Tablets im Unterrichtseinsatz

Stift und Papier waren gestern

Die Tafel an der Wand wirkt wie ein Relikt aus alten Tagen. Religionslehrer André Spang beachtet sie kaum, die Schüler*innen schauen über sie hinweg auf die Beamerprojektion. Stift und Papier benutzen die Schüler*innen des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums in Köln nur noch selten. Stattdessen erleben sie Unterricht mit Tablet-Computern. Was als Projekt anfing, ist inzwischen fester Bestandteil der Schule geworden. Lehrer André Spang sieht darin die Zukunft des Lernens. Ein Blick in seinen Religionsunterricht zeigt, was er damit meint.
ablets im Unterrichtseinsat

Foto: B. Butzke

Lediglich um die URL einer Internetseite aufzuschreiben, greift André Spang zur Kreide. In der Doppelstunde im Klassenraum der 6d der Kaiserin-Augusta-Schule (KAS) bleibt die grüne Fläche heute fast unberührt. Der Religionslehrer erklärt die nächste Aufgabe über sein Tablet: „Sucht euch berühmte Personen heraus, die sich in die Geschichte eingemischt haben.“ Mit dem Beamer projiziert er das synchronisierte Bild an die Wand und erklärt, wie die SchülerInnen vorgehen sollen, was sie beachten müssen. „Vor einigen Jahren haben wir solche Aufgaben noch im Computerraum erledigt“, sagt er. Da gab es 35 Arbeitsplätze für 1.000 SchülerInnen. Im nächsten Atemzug ergänzt er: „Das war nicht gut.“ Nicht nur, dass die Klasse erst nach zehn Minuten anfangen konnte zu arbeiten, auch der Frontalunterricht gehöre zu den Dingen, die er nicht schätze. Seit die Schüler*innen mit den Tablets arbeiten, gebe es keine Startprobleme. „Sie können sofort anfangen und sind flexibel.“

Eigene Ideen entwickelnAndré Spang benutzt die Tablets gerne im Unterricht. Er glaubt, dass das die Zukunft sein wird. „In 30 Jahren wird wahrscheinlich keiner mehr in ein Heft schreiben“, prophezeit er. Das sei in der Menschheitsgeschichte einfach so gewesen. „Die Gesellschaft hat immer ein modernes Leitmedium angenommen. Damals wurde ja auch nicht gefragt: Meißeln wir nicht mehr?“ Papier braucht an diesem Montagmorgen keiner in der Klasse. Während André Spang noch die Aufgabe erklärt, wandern die Blicke der Kindern schon zu den flachen Tablets, die auf dem Pult und in einer blauen Kiste liegen. Es sind 20 Stück  für jede Schülerin und jeden Schüler in der Klasse ein eigenes. „Ihr könnt ein Interview machen, eine Reportage schreiben oder ein Video schneiden. Da müsst ihr einfach kreativ sein“, schlägt der Religionslehrer seinen SchülerInnen vor und zweifelt keinen Moment daran, dass die Elf- bis Zwölfjährigen damit Probleme haben könnten. Er ergänzt: „Am liebsten sind mir eure eigenen Ideen.“

Vertrauen in die VernunftJohanna, Leonie und Corinna hatten sich schon vorher Gedanken gemacht, über wen sie schreiben möchten. Die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai soll einen Eintrag im schuleigenen KAS-Wiki erhalten. „Sie kommt häufig in den Nachrichten vor und ihre Geschichte interessiert uns“, erklärt die elfjährige Johanna. Doch bevor sie anfangen können, müssen sie erst recherchieren. „Wir suchen im Internet nach Seiten, auf denen was über sie steht und die lesen wir uns durch“, sagt Leonie.  Das KAS-Wiki ist die Plattform der Schule zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren und Nachdenken. Alle Klassen arbeiten in allen Fächern daran mit und stellen ihre Ergebnisse im Netz zur Verfügung. In Sport werden Bewegungsabläufe gefilmt, eine Französischklasse hat einen Stadtführer für Köln erstellt. In Zukunft wird auch der Eintrag von Johanna, Leonie und Corinna über Malala Yousafzai online abrufbar sein – nicht nur für ihre Mitschüler*innen, sondern für alle Internetnutzer weltweit. Ein Punkt für die Kritiker, meint André Spang. Die Schüler*innen sind ohne Einschränkungen mit dem Internet verbunden. Sie könnten theoretisch schreiben, was sie wollen und sei es „die Kölner sind alle Idioten“. Sorgen macht sich André Spang darüber aber nicht. Erstens, weil die SchülerInnen unter ihrem eigenen Namen schreiben und jeglicher Missbrauch auf sie zurückführt. Der zweite Grund ist weit rationaler: „Wir sollten den Schüler*innen auch das Vertrauen schenken, dass wir glauben, dass sie sinnvoll mit den Inhalten und Möglichkeiten umgehen“, sagt der Lehrer. Auch die Befürchtung, dass die Schüler*innen mit automatischen Rechtschreib- und Grammatiküberprüfungen diese Kompetenz verlernen, teilt der Lehrer nicht: „Das wird hier genauso überprüft wie bei Klassenarbeiten.“

