Strukturqualität und Erzieher*innengesundheit in Kindertagesstätten

Arbeitsplatz Kita: Traum oder Trauma?

Die Erwartungen an die Beschäftigten in Kitas sind hoch: Neben Betreuung und Erziehung gehört längst auch Bildung zu ihren Aufgaben. Gleichzeitig sind Erzieher*innen gesundheitlich stark belastet. Das Forschungsprojekt „Strukturqualität und Erzieher*innengesundheit in Kindertageseinrichtungen“ (STEGE) hat untersucht, wie die strukturellen Rahmenbedingungen mit der Gesundheit des pädagogischen Personals zusammenhängen. Kurz: Macht die Kita ihre Beschäftigten krank?
Strukturqualität und Erzieher*innengesundheit in Kindertagesstätten

Foto: sdenness/fotolia.de

Seit dem 1. August 2013 haben alle Kinder vom vollendeten ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Seit Einführung der Bildungsprogramme für den frühkindlichen Bereich im Jahr 2004 muss die Kita neben Betreuung und Erziehung auch Bildungsaufgaben erfüllen. Seitdem müssen Bildungspläne entwickelt, umgesetzt, evaluiert und fortgeschrieben werden. Kinder werden mit spielerischen Lernformen wie Themenecken, Forscherinseln, dem Werkstattprinzip, Funktionsbereichen oder Künstlerateliers an Sprache, Mathematik und Naturwissenschaften herangeführt. Von den Erzieher*innen wird unglaublich viel erwartet, aber die Bedingungen, unter denen die Arbeit vor Ort geleistet wird, geraten nur selten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Und das obwohl wir alle, die ganze Gesellschaft, von guter frühkindlicher Bildung profitieren. Derzeit gebe es genug Krippen und Erzieher*innen. Erst im Jahre 2016 werde es kritisch, sagt die Bundesagentur für Arbeit.

Hohe Belastung, wenig Anerkennung
Die meisten Erzieher*innen machen ihre Arbeit gerne. Sie finden sie abwechslungsreich, anregend und kreativ. Gleichzeitig sehen sich die Beschäftigten mit hohen Belastungen und Herausforderungen konfrontiert. Im Vergleich zu anderen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes sind Erzieher*innen überdurchschnittlich oft krank. Infekte, Rückenschmerzen sowie psychische Belastungen führen zu hohen Ausfallzeiten des Personals in Kitas. Die Erzieher*innen klagen über mangelnde gesellschaftliche Anerkennung, die sich in zu niedriger Bezahlung und geringen Aufstiegschancen äußert. Viele steigen vorzeitig  aus ihrem Beruf aus. Dies ergab eine Regionalstudie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

STEGE will Gesundheit sichern
Vor diesem Hintergrund hat die Alice Salomon Hochschule in Berlin im Auftrag der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen (UK NRW) und mit Förderung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) von 2010 bis 2012 die STEGE-Studie durchgeführt. Ein Teil der Kolleg*innen stehe vor dem Burn-out, so Dr. Heinz Hundeloh, Leiter des Bereichs Bildungseinrichtungen der UK NRW. Für die übrigen Kolleg*innen im Dienst bedeute dies, dass sie nicht krank werden dürfen. Diese untragbare Situation sei der Anlass für die Studie gewesen, denn die Erzieher*innen seien der Schlüssel zu guter frühkindlicher Bildung. Der gesetzliche Auftrag der Unfallkasse besteht darin, die Gesundheit aller Betroffenen zu sichern. Noch vor fünf bis sechs Jahren betrafen die Gesundheitsmaßnahmen ausschließlich die Kinder. Für die Beschäftigten hingegen fehlten damals die entsprechenden Daten. Um diese Lücke zu schließen, wurde das Forschungsprojekt STEGE in Auftrag gegeben. Die Zusammenhänge zwischen Rahmenbedingungen in den Kitas und Gesundheit von Erzieher*innen wurden somit erstmals systematisch untersucht. Die Ergebnisse wurden am 12. November 2013 in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin vorgestellt.

