Schulen in Gelsenkirchen
Schulen in Gelsenkirchen

Notstands-Republik


In einer seiner November-Ausgaben titelte jüngst der Stern „Kassen voll, Land kaputt! Denn in Deutschland fehlen Tausende Beamte. Mit gravierenden Folgen für uns alle.“ Der Autor Walter Wüllenweber hält darin fest, dass bundesweit aktuell 200.000 Stellen nicht besetzt werden können und sich diese Zahl bis 2030 auf 800.000 erhöhen wird. Grund dafür sei die langjährige Sparpolitik und die Linie des schlanken Staates. Er kommt zu dem ernüchternden Ergebnis: „Der menschlichen Infrastruktur erging es so wie den Brücken, Straßen und Gebäuden: Sie wurden über Jahrzehnte vernachlässigt und auf Verschleiß gefahren. Die Folge sind nicht funktionierende Behörden und Staus beim Service, […]. Der öffentliche Dienst ist ein Sanierungsfall.“
Auch wir in NRW können davon ein Liedchen singen. Nahezu alle Bereiche beklagen den Kräftemangel und die damit bereits spürbaren Folgen.
Im Bildungsbereich ist seit Veröffentlichung der Lehrerbedarfsprognose klar das in NRW (Stand 2018) bis 2025 etwa 15.000 Lehrkräfte im Bereich der Primar- und Sekundarstufe I fehlen werden. Entgegen des oben genannten Trends werden allerdings in der Sekundarstufe II ca. 16.000 Kolleginnen und Kollegen zu viel auf dem Arbeitsmarkt sein. Die Studie der Bertelsmann Stiftung geht sogar davon aus, dass sich die Länder verrechnet haben und der Personalmangel noch drastischer ausfallen wird (s. Grafiken). Die kurzsichtige Politik müssen Kinder, Eltern aber auch gerade wir Beschäftigten ausbaden. 
Die GEW-Gelsenkirchen versucht den Rat der Stadt Gelsenkirchen davon zu überzeugen, dass es an der Zeit ist den Bildungsnotstand auszurufen. Bei so vielfältigen und vielschichtigen Problemen wie im Ruhrgebiet kann nur mit Hilfe des Landes und der BRD eine nachhaltige Lösung gefunden werden. 
Lothar Jacksteit
 

Unsere Arbeitsbedingungen I – läuft da was?

 

Unsere Arbeitsbedingungen in Gelsenkirchen - was lag an  in den letzten Monaten? Die Texte sollen  einen Überblick  geben über unterschiedliche Initiativen  – angefangen mit der Ratsresolution.  
Wir haben, bis auf den Leserbrief, die umfangreichen Texte gekürzt. Die Volltexte sind nachzulesen unter 
masterplan-bildung.ruhr/2019/04/29/gelsenkirchen-ist-auf-dem-weg/ 
Die Grafik zur Resolution ist von uns hinzugefügt.

Resolution zur Lehrerversorgung in Gelsenkirchen

Schulen in Gelsenkirchen

„Lehrerversorgung an Gelsenkirchener Schulen sichern und stärken!“ (23.05.2019)
Wir wollen allen Kindern den für sie besten Bildungserfolg und individuelle Zukunftschancen unabhängig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern ermöglichen.
Die Bevölkerungszusammensetzung in manchen Stadtteilen ist derart vielfältig, dass Integration kein Selbstläufer mehr ist, sondern weitreichende Ressourcen erfordert, die diese Prozesse initiieren und in gute Bahnen lenken. Für unsere Stadt muss ein Sofortprogramm, analog zu den Talentschulen, aufgelegt werden.
Eltern und die Beschäftigten im Bereich Bildung und Erziehung erwarten, dass diese Realitäten nicht mehr kleingeredet werden: 
•    Stadt mit dem höchsten Sozialindex in Deutschland: 100
•    Stadt mit dem höchsten % - Anteil von Kindern in SGB II – Bedarfsgemeinschaften
•    dazu kommt: EU-Osterweiterung – Aufnahme von 8000 Personen 
•    dazu kommt: Flüchtlinge – Aufnahme von 6900 Personnen
o    davon 1400 Kinder unter 3 Jahren
o    1150 Kinder über 3 Jahren
o    3500 Kinder im schulpflichtigen Alter            
•    1800 SchülerInnen sind bereits ins Regelschulsystem integriert.

Diese Realitäten müssen durch konkretes Handeln beherzt in Angriff genommen werden.
Für Lehrkräfte müssen Anreize und Entlastungstatbestände geschaffen werden, damit der Lehrerberuf in unserer Stadt interessant ist und auch längerfristig ausgeübt werden kann.

Bildungsnotstand ausrufen!
GEW fordert vom Rat der Stadt ein klares Zeichen
Die GEW Gelsenkirchen/ Gladbeck hat mit einer  Pressemitteilung für Aufsehen gesorgt. Wir blicken zurück. Das Schreiben von Stadträtin Berg und unsere Antwort sind gekürzt. 
 