Medienarbeit als KernkompetenzTim, Jens und Justus verlassen die Klasse. Sie wollen ein nachgestelltes Interview mit einem entfernten Verwandten des im Zweiten Weltkrieg deportierten Janusz Korczak nachstellen. Dafür brauchen sie Ruhe und zwei Tablets. Mit dem einen nehmen sie ein Video auf und mit dem anderen greift der Interviewte online auf Informationen zurück. Tim und Justus stellen die Fragen. Jens wird den Verwandten von Janusz Korczak spielen. Probleme mit der Bedienung haben sie schon lange nicht mehr. „Ich habe seit vier oder fünf Monaten selbst ein Tablet“, sagt Justus. Und schon vorher habe er sich viel von seinen Freunden abgeguckt, die ein ähnliches Gerät haben. Jens ist erst seit einer Woche stolzer Besitzer eines Tablets. „Die Bedienung ist einfach. Da habe ich keine Schwierigkeiten“, versichert er.  Während die drei Schüler auf dem Flur ihr Interview aufnehmen, neigt sich der Religionsunterricht in der Klasse dem Ende zu. Einige schauen sich inzwischen Videos auf YouTube an oder spielen. „Manchmal lässt man sich leicht ablenken“, gibt Francesco zu. „Manchmal aber auch nicht.“  „Es stimmt, dass sich die SchülerInnen auch mit anderen Dingen, als mit der Aufgabe beschäftigen können“, sagt André Spang locker. „Wir machen hier Projektarbeit. Und wenn die Schüler*innen mit ihrer Aufgabe fertig sind, können sie sich meinetwegen auch etwas anderes im Internet machen“, erklärt er. Das sei ohne die Tablets nicht anders. „Da würden sie auf den Blättern rummalen oder daraus Papierflieger basteln.“ Die KAS war die erste Schule in Deutschland, die die Arbeit im papierlosen Klassenzimmer konsequent durchgesetzt hat. Inzwischen laufen auch Abiturprüfungen oder Klassenarbeiten über die Tablets. Die Steuergruppe „Schulentwicklung“ der KAS engagierte sich für diesen Weg. Der Förderverein bezahlte die ersten 20 Geräte. Inzwischen besitzt die Schule 60 Stück. Sie entschied sich sogar gegen den Bau eines Computerraums und für die Tablets – nicht zuletzt wegen der langen Bauzeit. Außerdem denkt die KAS über ein flächendeckendes WLAN-Netz an der gesamten Schule nach. „Da müssen aber auch erst mal rechtliche Dinge berücksichtigt werden“, weiß André Spang. „Die Entwicklung läuft noch schleppend. Andere Länder sind da viel weiter. Deutschland ist bei dem Thema noch sehr zurückhaltend.“

Lehrer*innen als VerkaufsmultiplikatorDiesen Trend in Schulen haben aber auch längst Computerkonzerne wie Apple entdeckt. Mit eigenen Bildungsseiten und Preisangeboten wollen sie LehrerInnen und Schulen für ihr Produkt gewinnen und binden. DIE WELT berichtete sogar von Seminaren in Luxushotels für Pädagog*innen, die teilweise vom Konzern finanziert werden. Alles mit dem Ziel, dass ihre Geräte in den Klassen verwendet werden. Dass sich Schüler*innen von den iPads an der KAS in ihrem späteren Kaufverhalten beeinflussen lassen, glaubt André Spang aber nicht: „Die sind so mündig, dass das meiner Meinung nach keinen Einfluss auf sie haben wird.“ Die Schule sei bei der Wahl der Tablets aber auch eingeschränkt. „Bei solchen Projekten müssen wir uns zwangsläufig an einen Anbieter binden“, erklärt André Spang. Da sei es egal, ob der Samsung oder Apple heiße. Er glaubt aber, dass es andere Dinge gibt, die wichtiger sind als die Entscheidung der Marke: „Die Schulen und Lehrer*innen müssen Konzepte und die Infrastruktur bereitstellen. Die Frage nach dem Anbieter kommt erst an vierter Stelle.“ Religionslehrer André Spang hofft, dass die SchülerInnen in Zukunft ihre eigenen Geräte von zu Hause mitbringen können und nicht mehr auf die Schul-Tablets angewiesen sind. „Dann hätten sie die Möglichkeit, ihre eigenen Arbeiten auf ihren eigenen Geräten zu speichern“, sagt er. Das sei bis jetzt ein großes Problem. Denn die ganze Schule benutzt die 60 Tablets. Lokal gespeicherte Dateien wieder zu benutzen, ist da schwierig.

Ole Engfeld // In: nds 2-2014

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