Von Drogen und Gewalt zum Abitur

Das Projekt „Paidaia“ hilft Jugendlichen

„Paidaia“ hilft in Schieflage geratenen Jugendlichen, wieder zurück auf den richtigen Weg. Wo andere Maßnahmen scheitern, erreicht der Verein, dass die Schüler*innen selbst wieder eine Perspektive in ihrem Leben finden – teilweise bis zum Abitur und weiter. Das schafft das Team um Ibrahim Ismail mit Bildung und damit, sich selbst den Spiegel vorzuhalten.
Von Drogen und Gewalt zum Abitu

Foto: eternalcreative/istock.de

Es sind Wandlungen, die wenige für möglich gehalten hatten. Eine davon trug sich in Ascheberg im südlichen Münsterland zu. Eine Gruppe Jugendliche randalierte, konsumierte Drogen und wurde kriminell. Die Bürger*innen von Ascheberg wechselten die Straßenseite, wenn sie die 12- bis 21-Jährigen sahen. Maßnahmen von Jugendamt und Polizei brachten keinen Erfolg. Hilfe kam von Auswärts: Zwölf Monate lang arbeitete der Verein „Paidaia“ aus Bochum mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen. Heute sind die Drogen- und Gewaltdelikte Vergangenheit und auch die Schule nehmen sie wieder ernst.

Jugendliche gestalten die Gesellschaft
„Es geht bei uns um Menschbildung“, sagt Ibrahim Ismail, Geschäftsführer des Vereins und Entwickler des Konzeptes „Neue Wege“, das die Grundlage für diese Arbeit ist. „Wir wollen die Geisteskraft stärken und den Jugendlichen eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.“ Bildung ist dabei eine Schlüsselfunktion. „Viele können mit dem Begriff nichts anfangen“, so Ibrahim Ismail. Die Jugendlichen hätten ihn ausgelacht, als er ihnen damit kam. „Sie verstehen nicht, dass Bildung die Lösung ist, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und was zu bewegen.“ Im Seminar spricht er mit den Jugendlichen über Mohammed Ali, Che Guevara oder Wilhelm von Humboldt. Wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben und die Notwendigkeit zu sehen, Dinge für die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, das ist das Ziel von Paidaia. Dazu baut das Team eine Beziehung zu den Jugendlichen auf. „Wir wollen die Personen kennenlernen“, sagt Ibrahim Ismail. „Bevor ich mit ihnen zusammenarbeite, weiß ich über alle Bescheid.“ Er kennt ihren Hintergrund und lässt es sie selbst reflektieren. „Viele Erkenntnisse der Jugendlichen über sich selbst und ihr Leben sind bittere Erkenntnisse“, erklärt Ibrahim Ismail. Aber sie wollen sich auch mitteilen. Wenn eine bestimmte Ebene erreicht ist, sei es bemerkenswert, was mit ihnen alles möglich ist. Ibrahim Ismail hat mit ehemaligen „Problemfällen“ den Stadtteil Wuppertal-Vohwinkel umgestaltet, Schüler*innen selbst einen Fitnessraum für ihre Schule realisieren lassen und Fotoausstellungen organisiert. Gleichzeitig sollen  die Jugendlichen als Vorbilder für andere gelten und zeigen, was sie selbst alles erreichen können. Viele von ihnen machen Abitur und engagieren sich später selbst bei Paidaia oder für Problemjugendliche.

Vom Förderschüler zum Diplom
Für deren Schieflage macht Ibrahim Ismail auch das deutsche Schulsystem verantwortlich: „Strikte Lehrpläne lähmen die Kreativität.“ Zudem gebe es einige Lehrer*innen, die sich im Klassenraum verschließen würden, anstatt ihren Unterricht auch für die Schüler*innen und Projekte zu öffnen. Zum Glück sei das nicht immer der Fall. Wie es ist, im deutschen Bildungssystem durchs Raster zu fallen, weiß Ibrahim Ismail nur zu gut. Zwei Psychologen sagten dem Kind libanesischer Migranten im vierten Schuljahr, er sei ein Fall für die Sonderschule. Ein Jahr verbrachte er dort, bis ein Betreuer meinte, er sei hier fehl am Platz. Ibrahim Ismail wechselte auf die Hauptschule, schloss die als Klassenbester ab und wollte eigentlich eine Schreinerlehre beginnen. Sein Lehrer riet ihm zum Abitur. Heute ist er Diplomsportwissenschaftler.

Politische Windmühle
Doch die Arbeit von Paidaia muss nicht immer funktionieren. „Wir müssen in unserer Arbeit den Mut mitnehmen, auch mal zu scheitern“, sagt Ibrahim Ismail. Das liege nicht unbedingt an den Jugendlichen selbst. Oft habe der Verein auch mit politischen Problemen zu kämpfen. „Das Thema Geld ist nervig“, erklärt Ibrahim Ismail. Gelder seien oft schon verteilt oder für solche Maßnahmen nicht vorhanden. Dabei ist er sich sicher, dass seine Initiative unterm Strich günstiger sei als die Folgekosten für die Jugendliche wie Reparatur der Sachbeschädigungen, Gefängnis, Heimkosten, Arbeitslosengeld oder Resozialisierungsmaßnahmen. Politisch findet das Konzept bundesweit Beachtung. Im Januar 2012 traf sich Ibrahim Ismail mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel und weiteren Referent*innen in Berlin, um über  die "Integration von (langzeit-) arbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Arbeitsmarkt" zu sprechen. Lokale und überregionale Medien wie die ZEIT oder der WDR berichtete schon über Paidaia. Vermarkten möchte Ibrahim Ismail sein Konzept aber nicht. Er sagt: „Für mich ist das kein Business, sondern eine Berufung.“ Im Juni 2009 wurde der Verein auf Grundlage des sportpädagogischen Lehrstuhls der Ruhr-Universität Bochum gegründet. Mitglieder sind Jurist*innen, Pädagog*innen, Sportwissenschaftler*innen und auch ehemalige Jugendliche mit denen Paidaia zusammenarbeitete.

OLE ENGFELD