Ergebnisse und Lösungsansätze
Ein wichtiges Ergebnis der Studie: Erzieher*innen fühlen sich – je nach Ausbildung und beruflicher Kompetenz – überfordert. Umgekehrt stellte sich heraus, dass berufliche Kompetenz neben Selbstwirksamkeit und Identifikation mit dem Beruf als stärkste Ressource erlebt wird. Die Anforderungen sind vielfältig und komplex. Es bleibt zu wenig Zeit für die Arbeit mit dem Kind und die Erzieher*innen leiden besonders unter Zeitdruck. Lärm geben 90 Prozent aller Befragten als ständige und starke Belastung an. Schlechte Ausstattung der Räume, fehlende erwachsenengerechte Stühle und Tische, das Heben und Tragen von Kindern werden gleichfalls als körperlich anstrengend empfunden. Wie lässt sich Gesundheit am Arbeitsplatz Kita konkret fördern? Die STEGE-Projektleiterinnen Susanne Viernickel und Anja Voss empfehlen neben einem betrieblichen Gesundheitsmanagement vor allem verstärkte Investitionen in die Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen: „Eine besondere Erkenntnis liegt darin, dass dieselben Faktoren, die in der Diskussion um die pädagogische Qualität von Kindertageseinrichtungen als Schlüssel oder Hemmnisse für gute Bildung, Erziehung und Betreuung identifiziert wurden, auch für die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der pädagogischen Fach- und Leitungskräfte von hoher Relevanz sind.“ Um allen Kindern bestmögliche Startmöglichkeiten in ein gelingendes Leben zu bieten, ist die Betreuungsqualität entscheidend. Von den Empfehlungen der EU und der OECD für den Betreuungsschlüssel sind Deutschland und im Speziellen auch NRW in jeder Altersgruppe weit entfernt. Die aus wissenschaftlicher Sicht empfohlenen Mindeststandards, insbesondere die Fachkraft-Kind-Relation, werden nur in Ausnahmefällen erreicht.

Jetzt in Qualität investieren!
Perspektivisch bedeutet das: Die strukturellen Rahmenbedingungen in Kitas müssen verbessert werden. STEGE ist dafür ein geeignetes Instrument: Es misst die Qualität einer Kita und gibt zielgerichtet Hinweise zur Weiterentwicklung und Verbesserung. Anhand von 13 Merkmalen darunter Personalschlüssel, Raumausstattung und Pausenordnung kann messbar gemacht werden, ob eine gegebene Bedingung eine Belastung oder eine Ressource ist. Kitas können so als gesunde Organisationen entwickelt werden. Die Voraussetzungen dafür: Die Ausgaben für frühkindliche Bildung müssen jetzt auf den europaweiten Durchschnitt von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht werden. Die gesellschaftliche Bedeutung der frühkindlichen Bildung muss sich in der gesellschaftlichen Anerkennung des Erzieher*innenberufs mit qualifizierter Ausbildung an Hochschulen, attraktiver Bezahlung und verbesserten Aufstiegsmöglichkeiten zeigen.     

Über die Studie
Das Forschungsprojekt „Strukturqualität und Erzieher*innengesundheit in Kindertageseinrichtungen“ (STEGE) hat von Oktober 2010 bis Dezember 2012 untersucht, wie die strukturellen Rahmenbedingungen mit der Gesundheit von Erzieher*innen zusammenhängen. Neben der Erhebung repräsentativer Daten für die nordrhein-westfälische Kita-Landschaft entwickelte die Studie konkrete Vorschläge für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention. Das Projekt ist angesiedelt an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und wird gefördert durch die Unfallkasse NRW und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Jede zehnte Kita in NRW nahm an der Untersuchung teil, befragt wurden über 2.500 Fach- und Leitungskräfte. Sie beantworteten Fragen zu ihrer Qualifikation, zu den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit, zum Personalschlüssel, zu Teamzusammensetzung und Teamarbeit. Sie machten Angaben zu belastenden und unterstützenden Aspekten ihres Arbeitsalltags, zu ihrer Gesundheit, ihrer beruflichen Zufriedenheit und zu Ausgleichsmöglichkeiten in ihrer Freizeit.