Betreff: Bildungsnotstand

Von: Katrin Korte <korte-katrin@web.de>

Schulen in Gelsenkirchen



Datum: 10. Juli 2019 08:40:04 MESZ
An: redaktion.gelsenkirchen@waz.de

Die Lehrerinnen und Lehrer machen gerade die gleiche Erfahrung wie die Kinder und Jugendlichen, die sich um die Klimakrise sorgen. Der Bildungsnotstand wird dazu führen, dass wir mindestens eine Generation an Schülerinnen und Schülern nicht angemessen ausbilden können. Wir werden in unseren Sorgen nicht ernst genug genommen, um tatsächlich schnelle Entscheidungen zu treffen, die eine positive Trendwende in der Bildungspolitik schaffen. Dabei ist es ein Trauerspiel, wenn offensichtlich das größte Anliegen ist, die Schuld bei anderen zu suchen. Die vier Talentschulen sind kein Lichtblick, sondern bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Grundschulen werden mit ihren Sorgen und Nöten nur noch bedauert statt wenigstens Mittel freizugeben, um durch andere Professionen Linderung zu verschaffen.
Wenn die FDP das Aufrütteln der GEW Symbolpolitik nennt, müssen wir dagegenhalten:
Wir haben keine Zeit mehr, um leise um Verbesserungen zu bitten oder abzuwarten.
Es ist fünf nach zwölf in Gelsenkirchen!!!
Katrin Korte

Schreiben von Stadträtin Berg zur Pressemitteilung (20.08.2019)

Das einstimmige Votum für die Resolution zeigt ... das hohe Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder des Rates für die Kinder und Jugendlichen unserer Stadt, für die schwierigen Rahmenbedingungen für die Lehrerinnen, Lehrer und sozialpädagogischen begleitenden Kräfte von Land und Bund.
Es müssten gute, ja vielleicht sogar die besten Pädagogen an unsere Schulen, prioritär in Quartiere mit schwierigen Lebens- und Lernausgangslagen.
Der Forderung, den Bildungsnotstand auszurufen, werde ich nicht nachkommen, und auch dem Rat keine Empfehlung geben. Mit dem Begriff würde der falsche Eindruck eines an allen Stellen des Bildungsbereichs existierenden Notstands entstehen. 
Wir analysieren zusammen mit den Schulleitungen, Schulaufsichten und meiner Bildungsverwaltung die Situation an den Schulen und arbeiten im Rahmen der staatlich – kommunalen Verantwortungsgemeinschaft an guten und nachhaltigen Lösungen.
 

Lehrerversorgung an Gelsenkirchener Schulen sichern und stärken (12.09.2019)

Antworten der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage mit Bezug zur Ratsresolution der Gelsenkirchener SPD MdL Heike Gebhard und Christian Watermeier (Auszug)

Stand eines Sofortprogramms zur Sicherung und Stärkung der Lehrerversorgung mit Orientierung am schulscharfen Sozialindex:
Aktuell ist die Qualitäts- und Unterstützungsagentur – Landesinstitut für Schule (QUALIS) beauftragt, die jeweilige Belastung der einzelnen Schule mit einem Schulsozialindex (Sch.) zu bewerten. Damit wäre eine Steuerung bis auf die Ebene der Einzelschule möglich.
Die obere und untere Schulaufsicht (OUS) könnte dies neben den vorhandenen Vor-Ort-Kenntnissen bei der Verteilung der Stellen berücksichtigen. Nach der Fertigstellung des Sch. wird die Landesregierung unter Beteiligung der OUS entscheiden,
ob und in welcher Schrittigkeit ein Sch. künftig bei der Zuweisung der Lehrerstellen eingesetzt werden kann.
Es wird geprüft, wie die besoldungs- und tarifrechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden können, um durch finanzielle  Anreize zu motivieren, ausgeschriebene Stellen an unterversorgten Schulen zu besetzen.
Es gibt vorgezogene Listenverfahren, um insbesondere schwer zu versorgende Regionen vorrangig mit Lehrkräften zu
versorgen. In der Regel erhalten alle LAA mit Lehramtsbefähigung für Grundschule und sozialpädagogische Fachkräfte mit Wunsch für eine schwer zu versorgende Region ein Einstellungsangebot.

Antwort der GEW auf das Schreiben von Stadträtin Berg (11.10.2019)

Die Ratsresolution wird ins Leere laufen, weil sie bei der Beschreibung des Problems beschränkt ist auf den Fachkräftemangel in den Schulen. Es gibt zusätzlich den Fachkräftemangel in den Kitas.
der Arbeitsmarkt für Lehrkräfte und ErzieherInnen leer gefegt ist. Auch die Situation im Allgemeinen Sozialdienst zugespitzt ist.
Das wachsende Ausmaß der Mangelverwaltung findet jährlich Ausdruck in den Personalversammlungs- Resolutionen der Personalversammlungen wie Notprogramm für Beschäftigte an Gelsenkirchener Grundschulen auflegen!
Wir fordern, mit Verweis auf ein Initiativpapier der Ruhrgebiets-Oberbürgermeister, Nachhaltige und strukturelle Änderungen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.
Dieses Konzept der Stadtspitzen stammt aus dem Jahr 2004, hatte die Überschrift BILDUNGSOFFENSIVE RUHRGEBIET 2020 ... Trotz aller Anstrengungen sind der Stadt enge Grenzen gesetzt, diese Aufgaben nachhaltig zu lösen. Eine Stadt braucht dringend Unterstützung von Bund und Land. 
Gelsenkirchen war am 19. und 20.09.2018 Mitveranstalter des Kongresses. Es ist Zeit, in die Offensive zu gehen. 
Von Offensive ist seitdem wenig zu merken.
Redaktion: 
Britta Logermann, Lothar Jacksteit, Alfons Kunze

Schülerjahresstatistik für die Stadt Gelsenkirchen für die Schuljahre 2012/2013 -2017/18

Schulen in Gelsenkirchen

In den sechs aufgeführten Schuljahren
• nahm die Schülerzahl um gut 1000 Schüler (ca.10%) zu.
• stieg die Zahl der IFÖ - Klassen von 6 auf über 40 (ca. das Siebenfache).
• hat sich die Zahl der Schüler im Gemeinsamen Lernen mehr als verdoppelt.

