Verknüpfung hochschulischer (Aus-)Bildung mit Praxisphasen

Bildung oder Ausbildung?

Die Verknüpfung hochschulischer (Aus-)Bildung mit Praxisphasen wird in der öffentlichen Wahrnehmung ambivalent beurteilt: Zum einen gibt es die Vorstellung von der Generation Praktikum, die während des Studiums und im Anschluss daran in einer Vielzahl unbezahlter Tätigkeiten häufig ausgebeutet wird. Daneben finden sich jedoch eine Menge Stimmen, die die Berufsfähigkeit direkt nach dem Hochschulabschluss hinterfragen, um damit die Forderung nach praxisnäheren Studienstrukturen zu begründen. Das gilt nicht nur dort, wo Studienabschlüsse hohe Flexibilität und Eigenverantwortlichkeit der Absolvent*innen in ihrer Berufswahl erfordern, sondern ausdrücklich auch für jene Hochschulausbildung, die eine vermeintlich klare Berufsausrichtung hat wie etwa das Medizin- oder Lehramtsstudium.
Verknüpfung hochschulischer (Aus-)Bildung mit Praxisphasen

Foto:Joexx/photocase.de

Kompetenzen für den Lehrberuf in der Praxis erwerbenEin starker Berufsfeldbezug sowie eine erkennbare curriculare Einbindung der Praxisphase in das Studium scheinen das Aufgaben und Anforderungsspektrum von Praktika zu erweitern: Während in vielen vor allem geisteswissenschaftlichen Studiengängen Praktika insbesondere der Erschließung von Berufsfeldern bezüglich Passung, Neigungen und Fähigkeiten dienen, gehen die Anforderungen speziell im Lehramt weit darüber hinaus. Neben der Eignungsabklärung und dem Perspektivenwechsel sollen bereits konkrete berufsbezogene Kompetenzen für den Lehrberuf erworben und angewandt werden.

Am Beispiel des Lehramtes lässt sich dabei eine erstaunliche Entwicklung von Praktikums-strukturen nachvollziehen: Öffentlichkeit und Bildungspolitik  ebenso wie die Studierenden selbst haben die Berufseignung universitärer Lehramtsabsolvent*innen in Zweifel gezogen und forderten in der Vergangenheit unisono einen stärkeren Praxisbezug der Lehrer*innenausbildung. Daraus resultierte nach Studienreformen in den meisten Bundesländern vor allem die Implementation verlängerter Praxisphasen, zumeist als Praxissemester, in die Lehramtsstudiengänge teilweise bei gleichzeitiger Verkürzung der schulpraktischen Ausbildung im Vorbereitungsdienst.

Intensive Betreuung und Reflexion schaffen MehrwertAllerdings gehen viele der Reformkonzepte und vor allem deren Umsetzungen an den Ergebnissen der Schulpraktikumsforschung vorbei. Denn diese hat als maßgebliche Gelingensbedingungen die möglichst intensive und qualifizierte Betreuung durch berufserfahrene Mentoren*innen sowie die universitäre, also die wissenschaftliche, Aufbereitung des Praxishandelns identifiziert und nicht etwa die bloße Länge der Praxisphase. Oder anders: Wenn Lehramtsstudierende ohne intensive Begleitung und Reflexion ihres Praktikums an Schulen tätig sind, welchen Mehrwert soll diese Form der Ausbildung dann im Vergleich zum Vorbereitungsdienst oder zu der späteren Berufseingangsphase bringen? Mittlerweile wundern sich daher auch die betroffenen Studierenden selbst, weshalb sie in einem unentgeltlichen Pflichtpraktikum arbeiten sollen, ohne erkennbare Vorteile gegenüber dem bezahlten Vorbereitungsdienst zu haben.

Diese Betrachtung zeigt ein weiteres Problem auf: Universitäten werden nach einer Phase der eigentlich angedachten Öffnung von Studiengängen und -abschlüssen im Zuge der Bologna-Reform als Ausbildungsstätten für konkrete Berufsfelder missverstanden. Wenn Praktika curricular in Studiengänge eingebunden werden, geht das im Regelfall nur über die Verschiebung von Leistungspunkten und damit zu Lasten (allgemein-)bildender theoretischer Studieninhalte. Ob eben jene Verschiebung von Bildung zur Ausbildung einen tatsächlichen Mehrwert für eine breit aufgestellte Berufsfähigkeit bringt, darf jedoch bezweifelt werden.       

Kris-Stephen Besa // In: nds 8-2015