Zeig Rassismus die Rote Karte!

Hauptschule Neuwerk: Mit der GEW NRW zu Borussia Mönchengladbach

„Vorurteil!“, ruft Marvin in den Raum. Workshopleiter Andreas Hellstab muss seine Frage nicht einmal zu Ende stellen. Zwanzig Sechstklässler*innen der Hauptschule Neuwerk hören aufmerksam zu und wissen sofort, worum es geht. Die Bildungsinitiative Show Racism the Red Card – Deutschland e. V. bringt Schule ins Stadion. Sie sensibilisiert für die Themen Rassismus und Diskriminierung. Zwei Projekttage realisierte das Team mit Unterstützung der GEW NRW bei Borussia Mönchengladbach.
Zeig Rassismus die Rote Karte!

Foto: B. Butzke

„Wie nennt man es, wenn Menschen eine Person nur sehen, sie aber nicht kennen und sich trotzdem eine Meinung bilden?“ Mit dem Begriff „Vorurteil“ nähern sich die Schüler*innen dem Workshopthema: Was ist Rassismus? Und was ist Diskriminierung? Wer ist davon betroffen? Und wie geht man damit um?

Diskriminierung hat viele Gesichter
Ein Bildausschnitt zeigt das Gesicht eines Jungen mit schwarzer Hautfarbe, ein weiterer das Gesicht einer weißen jungen Frau. „Das Mädchen ist fröhlich, sie lächelt“, stellt die Klasse fest. „Bestimmt kommt sie aus Deutschland“, meint Patrick. „Sie ist etwas kräftiger, das sieht man am Gesicht“, sagt Tatjana. „Das schwarze Kind sieht nicht fröhlich aus, vielleicht ist es traurig“, schätzen die Schüler*innen. „Und die werden von Deutschen geärgert wegen der Hautfarbe“. Projektleiter der Bildungsinitiative  Andreas Hellstab und seine Kollegin Sarah Knieps zeigen den Kindern, wer wirklich hinter den Gesichtern steckt: Marc ist zwölf Jahre alt und wohnt in München. Seine Oma aus den USA ist zu Besuch und macht eifrig Fotos von ihrem Enkel. Das nervt Marc ein bisschen. Viel lieber möchte er sich seinem großen Hobby, dem Computer, widmen. Amelia studiert in Bremen. Sie ist sehr erfolgreich und hat viele Freunde. Ihre Mutter kommt aus Albanien. Sie trägt ein Kopftuch. Nur zwei Beispiele machen der Klasse 6a deutlich, wie schnell Vorurteile entstehen können. In der anschließenden Gruppendiskussion vertiefen sie das Thema und überlegen, welche Situationen sie selbst schon einmal erlebt haben. Ohne Namen zu nennen, „denn auch das könnte jemanden verletzen“, weiß Sarah Knieps. Die Kölnerin ist seit gut einem Jahr für die Bildungsinitiative aktiv und leitet Workshops für Schüler*innen. Fleißig sammeln die Kinder Beispiele aus dem Alltag und halten sie auf Papier fest: Kleidung und Aussehen, Geld, Behinderung, Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Religion, Homosexualität die Liste der Gründe für Diskriminierung, nicht nur mit rassistischem Hintergrund, ist lang. Und genau deshalb hat es sich das 20-köpfige Team von Show Racism the Red Card – Deutschland e. V. zur Aufgabe gemacht, 9- bis 14-Jährige über Rassismus und Diskriminierung aufzuklären.

