neuen Zahlen zur Lehrkräftebesetzung in Gelsenkirchen (siehe Titelseite und WAZ vom 17. August), die einen extremen Lehrer*innenmangel widerspiegeln, wird das Scheitern auf breiter Linie deutlich. Auf der Internetseite der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wird der neue Bildungsmonitor 2021
betitelt mit die „Bildungsgerechtigkeit droht unter die Räder zu kommen“. Diese Studie stellt heraus, dass in Nordrhein- Westfalen die öffentlichen Bildungsausgaben im Vergleich der Bundesländer am geringsten ausfallen. Im Bereich der Primarstufe lagen die Ausgaben laut Bildungsmonitor pro Schüler bei 6100€ und damit 1000€ unter dem Bundesdurchschnitt (siehe Bildungsmonitor 2021, S.169). Auch im Bereich der Bildungsarmut belegt NRW den Platz 14. „Bei der Überprüfung der Bildungsstandards erreichten überdurchschnittlich viele
Neuntklässler im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften
nur die unterste Kompetenzstufe.“ Bereits in der Grundschule war bei den Viertklässlern der Anteil der Risikoschüler relativ hoch (ebd. S.169). Für uns in Gelsenkirchen ist dies nichts Neues und auch keine Überraschung. Die zunehmende Dramatik verschlägt uns allerdings den Atem. Wir als GEW in Gelsenkirchen und Gladbeck haben immer
wieder und unaufhörlich auf die Situation im pädagogischen Bereich hingewiesen. Bereits 2014 hat die GEW in einem Pressegespräch auf den drohenden Systemkollaps aufmerksam gemacht. Selbst die vier Bezirksbürgermeister und die Bezirksbürgermeisterin der fünf Gelsenkirchener Stadtbezirke schlagen Alarm (siehe WAZ vom 29. Juli 2021) und sehen den sozialen Frieden in Gefahr. Ihre größte Sorge: „Ganz Gelsenkirchen schaut machtlos zu, wie unsere Stadt den Bach runter geht.“ Der Deutsche Städtetag bringt es im November 2012 in
seiner Münchener Erklärung (Kongress „Bildung gemeinsam verantworten“) auf den Punkt: „Die bestehenden Hemmnisse für ein gemeinsames Handeln in der Bildung in rechtlicher, struktureller und finanzieller Hinsicht müssen beseitigt und zu einer konstruktiven Zusammenarbeit weiterentwickelt werden. Kommunales Engagement in der Bildung erfordert eine aufgabengerechte Finanzausstattung.“
Die GEW-NRW hat mit ihrem Gewerkschaftstag 2017 „Bildung gegen Spaltung“ dieses Problemfeld in den Fokus gerückt. Nicht ohne Grund war es der GEW Gelsenkirchen und Gladbeck in Kooperation mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Emscher-Lippe in der Corona-Zeit im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Reden wir über … DER ZUKUNFSTSDIALOG“ (Oktober 2020) wichtig, dieses Thema zu besetzen und Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Unser GEW-GE Bildungsreferent, Alfons Kunze, wird in diesem Zusammenhang nicht
müde, wenn er stets darauf hinweist, dass die Bundesrepublik Deutschland eben nicht machtlos zuschauen muss. Denn sie hat die Möglichkeit, auf Grundlage des Artikels 104c unseres Grundgesetzes Ländern und Kommunen Finanzhilfen zu gewähren. Das Land NRW wiederum könnte auf Grundlage des Artikels 78 der Landesverfassung mit einer Kostenfolgeabschätzung das Finanzvolumen für den Bildungsbereich und andere seriös abbilden.
Liebe Kolleg*innen, wir haben in der Tat kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Deshalb führen wir regelmäßig (Landtags-) Gespräche für eine nachhaltige Bildungsfinanzierung und bessere Arbeitsbedingungen (siehe S. 2). Möge der Appell vom Lokalpolitiker Frank Norbert Oehlert (WAZ, 30. Juli 2021) die Vertreter aller Parteien erreichen: „Dies funktioniert nur gemeinsam, um endlich ein Verständnis für unsere Situation vor Ort zu schaffen […]“.
Reden wir über … „Perspektiven durch Bildung“ schaffen!
Lasst uns deshalb gemeinsam „Bildung. Weiter denken!“
Ich lade euch herzlich ein, sich unserer GEWerkschaftsbewegung anzuschließen und erforderliche Prozesse aktiv mit zu gestalten!

Glück auf Zukunft! Ihr / euer
Lothar Jacksteit

 

Schulen in Gelsenkirchen
Schulen in Gelsenkirchen

Notstands-Republik


In einer seiner November-Ausgaben titelte jüngst der Stern „Kassen voll, Land kaputt! Denn in Deutschland fehlen Tausende Beamte. Mit gravierenden Folgen für uns alle.“ Der Autor Walter Wüllenweber hält darin fest, dass bundesweit aktuell 200.000 Stellen nicht besetzt werden können und sich diese Zahl bis 2030 auf 800.000 erhöhen wird. Grund dafür sei die langjährige Sparpolitik und die Linie des schlanken Staates. Er kommt zu dem ernüchternden Ergebnis: „Der menschlichen Infrastruktur erging es so wie den Brücken, Straßen und Gebäuden: Sie wurden über Jahrzehnte vernachlässigt und auf Verschleiß gefahren. Die Folge sind nicht funktionierende Behörden und Staus beim Service, […]. Der öffentliche Dienst ist ein Sanierungsfall.“
Auch wir in NRW können davon ein Liedchen singen. Nahezu alle Bereiche beklagen den Kräftemangel und die damit bereits spürbaren Folgen.
Im Bildungsbereich ist seit Veröffentlichung der Lehrerbedarfsprognose klar das in NRW (Stand 2018) bis 2025 etwa 15.000 Lehrkräfte im Bereich der Primar- und Sekundarstufe I fehlen werden. Entgegen des oben genannten Trends werden allerdings in der Sekundarstufe II ca. 16.000 Kolleginnen und Kollegen zu viel auf dem Arbeitsmarkt sein. Die Studie der Bertelsmann Stiftung geht sogar davon aus, dass sich die Länder verrechnet haben und der Personalmangel noch drastischer ausfallen wird (s. Grafiken). Die kurzsichtige Politik müssen Kinder, Eltern aber auch gerade wir Beschäftigten ausbaden. 
Die GEW-Gelsenkirchen versucht den Rat der Stadt Gelsenkirchen davon zu überzeugen, dass es an der Zeit ist den Bildungsnotstand auszurufen. Bei so vielfältigen und vielschichtigen Problemen wie im Ruhrgebiet kann nur mit Hilfe des Landes und der BRD eine nachhaltige Lösung gefunden werden. 
Lothar Jacksteit