In den sechs genannten Schuljahren wurde keine neue Schule gebaut, sondern in den vorhandenen Schulen wurden sogar
die letzten muffigen Räume noch zu Klassenräumen umgenutzt. Vereinzelt wurden Schulen durch Anbauten erweitert.
Das hatte zur Folge,
• dass sich mehr Kinder weniger Schulhoffläche teilen müssen.
• dass die Klassenräume voller geworden sind.
• dass Differenzierungsräume und Fachräume, da sie zu Klassenräumen wurden, wegfielen.

Der Bedarf an Lehrkräften ist gestiegen. Fachkräfte für Inklusion und Integration werden dringend gebraucht. Stattdessen ist gerade noch die Erfüllung der Stundentafel möglich.
• Kinder mit erhöhtem Förderbedarf dümpeln in den Klassen vor sich hin.
• Kinder, die Anspruch auf zusätzliche Sprachförderung haben, müssen zusehen, wie sie dem Unterricht folgen.
Mangels grundständig ausgebildeter Lehrkräfte wurden Seiteneinsteiger eingestellt. Kolleginnen in Mutterschutz und Erziehungsurlaub werden überwiegend durch Studenten und Pensionäre vertreten. Der Vertretungspool ist quasi leer.
Überforderung und Frust schlägt bei diesen Verhältnissen sowohl auf Lehrer- als auch auf Schülerseite bereits durch.

Martina Albretsen

„Wir sind hier –  wir sind laut

, weil man Gelsenkirchen die Zukunft verbaut … “

Schulen in Gelsenkirchen
GEW-Gelsenkirchen

„In dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst“ – das wusste schon Augustinus. Doch was passiert, wenn das Brennen einem Ausbrennen gleicht? Wenn die Flammen drohen, Einen zu verschlingen – dann kann man Niemanden mehr entzünden, dann kann man nur noch versuchen zu löschen.
Diese bildliche Metapher lässt sich nach Ansicht der Fachgruppe sonderpädagogische Berufe sehr passend auf die Arbeits- und Lernsituation an Förderschulen und Schulen für Kranke in Gelsenkirchen, aber auch auf inklusive Settings an allgemeinbildenden Schulen übertragen.
An vielen Schulen besteht eine eklatante Unterversorgung mit sonderpädagogischen Lehrkräften. Dies führt dazu, dass die Schüler-Lehrerrelation über die Maßen hinaus strapaziert wird, notwendige Doppelbesetzungen (vor allem bei jüngeren Schülerinnen und Schülern im Bereich des schulischen Anfangsunterrichtes) ersatzlos entfallen und Stundentafelkürzungen vorgenommen werden müssen, damit ein geregelter Schulbetrieb überhaupt noch durchführbar ist. Solche Umstände fördern eine massive Berufsunzufriedenheit bei den unterrichtenden Lehrkräften, die wiederum häufig dazu führt, dass das subjektive Wohlbefinden der Lehrkräfte in Mitleidenschaft gezogen wird. Dies bedeutet, dass sich der Krankenstand an vielen Schulen weiter erhöht und Kolleginnen und Kollegen vor Ort einer noch höheren Arbeitsbelastung ausgesetzt sind, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann diese Überbelastung zu langfristigen gesundheitlichen Schädigungen führt.
Hinzu kommt eine Schülerschaft, die in einem hohen Maße durch ungünstige soziale Begleitumstände vermehrt belastet ist und deshalb besonderer Förderung und unterstützender Angebote bedürfte. Angebote und Förderungen, die oft nicht mehr nur durch Lehrkräfte gedeckt werden können, sondern durch Berufsgruppen aus dem Bereich der sozialen Arbeit additiv geleistet werden müssten.
Die oben beschriebenen Bedingungen führen jedoch dazu, dass Gelsenkirchener Lehrkräfte dem stetig steigenden Förder- und Erziehungsbedarf einer immer heterogener werdenden Schülerschaft nicht mehr im gewünschten Maße entsprechen können. Es wird also deutlich, dass auch die Schülerinnen und Schüler massiv unter der Lehrkräfteunterversorgung der Stadt leiden und noch leiden werden müssen.   
Der Rat der Stadt Gelsenkirchen hat eine Resolution zur Lehrerversorgung an Gelsenkirchener Schulen verabschiedet. Das ist sicherlich ein erster guter Schritt in die richtige Richtung. Doch nun müssen dieser Resolution weitreichende Taten durch Land und Bund folgen.
Die Fachgruppe sonderpädagogische Berufe der GEW in Gelsenkirchen unterstützt in jeglicher Hinsicht die Aufforderung des Stadtverbandes der GEW Gelsenkirchen an den Rat der Stadt Gelsenkirchen, den Bildungsnotstand mit all den damit verbundenen Konsequenzen auszurufen. Die Problematik duldet keinen Aufschub!
Die Gelsenkirchener Lehrerschaft an Förderschulen, im Gemeinsamen Lernen und allgemein auch an allen anderen Schulformen bedarf jetzt der Fürsorge durch das Land Nordrhein-Westfalen. Es darf nicht passieren, dass tatenlos dabei zugeschaut wird, wie eine ganze Stadt in katastrophale Bildungsumstände abgleitet und somit unsere nachfolgende Generation in eine absehbare Notlage gerät. Forderungen, Lehrkräften in Brennpunktregionen Stellenzulagen zukommen zu lassen oder vorübergehende Änderungen am Lehrereinstellungsverfahren vorzunehmen, müssen zeitnah umgesetzt werden, um eine Eskalation zu verhindern.
Ein Nichthandeln würde einer „untersagten Hilfeleistung“ nahe kommen!
Christina Tönges

Forderungen der GEW Gelsenkirchen zur Bewältigung der besonderen Herausforderungen an den Berufskollegs!

