Zwangsexmatrikulationen bei auslaufenden Lehramtsstudiengängen

Schädlicher Anachronismus

Alle paar Jahre wird die Lehramtsausbildung reformiert. Bisher war es den Studierenden der auslaufenden Studiengänge dann möglich, in eigenem Tempo sinnvoll weiter zu studieren. Im Jahr 2015 sieht die Situation anders aus: Mit dem Auslaufen der Staatsexamensstudiengänge für das Lehramt nach der Lehramtsprüfungsordnung (LPO) 2003 droht zahlreichen Studierenden die Zwangsexmatrikulation.
Zwangsexmatrikulationen bei auslaufenden Lehramtsstudiengängen

Foto: Contrastwerkstatt/fotolia.de

Studierende sammeln Unterschriften, um ihr Studium nicht abbrechen zu müssen, Prorektor*innen unterstützen die Argumente der Studierenden gegenüber den Ministerien, und auch die Vorsitzende der GEW NRW, Dorothea Schäfer, hat einen Brief an die beiden zuständigen Ministerinnen verfasst. Warum?

Harter Schnitt ohne Ausnahmen

Mit der Umstellung der Lehramtsstudiengänge auf ein einheitliches Bachelor / Master-System wurde auch beschlossen, die bisherigen Staatsexamensstudiengänge und die Bachelor / Master-Modelllehramtsstudiengänge auslaufen zu lassen. Die alten Studiengänge für Grund-, Haupt- und Realschulen enden demnach mit dem Sommersemester 2016, für alle anderen Schulformen mit dem Sommersemester 2017. Wer zu diesem Zeitpunkt noch in diesen Studiengängen studiert, soll zwangsexmatrikuliert werden. Damit haben die Studierenden, die zuletzt in den auslaufenden Studiengängen angefangen haben, lediglich 11 beziehungsweise 13 Semester Zeit.

Die Berücksichtigung der Lebensumstände – zum Beispiel Lohnarbeit, Kindererziehung oder die Pflege von Familienangehörigen – durch Härtefallregelungen ist gesetzlich verboten. Diese Regelung entstand mit der 2009 beschlossenen Reform der Lehramtsausbildung, kurz vor der Abwahl der damaligen schwarz-gelben Landesregierung. Zwar musste seinerzeit auf Grund öffentlichen Kritik viel Vernünftiges in die Reform integriert werden, zum Beispiel die Gleichstellung der Lehrämter für Grund-, Haupt- und Realschulen mit den anderen Lehrämtern. Gleichzeitig sollte aber die unternehmerische Hochschule weiter durchgesetzt und abgesichert werden – so auch mit den Auslaufregelungen. Zum Vergleich: Bei der letzten Umstellung des Lehramts betrug die Übergangszeit 21 Semester und es gab weitreichende Härtefallregelungen.

Ein Wechsel in die neuen Studiengänge ist nur selten sinnvoll: Viele Fächerkombinationen und manche Fächer existieren nicht mehr. Studierende in Staatsexamensstudiengängen werden fast immer in den Bachelor zurück gestuft und müssen mindestens eine Bachelor-Arbeit, das Praxissemester und Deutsch als Fremdsprache nachholen. Absolvierte Veranstaltungen können oft nicht angerechnet werden. Bei Studierenden der Bachelor / Master-Modellstudiengänge sind die Schwierigkeiten je nach Hochschule verschieden, aber nicht geringer.

Niemanden vom Studium ausschließen!

Betroffen sind allein an den Unis Aachen, Bielefeld, Duisburg-Essen, Köln, Paderborn und Siegen nach Recherchen der Landeslehramtsfachschaften mehr als 13.000 Studierende. Sie überlegen sich dreimal, ob sie einen Türkischkurs oder ein Seminar über die Geschichte ihres Faches belegen können, Reformpädagogik im teaching-to-the-test-Modus lernen und ihre Familienplanung an den Auslauffristen orientieren müssen. Und dennoch droht der Rausschmiss.

Die GEW NRW hat dafür gestritten, dass sowohl die Förderung des Teilzeitstudiums, das Menschen in verschiedenen Lebenslagen erlaubt, Teil der Hochschulen zu sein, als auch eine Zivilklausel im neuen Hochschulgesetz verankert wurden. Lassen wir uns jetzt nicht durch anachronistische Auslaufregelungen davon abhalten, als Hochschulmitglieder zu einer „nachhaltigen, friedlichen und demokratischen Welt“ – so formuliert es das Hochschulgesetz – beizutragen! Das erfordert Muße statt eines Durchlauferhitzer-Studiums, bei dem unter Zeitdruck möglichst effektiv ein Abschluss gemacht werden soll. Und Spaß machen darf Lernen auch – erst recht künftigen Lehrer*innen.

Stefan Brackertz und Marvin Weißmann // In: nds 5-2015