Vorbilder Bundesligaprofis
„Wir möchten einen Impuls geben“, sagt Andreas Hellstab, der extra aus Berlin angereist ist. Von dort aus organisiert er die bundesweiten Workshops der Bildungsinitiative. „Mit zehn Profivereinen darunter Mainz 05, Hannover 96 und VfL Wolfsburg konnten wir schon zusammenarbeiten. In England besteht die Initiative seit fast 20 Jahren. Ich habe das Projekt dort kennengelernt und 2010 mit ein paar Studienkolleg*innen nach Deutschland gebracht. Unser Netzwerk ist schnell gewachsen und dieses Jahr konnten wir sogar einen Dokumentarfilm drehen, an dem sich viele Bundesligaspieler*innen beteiligt haben. Im Frühjahr nächsten Jahres werden wir ihn veröffentlichen“, erzählt der 30-Jährige. Die Finanzierung der Initiative erfolgt bisher regional, an einer bundesweiten Regelung wird gearbeitet. Der Verein ist auf Kooperationspartner*innen angewiesen. Bildungs- und Kultusministerien sowie Gewerkschaften sind oft beteiligt. „Und ganz wichtig sind die Fanprojekte vor Ort“, verrät Andreas Hellstab. In Mönchengladbach ist das der FPMG Supporters Club. Der Verein organisiert die Räumlichkeiten, unterstützt während der Workshops. „Innerhalb der Fangemeinde können wir auf eine Initiative gegen Rassismus setzen – vielleicht hatten wir auch deshalb noch keine großen Probleme mit dem Thema. Auch in unserem eigenen Jugendzentrum wird präventiv gearbeitet“, erzählt Dennis Malinowski, Mitarbeiter des Fanprojekts.

Es reicht!
Klassenlehrer Thomas Cyganek kann stolz sein auf seine Inklusionsklasse. Wichtig für den Tag ist allen von Beginn an: zuhören, kein Streit, nett zueinander sein und – das gehört auch dazu Autogramme bekommen. Gruppensprecher*in möchten viele einmal sein. Besonders als es darum geht, eine Pressekonferenz vorzubereiten und den Journalist*innen vor der Sponsorenleinwand Rede und Antwort zu stehen. Zuvor hat ein Film den Schüler*innen gezeigt, was rassistische Beleidigungen während eines Fußballspiels anrichten können: Weltfußballer Samuel Eto’o wollte 2008 bei einem Spiel seines damaligen Vereins FC Barcelona gegen Real Saragossa das Feld verlassen. Affenrufe schallten von der Tribüne. Es war nicht das erste Mal. „No more!“ „Es reicht!“, sagte Kameruns Nationalprofi damals. Mit Unterstützung seiner Mitspieler und des Schiedsrichters blieb er jedoch bis zum Abpfiff auf dem Platz. In der fiktiven Pressekonferenz vertritt Jerome die Fußballfans, Doro ist Schiedsrichterin, Marvin Spieler des FC Barcelona, Hamza ist Barca-Trainer und Laura Spielerin von Real Saragossa. Ihre Klassenkamerad*innen schlüpfen in die Rolle der Presse. Die Konferenz kann beginnen: „Wurden die Täter aus dem Verkehr gezogen?“, fragt Fayssal von der Rheinischen Post. „Sie wurden noch während des Spiels von der Tribüne geholt, denn sowas gehört nicht ins Stadion“, antwortet Marvin. Leon wendet sich mit einer Frage an den Trainer: „Wird die Fangruppe bestraft?“ „Auf jeden Fall. Wie die Strafe aussehen wird, wissen wir aber noch nicht.“ „Angeblich wurde Samuel Eto’o auch mit etwas beworfen. Stimmt das?“, will Christian vom Kicker wissen. Marvin erklärt daraufhin, Samuel Eto’o sei nicht beworfen, aber beleidigt worden und das habe ihn „im Inneren verletzt“.

Starkmachen gegen Rassismus
Das Workshopkonzept kommt bei den Kindern gut an. „Ich habe viel gelernt und werde mich in der Klasse gegen Rassismus einsetzen“, sagt Celina. Nach über drei Stunden konzentrierter Arbeit freuen sich die Neuwerker Schüler*innen auf den angekündigten Überraschungsgast. Und wenig später sitzt er mitten unter ihnen: Granit Xhaka, Mittelfeldspieler bei Borussia Mönchengladbach. Zusammen sprechen sie über den Film und der Fußballprofi erzählt: „Erst vor Kurzem gab es einen ähnlichen Vorfall, bei dem Kevin Prince Boateng in einem Freundschaftsspiel rassistisch beschimpft wurde. Das Spiel wurde abgebrochen und die Mannschaft ging geschlossen vom Platz so würde ich es auch machen.“ Und endlich können die kleinen Autogrammjäger*innen auch die Unterschrift eines echten Profis ergattern.

Sherin Krüger // In: nds 1-2014

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