1. Integration und Förderung:
Die Berufskollegs in NRW tragen im Vergleich zu den anderen Schulen der Sekundarstufe II einen besonders hohen Teil der Lasten für Integration und Förderung. Ein wesentlicher Teil der Schülerschaft an den BKs hat beachtliche Defizite in verschiedenen Bereichen, oft fehlen Deutschkenntnisse, Kenntnisse in weiteren wichtigen Fächern aus der SI, Lernkultur und Motivation. Diese jungen Menschen benötigen in hohem Maße individuelle Förderung, sowie weiterhin pädagogische Betreuung und Begleitung.

  • Die GEW fordert deshalb:

Eine deutliche Ausstattung der Berufskollegs mit zusätzlichen Lehrkräften und weiterem pädagogischen Personal, um die beschriebenen Defizite aufzufangen und um dadurch die jungen Menschen für ein Leben in Verantwortung zu qualifizieren! Dabei muss auch der Sozialindex standortscharf Berücksichtigung finden!

2. Beratungs- und Verwaltungsaufgaben:
Die Berufskollegs in NRW müssen aufgrund der hohen Schülerfrequenz eine besonders hohe Beratungs- und Verwaltungsleistung erbringen: Einjährige Bildungsgänge akquirieren im Jahrestakt den gesamten Schülerbestand, mit allem Aufwand an Beratung, Aufnahmeverfahren inklusive Nachbesetzung wegen der Ausfälle durch Mehrfachbewerbungen, Datenverwaltung und Erstellung von Abschlusszeugnissen. Dies belastet die Lehrkräfte an den BKs im besonderen Maße!

  • Die GEW fordert deshalb:

Berücksichtigung dieser besonderen Belastung bei der Zuweisung von zusätzlichen Stunden für Beratung und Verwaltungsarbeit – und zwar obendrauf und nicht als „Entlastungsstunden“, die die Unterrichtsversorgung wieder gefährden!

3. Ständige Anpassung des Bildungsangebots
Das Ausbildungsangebot der Berufskollegs in NRW muss ständig den Erfordernissen der Berufswelt angepasst werden. Verhandlungen mit dem Schulträger, den Partnern und den Behörden über die Implementierung neuer Bildungsgänge, entsprechende Fortbildungen der Lehrkräfte, ständige Anpassung der Lehrpläne und Jahres-
plnungen, jahrelange Verhandlungen mit dem Schulträger über die erforderliche Ausstattung in Werkstätten und
Fachräumen. Dies kostet den Schulleitungen und den Lehrkräften an den BKs sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit, oft auf Kosten anderer Aufgaben.

  • Die GEW fordert deshalb:

Ausgleich dieser besonderen Belastung bei der Zuweisung von zusätzlichen Stunden für Schulleitung und Fortbildungen!

4. Werkstattlehrer in SchIPS:
Ein wichtiger Teil des Bildungsangebots an den Berufskollegs erfolgt im Werkstattbereich. Hier wird notwendigerweise der Klassenverband geteilt. Dadurch trägt eine Werkstattlehrkraft mit ihrer Stelle nur zu 60 Prozent zur Unterrichtsversorgung einer Klasse bei. Bei der Berechnung der Versorgung einer Schule mit Lehrerstellen in SchIPS wird dieser Umstand aber nicht berücksichtigt. Durch diese Falschberechnung verliert ein BK mit beispielsweise fünf Werkstattlehrern zwei ganze Lehrerstellen!

  • Die GEW fordert deshalb:

Sofortige Korrektur dieser Falschberechnung: Werkstattlehrer dürfen in SchIPS mit nur noch 0,6 statt 1,0 Lehrerstelle ausgewiesen werden!

5. Schüler-Lehrer-Relation:
Die Berufskollegs in NRW haben oft geringe Klassenstärken, die mit der geltenden Schüler- Lehrer-Relation nicht die Zahl an Lehrerstunden generieren, die zur Erfüllung der jeweiligen Stundentafel nötig sind. Dies führt an 
vielen Stellen zu Stundenkürzungen auf Kosten des Ausbildungsniveaus. Eine Vergrößerung der Klassen ist meistens keine vernünftig zu realisierende Alternative.

  • Die GEW fordert deshalb:

Eine spürbare Verbesserung der geltenden Schüler-Lehrer-Relation für die Berufskollegs mit dem Ziel einer
ordentlichen und realistischen Unterrichtsversorgung!

6. Überzeugende Werbekampagne
Der Erfolg des dualen Systems ist gefährdet, wenn nicht genügend Lehrkräfte für die Berufskollegs in NRW gewonnen werden können. Für Absolventen der Gymnasien ist dieser Beruf naturgemäß relativ unbekannt.

