Ziel ist die Bekämpfung der Bildungsbenachteiligung

Jedem Kind eine Chance geben

Die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen hat zahlreiche Initiativen und Kooperationen angestoßen, um Bildung unter dem Motto „Jedem Kind eine Chance geben“ weiter zu verbessern. Dr. Manfred Beck, Stadtrat in Gelsenkirchen für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration, im Interview.
Ziel ist die Bekämpfung der Bildungsbenachteiligung

Foto: stm/photocase.de

Gelsenkirchen steht in regionalen Bildungsstudien selten gut da. Dabei hat die Stadt zahlreiche Initiativen und Kooperationen angestoßen, um Bildung unter dem Motto „Jedem Kind eine Chance geben“ weiter zu verbessern. Welche Projekte sind hier hervorzuheben?Manfred Beck: Es ist ein vorrangiges Ziel der kommunalen Selbstverwaltung, die Bildungssituation junger Menschen in Gelsenkirchen zu verbessern. Kern unseres kommunalen Bildungsengagements ist die bildungsbiografische Begleitung mit verschiedenen Bausteinen: Dazu gehören unter anderem Familienhebammen, ein Familienbildungskonzept, gute Versorgungsquoten und Qualität in der U3-Erziehung, hohe Standards im Elementarbereich sowie quartiersbezogene Bildungsansätze. Die Auswahl zur Teilnahme am Projekt „Kein Kind zurück lassen“ des Landes NRW drückt aus, dass unsere Bemühungen gewürdigt werden. Wir sind stolz darauf, dass unser früher Kontakt zu Eltern Vorbild für viele andere Kommunen geworden ist. Ferner ist es in Gelsenkirchen gelungen, über alle Träger hinweg ein einheitliches Sprachförderkonzept in den Tageseinrichtungen zu realisieren, auf das in der Primarstufe aufgebaut wird. Jüngste Vorhaben sind die Einrichtung von Familienzentren an Grundschulen und die Teilnahme am Landesprojekt „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Wir beziehen die Familie und das Wohnquartier in Bildungsprozesse ein und versuchen dort, wo Hilfestellungen erforderlich sind, diese kommunal und mit freien Trägern zu organisieren.

Welche Projekte haben nachweislich Erfolge erzielt? Wie sehen die Erfolge aus?Nachweislich zurückgegangen ist die Säuglingssterblichkeit im Zusammenhang mit der Beschäftigung von Familienhebammen. Unser Projekt „Gemeinsam länger Lernen GELL“, in dem die Übergangsproblematik von der Primar- zur Sekundarstufe verringert werden soll, wird von der Ruhr-Universität Bochum evaluiert und zeigt eine positive Wirkung auf. Bundesweites Aufsehen haben die Gelsenkirchener  Bemühungen um Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) erreicht, für die die Stadt insgesamt fünf Auszeichnungen erhielt. Man darf aber nicht vernachlässigen, dass wir angesichts der enormen Zuwanderung als Kommune oft gegen Windmühlen ankämpfen. Unser Handlungsspielraum ist nicht nur durch die schlechte Finanzlage begrenzt, sondern auch durch die Tatsache, dass wir eine enorm hohe Anzahl von Seiteneinsteiger*innen haben, die von unseren frühen Hilfen nicht erreicht wurden. Allein in diesem Schuljahr existieren in Gelsenkirchen 49 sogenannte Internationale Förderklassen.

Wie sieht das definierte Ziel der Stadt in Sachen Bildung aus und wann soll es erreicht werden?Vorrangiges Ziel ist die Bekämpfung der Bildungsbenachteiligung. Es gilt, den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu knacken! Unser Ziel heißt also ganz klar, bei der Abbrecherquote und den Hochschulabschlüssen in den nächsten fünf Jahren den NRW-Schnitt zu erreichen. Leider sind Effekte einer Strategie, die mit frühen Hilfen startet und deren weitere Maßnahmen darauf aufbauen, nicht kurzfristig zu erwarten. Der genannte Zeitraum fußt darauf, dass die ersten Kinder, die dieses System erfahren haben, die Grundschule besuchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein qualifiziertes System früher Hilfen für Familien in Kombination mit einem Übergangsmanagement und Bildungsangeboten im Wohnquartier das genannte Ergebnis erzielt. Die ungleichen Lebensverhältnisse in unserem Land werden bis heute nicht hinreichend berücksichtigt, wenn es darum geht, Ressourcen für Bildung zur Verfügung zu stellen. Die Möglichkeiten der finanzschwachen Kommunen selbst bewegen sich an dieser Stelle in engen Grenzen.

In: nds 10-2014