  • Die GEW fordert deshalb:

Eine überzeugende und nachhaltige Informations- und Werbekampagne für diesen Beruf, und zwar dort, wo der Nachwuchs größtenteils herkommen kann, aus den Oberstufen der Gymnasien!

7. Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung
Lehrkräften an Berufskollegs haben im Vergleich zu ihren Kollegen an Gymnasien dieselbe formale Qualifikation, dieselbe Stundenzahl und dieselbe Vergütung. Die oben genannten besonderen Herausforderungen für Lehrkräfte an Berufskollegs werden derzeit durch nichts ausgeglichen. Woran liegt es dann wohl, wenn die BKs große Mühe haben, ihre Stellen zu besetzen, während sich die Gymnasien vor Bewerbungen kaum retten können? Die Attraktivität des Lehrberufs an BKs muss unbedingt erhöht werden!

  • Die GEW fordert deshalb:

Ausgleich der besonderen Belastungen für Lehrkräfte an Berufskollegs durch grundsätzliche Herabsetzung der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung um zwei Stunden! Der dadurch entstehende vorübergehende Engpass in der Unterrichtsversorgung wird aufgefangen, indem den Bestandslehrkräften ein faires Angebot zur Vergütung von Mehrarbeit in Umfang dieser zwei Stunden angeboten wird.
 

Weiterbildungskollegs in Nordrhein-Westfalen Die zweite Chance  nds 1-2018

Der Zweite Bildungsweg hat in Deutschland eine fast hundertjährige Tradition: Bereits seit den 1920er Jahren wird Erwachsenen die Möglichkeit geboten, an staatlichen und privaten Institutionen Schulabschlüsse bis hin zum Abitur nachträglich zu erwerben. Diese bildungspolitisch unverzichtbare Funktion erfüllen Weiterbildungskollegs bis heute.

In der jüngeren Vergangenheit wurde der Zweite Bildungsweg zwar von einigen Landesregierungen teils drastischen Kürzungen unterworfen, in NRW konnte seine vielfältige Angebotsstruktur jedoch erhalten werden. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den zahlreichen Schulformen wider, die dem Zweiten Bildungsweg zugeordnet werden: Abendgymnasien, Kollegs, Abendrealschulen und Volkshochschulen. Die ersten drei Schultypen werden in NRW unter der Bezeichnung „Weiterbildungskolleg“ zusammengefasst. Volkshochschulen unterscheidensich in zahlreichen Aspekten von Weiterbildungskollegs, etwa hinsichtlich der personellen Ausstattung und der Organisation der Bildungsgänge. Während Abendrealschulen in zwei bis vier Semestern den Weg zum Hauptschulabschluss und zur Fachoberschulreife eröffnen, können an Abendgymnasien und Kollegs der schulische Teil der Fachhochschulreife in vier Semestern und die allgemeine Hochschulreife in sechs Semestern erworben werden.

Bildung mit Vielfalt:Heterogene Studierendenschaft

Doch wer lernt an Weiterbildungskollegs? Wer gehört zur Zielgruppe? Die beiden folgenden fiktiven Studierenden zum Beispiel wären im Zweiten Bildungsweg goldrichtig: Ein berufserfahrener Krankenpfleger möchte sich weiterqualifizieren. Er beabsichtigt, das Abitur nachzuholen und anschließend Medizin zu studieren. Eine Technikerin erkennt die Chancen eines Ingenieurstudiums und beschließt, einen berufsbegleitenden Bildungsgang zum Erwerb der Fachhochschulreife zu belegen. Zugleich transportieren diese Beispiele ein historisch gewachsenes Bild der Studierendenschaftim Zweiten Bildungsweg, das der Gegenwart nur teilweise entspricht. Die berufs- und lebenserfahrenen Studierenden, die motiviert von der Aussicht auf berufliche oder persönliche Weiterentwicklung berufsbegleitend das Abendgymnasium oder nicht berufsbegleitend das Kolleg besuchen, sind zwar eine klassische Klientel des Zweiten Bildungswegs. Über die vergangenen Jahrzehnte haben jedoch andere Studierendengruppen zunehmend an Bedeutung gewonnen: So bieten die Weiterbildungskollegs jenen Erwachsenen mit Migrationserfahrung eine Chance auf Bildung, deren Bildungsabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden oder die in ihrer Heimat keine mit deutschen Abschlüssen vergleichbare Qualifikation erwerben konnten. Weitere Zielgruppen sind Erwachsene, deren schulische Laufbahn im Ersten Bildungsweg aufgrund von Krankheit, wegen familiärer oder anderer Probleme unterbrochen wurde, ebenso wie Erwachsene, die mit einem höheren, weiterqualifizierenden Schulabschluss mangelnden beruflichen Perspektiven entgegentreten möchten. Andere Studierende lassen sich keiner dieser Kategorien zuordnen, etwa geflüchtete Erwachsene ohne arbeitsmarktadäquate Schulbildung oder Kinder von beruflich Reisenden aus der Schausteller*innenbranche.

Bildung nach Maß: Lernmodelle und Abschlüsse

All diesen Studierenden wird ein schulisches Umfeld geboten, das sich in mehreren Aspekten vom Ersten Bildungsweg unterscheidet. Insbesondere Abendgymnasien und Kollegs betonen das erwachsenengemäße Lernen, das nicht nur ein hohes Maß an Eigenverantwortung seitens der Lernenden voraussetzt. Es wird auch von Lehrenden geprägt, die den äußerst heterogenen Bildungsbiografien der Studierenden sensibel zu begegnen und diese als wertvolle Ressource zu nutzen wissen. Darüber hinaus umfasst der Fächerkanon des Zweiten Bildungswegs einige Unterrichtsfächer, die an anderen Schulformen nicht zu finden sind, jedoch den Interessenlagen der Studierenden entgegenkommen, etwa Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Besonders wichtig ist für viele Studierende, zwischen verschiedenen Bildungsgängen mit spezifischen Unterrichtszeiten wählen zu können: Während das Kolleg als Vollzeitmodell ohne parallele Berufsausübung konzipiert ist, sind die Bildungsgänge der Abendrealschule und des Abendgymnasiums in Teilzeit zu belegen. Entgegen der historisch gewachsenen Bezeichnungen „Abendrealschule“ und „Abendgymnasium“ werden diese Bildungsgänge, je nach Weiterbildungskolleg, auch vormittags, nachmittags oder wechselweise vormittags und abends angeboten. Einen Spezialfall stellt der abendgymnasiale Bildungsgang abitur-online.nrw dar: Zehn Stunden Präsenzunterricht verteilen sich hier auf zwei Tage pro Woche. Ergänzt werden sie durch Distanzphasen vergleichbaren Umfangs, unterstützt durch Lernplattformen wie Moodle. Auch wenn das Lernen im Zweiten Bildungsweg in vielerlei Hinsicht anders organisiert ist, sind die von den Weiterbildungskollegs angestrebten Kompetenzniveaus mit denjenigen des Ersten Bildungswegs vergleichbar. Die Abendrealschulen nehmen an den Zentralen Prüfungen am Ende der Klasse 10 teil, während die Abendgymnasien und Kollegs am zentralen Abiturverfahren teilnehmen. Da viele Weiterbildungskollegs die Studienaufnahme auch zum Sommersemester ermöglichen, findet ein zusätzliches zentrales Abiturverfahren im Herbst statt – natürlich mit denselben Kompetenzanforderungen. Analog dazu finden an Abendrealschulen die zentralen Prüfungen am Ende der Klasse 10 auch im Herbst statt.

Bildung als Herausforderung: Lernen unter besonderen Bedingungen

Obwohl die Prüfungsaufgaben des Erstenund Zweiten Bildungswegs weitgehend identischsind, ist das erfolgreiche Absolvieren desBildungsgangs für Studierende des Zweiten Bildungswegs häufig eine größere Hürde: Viele von ihnen haben vor Studienbeginn längereZeit keine allgemeinbildende Schule besucht.Für zahlreiche Studierende in Teilzeit bestehtzudem die Notwendigkeit, die Anforderungen ihres Berufs mit denen ihres Studiums zu vereinbaren. Ähnlich schwer haben es alleinerziehende Eltern und Studierende, die sich der Pflege von Angehörigen widmen. Zwar erhält ein Teil der Studierenden Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), dies gewährleistet jedoch in vielen Fällen keine ausreichende Finanzierung des Lebensunterhalts, insbesondere bei Studierenden mit Familie oder hohen Schulden. Sie werden zur Aufnahme geringfügiger Beschäftigungen gezwungen und verlieren somit wertvolle zeitliche Ressourcen. Hinzu kommt eine vergleichsweise große Zahl an Studierenden mit psychischen Problemen sowie – insbesondere an Abendrealschulen – mit migrationsbedingt geringen Deutschkenntnissen. Die Weiterbildungskollegs begegnen diesen Problemlagen durch zahlreiche systemische Maßnahmen, etwa Vorkurse für Studierende mit unzureichenden Vorkenntnissen, Verfügungsstunden (Klassenlehrer*innenstunden) oder umfassende Beratungsangebote durch speziell ausgebildete Lehrkräfte und Sozialpädagog*innen (Individual- und Gruppenberatung). Dennoch sind Lehrkräfte täglich herausgefordert, den Fehlzeiten der Studierenden durch eine vorausschauende Unterrichtsplanung zu begegnen und den heterogenen Lerngruppen durch Binnendifferenzierung gerecht zu werden.

Bildung für gerechte Chancen: Sozialer Selektion entgegentreten

Quantitativ haben die Weiterbildungskollegs eine geringere Bedeutung als etwa Gymnasien oder Gesamtschulen. Dennoch ist ihre Rolle in der nordrhein-westfälischen Bildungslandschaft unverzichtbar, da sie als Korrektiv eines in Teilen sozial selektierenden Bildungssystems fungieren. Schüler*innen, die ihren Bildungsgang im Ersten Bildungsweg abbrechen mussten, wird allzu häufig die Möglichkeit verwehrt, diesen Bildungsgang erfolgreich fortzusetzen. Als Studierende des Zweiten Bildungswegs erhalten sie dagegen nicht nur die Chance, dieses Versäumnis wettzumachen, sondern werden gerade wegen ihrer oft windungsreichen Biografien besonders geschätzt. Eine weitere wichtige Legitimation erhalten die Weiterbildungskollegs durch die Beschulung erwachsener Geflüchteter: Während sich die Schulen des Ersten Bildungswegs minderjähriger Geflüchteter annehmen, können allein die Schulen des Zweiten Bildungswegs älteren Geflüchteten einen vorwiegend auf Allgemeinbildung ausgerichteten und damit polyvalenten Abschluss verschaffen. Ein solcher Abschluss mag zwar marktökonomischen Rufen nach baldiger Berufsausbildung der Geflüchteten widersprechen, eröffnet den teilweise hochqualifizierten Geflüchteten allerdings das große Feld akademischer Studien. Es ist daher zweifellos im gesamtgesellschaftlichen Interesse, die vielfältigen Angebote des Zweiten Bildungswegs zu erhalten und auch zukünftig die dafür notwendigen Mittel bereitzustellen.

Von der Polizei ins Klassenzimmer

Schulen in Gelsenkirchen

Annja Neumayer erzählt von ihrem Quereinstieg in eine schwedische Schule
Seit 3 Jahren arbeite ich jetzt als Lehrer Vikariat (Vikariat = Vertretung) an einer Grundschule in einer schwedischen Kleinstadt. Die Schule hat etwa 700 Schüler – Klasse 1-6. Ich bin 58 Jahre alt und eine Quereinsteigerin. Vorher war ich 36 Jahre im schwedischen Polizeidienst beschäftigt. Als ich mich bei der Kommune als Schul-Vikariat beworben habe, wurde ich aufgrund meiner Qualifikationen als Lehrer Vikariat eingestuft. Ich kann also Unterricht halten. Andere Quereinsteiger mit geringerer Qualifikation werden als „Ressource Vikariat“ zur Unterstützung des Lehrers eingesetzt oder zur Begleitung von Schülern mit besonderen Bedürfnissen (Elev Assistent). 
Alle Vikariats sind bei der Kommunalen Schulbehörde in einer Datenbank erfasst und die verschiedenen Schulen können uns nach Bedarf anfordern, wenn ein Lehrer ausfällt oder Unterstützung braucht. Vikariats werden nach Stunden bezahlt. Das hat einerseits den Vorteil, dass wir unsere Arbeitszeit relativ flexibel gestalten können. Ich kann sagen, an welchen Tagen und wie viele Stunden ich arbeiten möchte. Andererseits verdienen wir in den Ferien kein Geld. Die Bezahlung an sich ist kein besonderer Anreiz, Vikariat zu werden. Obwohl ich eine eigene Klasse habe und Vollzeit arbeite, verdiene ich fast 50 % weniger als früher als Polizistin. 
Die erste Schule, die mich damals angefordert hat, ist die Schule, an der ich heute noch bin. Anfangs habe ich Vertretungsstunden gegeben, wenn ein Lehrer ausfiel. Oder ich war stundenweise zur Unterstützung mit in einer Klasse, oder ich war Elev Assistent. Quereinsteiger bekommen keine pädagogischen oder didaktischen Schulungen, bevor sie in den Klassen eingesetzt werden. Es gibt auch keine Qualitätssicherung seitens der Schule. Ob es gut läuft oder nicht, wird recht schnell von den Kindern über die Eltern zur Schulleitung getragen. Dann wird der Vikariat häufiger oder seltener angefragt, oder mit anderen Aufgaben betraut. 
Letzten Winter habe ich eine fünfte Klasse übernommen, bei der schon mehrere Lehrer und Vertretungen aufgegeben hatten. Die Kinder waren völlig demotiviert und frustriert und entsprechend aufsässig. Sie haben mir vorgehalten, dass ich auch bald wieder gehe und nicht bei ihnen bleibe. Das habe ich ihnen versprochen und gehalten, obwohl es mich oft an meine Grenzen gebracht hat. Der Umgangston in der Klasse war erschreckend. Beschimpfungen wie Hure, Schlampe, fick dich und so weiter waren Alltag. Ermahnungen halfen nichts. Also habe ich eine hübsche Kladde gekauft und bei jedem schlimmen Schimpfwort habe ich in das Buch geschrieben, wer was gesagt hat. „Dienstag, 10.00 Uhr, Felix hat zu Lina blöde Hure gesagt, Anlass war…“ 
Die Kinder waren geschockt und unterstellten mir: „Das schreibst du nur auf, um es unseren Eltern zu petzen, damit wir Ärger bekommen.“ „Nein, alles was ich aufschreibe, bleibt in unserer Klasse und immer am Freitag reden wir darüber.“ Freitags haben wir darüber geredet. Anfangs fanden sie es noch lustig und haben gegrölt. Aber jeder Eintrag in das Buch wurde von allen genau registriert und schnell war es den Kindern unangenehm, dass wir über ihr Verhalten reden würden. Nach einigen Wochen konnte ich die Kladde wegpacken. Im Sommer habe ich die Kinder einmal zu uns nach Hause eingeladen.  Sie haben mit unseren Schafen und meinem Hund gespielt, wir haben im See gebadet und gegrillt. Davon reden sie heute noch.
Am Abschlusstag des Schuljahres habe ich von allen Kindern Dankesbriefe bekommen, dass ich sie nicht aufgegeben habe und bei ihnen geblieben bin. Sie loben mich als die beste Lehrerin, die sie je hatten, zeigen sich aber auch sehr einsichtig, dass ihr Verhalten schlimm war. Eine Schülerin schreibt „Du hast es geschafft, dass unsere Klasse ruhiger und besser geworden ist.“ Sie haben auch erkannt, dass ich eine etwas unkonventionelle Lehrerin bin. Ein Junge stellt fest: „Du hast viele lustige Ideen.“ Der unbändigste Junge von allen, vor dem alle Lehrer Angst haben, hat mir eine Geranie geschenkt. Sie blüht in meinem Wohnzimmerfenster. Immer wenn er mich in der Schule sieht, rennt er auf mich zu, schreit „ANNJA!!!“ und umarmt mich so fest er kann. Das Halbjahr war wirklich hart, aber die Briefe und das Verhalten der Kinder sind ein schöner Lohn. 
Das schwedische Schulsystem ist sehr gut. Nur fehlt es genau wie in Deutschland und anderen Ländern an Lehrern. Es werden auf kommunaler Ebene viele Fehlentscheidungen getroffen. Da fehlt oft auch die Realitätsnähe und die Flexibilität für schnelles Handeln. Beispielsweise ist es ein großes Problem, dass die Kinder erst im dritten Jahr eine psychologische Beurteilung erhalten und dann entsprechend unterstützt oder gefördert werden. Ich habe jetzt eine erste Klasse mit 25 Schülern, die völlig aus dem Raster fallen. Viele der Kinder bräuchten zumindest zeitweise eine Einzelbetreuung und spezielle Förderung. Nicht erst in der dritten Klasse, sondern jetzt. 
Ihre eigentliche Lehrerin war drei Tage in der Klasse, dann hat sie gekündigt. Jeder Lehrer, der auf meine Kinder trifft, sagt, sowas hat er noch nie gesehen: 25 Kinder ohne Grips, Ideen und Einfühlungsvermögen. Sie können gar nichts, sie interessieren sich für nichts, sie können nicht zuhören, sie können sich nicht ausdrücken, sie wollen nicht lernen, haben keinen Respekt vor Erwachsenen – natürlich auch nicht vor Lehrern. Sie schimpfen, fluchen, drohen, reagieren mit Wutanfällen, brüllen und verweigern sich. Und das mal 25. Einer macht immer Probleme. Momente, wo sie ruhig die gestellten Aufgaben erledigen oder zuhören, gibt es nicht. Die Vier oder Fünf, die brav auf ihrem Platz sitzen und lernen wollen, gehen in diesem Haufen völlig verloren.
Ich war eigentlich an einer anderen Schule für den Englisch- und Deutschunterricht in einer 7. Klasse eingeplant und hatte mich auf ein „entspannteres“ Schuljahr gefreut. Dann kam der Anruf meiner früheren Rektorin: „Annja, wir haben keinen Lehrer für diese Klasse.“ Oder eigentlich „Wir haben keinen Polizisten für diese Klasse.“ Ich habe Temperament und eine starke Stimme, ich bin diplomatisch, aber auch durchsetzungsstark – das lernt man bei der Polizei. Aus meinen Polizeijahren weiß ich auch sehr genau, wie diese Kinder enden, wenn sie nicht richtig geleitet werden. Deshalb habe ich mich überreden lassen. Aber dieser 25 Kinder sind wirklich zu viel, obwohl ich die halbe Zeit Unterstützung durch eine Ressource Vikariat habe. Ende des Halbjahres gebe ich die Klasse ab. Bis dahin habe ich die Kinder wahrscheinlich halbwegs soweit, dass man mit ihnen arbeiten kann und das zweite Halbjahr wäre leichter. Um der Kinder Willen tut es mir auch leid. Aber länger schaffe ich es nicht. Es kann nicht sein, dass ich als einzelner Lehrer (noch dazu Vikariat) die Fehler im System auf Kosten meiner Gesundheit korrigieren muss. 

Nachtrag: Heute hat meine Rektorin angerufen. Ab Januar übernimmt eine 24-jährige Lehrerin die Klasse. Sie hat gerade ihr Examen abgeschlossen und es wird ihre erste Klasse sein. Es kann von Vorteil sein, dass sie jung und unerfahren ist. Oder es wird eine Katastrophe. Aber es gibt keinen anderen Lehrer. Ich werde sie weiter als Ressource Vikariat unterstützen. Das ist, glaub ich eine gute Lösung. Auf alle Fälle bin ich erleichtert, dass ich nicht mehr die Verantwortung für diese Klasse tragen muss.

Gesprächsführung, Text & Fotos: Dagmar Krutoff
 

Solidaritätsgrüße zur Bergarbeiterdemonstration am 15.6.19 in Bottrop

Liebe Bergarbeiter, liebe Bottroperinnen und Bottroper,
ich freue mich, euch die solidarischen Grüße der Stadtgruppe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Gelsenkirchen und Gladbeck überbringen zu können!
Euer Kampf gegen die Entlassungen durch die RAG ist vollkommen berechtigt.
Ich bin Lehrerin an der Anne-Frank-Realschule in Gladbeck. Über Jahrzehnte konnten Schüler unserer Schule eine Ausbildung in der ausgezeichneten Lehrwerkstatt der RAG in Bottrop aufnehmen. Diese Ausbildungsplätze wurden vernichtet und sie fehlen jetzt unserer Jugend! Das ist nicht akzeptabel!
Wir protestieren auch besonders gegen die Flutung der Zechen bei Auguste Victoria in Marl und hier auf Prosper. Aus reiner Profitgier lagerte die RAG hier massenhaft Giftmüll unter Tage ein. Jetzt soll das Geld für die Wasserhaltung eingespart werden und droht mit der Flutung die Vergiftung unser aller Trinkwasser!
Das geht uns alle an und auch das ist besonders gegen die Zukunft der Jugend gerichtet.
Dehalb müssen wir gemeinsam diese Politik der RAG bekämpfen – gemeinsam sind wir stark!
Glück auf!
Eva Wanneck
GEW Gladbeck