Barbara Sendlak-Brandt // In: nds 2-2014


NachgefragtAndre Zwolle, 30 Jahre alt, arbeitet in der Kindertagesstätte Börkhauser Feld in Solingen mit 20 Kindern von zwei bis sechs Jahren.

GEW NRW: Sie betreuen täglich 20 Kinder, davon sind fünf unter drei Jahren. Was hat sich bei Ihnen durch die Kleinen verändert?
Andre Zwolle: Von den Räumlichkeiten über den Tagesablauf bis hin zu neuen Spielmaterialien hat sich einiges verändert. So haben wir zum Beispiel unsere Büros verlegt, um den Kindern mehr Bewegungsflächen und Rückzugsmöglichkeiten zu bieten. Auch der Gruppenalltag sieht jetzt anders aus: Die Jüngeren benötigen beim Anziehen oder bei den Mahlzeiten mehr Unterstützung und wir brauchen für viele Dinge mehr Zeit. Für uns als Erzieher*innen bedeutet das, dass wir uns öfter aufteilen müssen. Im Prinzip ist eine Person für die fünf U3-Kinder und die andere für die übrigen 15 Kinder zuständig.

Wurde denn der Personalschlüssel dem Ausbau angepasst?
Minimal, denn durch die Änderung ergeben sich nicht genug Personalstunden, um dauerhaft eine dritte Kraft in der Gruppe zu haben. Wir sind meist zu zweit. Das ist auch in meinen Augen einer der größten Knackpunkte des U3-Ausbaus: Die Einzelbetreuung der Kinder ist intensiver geworden, am Personalschlüssel hat sich in vielen Einrichtungen wenig geändert. Für uns ist es eine ständige Herausforderung, allen gerecht zu werden. Mal mit zwei, drei Kindern in Ruhe zu spielen  dafür fehlt uns oft schlichtweg die Zeit. Deshalb würde ich mir eine weitere Fachkraft als Unterstützung wünschen.

Das klingt nach einem Spagat. Würden Sie sagen, die
Arbeitsbelastung ist gestiegen?
Das nicht unbedingt, die Anforderungen an Erzieher*innen nehmen eher generell zu. Was den U3-Ausbau betrifft, ist das für mich mehr eine Sache des Umdenkens und Umgestaltens: Wir hatten zum Beispiel früher ein klassisches Bastelregal mit Scheren, Kleber und so weiter. Daran konnten sich die Kinder selbstständig bedienen. Das mussten wir ändern. Wer jetzt basteln möchte, fragt erst uns, damit die Kleinsten die Materialien nicht einfach greifen können. Wir müssen heute auf bestimmte Bedürfnisse anders eingehen. Und natürlich kommen andere Aufgaben wie das Wickeln und die Begleitung der Kinder beim Schlafen hinzu. Als höhere Belastung empfinde ich das aber nicht.

Männliche Erzieher sind eine echte Rarität. Wo liegen in Ihren Augen die Gründe dafür?
Ich kenne Erzieher, die ganz klar sagen, dass gerade die Arbeit mit den ganz Kleinen nicht ihr Ding ist. Ich denke, es liegt aber auch an der geringen Bezahlung. Für mich allein reicht das Gehalt zurzeit, aber wenn ich irgendwann eine Familie ernähren will, wird es schwierig. Das ist ja auch eine Frage der Wertschätzung: So werden zum Beispiel Fortbildungen, die man macht, im Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst überhaupt nicht angerechnet – daran muss sich dringend etwas ändern.


Barbara Cramer, 58 Jahre alt, arbeitet im AWO-Familienzentrum Sonnenschein in Werdohl mit 23 Kindern von zwei bis sechs Jahren.

GEW NRW: Seit zwei Jahren nehmen Sie in Ihrer Gruppe auch U3-Kinder auf. Wie hat sich die Betreuung dadurch verändert?
Barbara Cramer: Sie ist intensiver geworden. Ich muss auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen und flexibler reagieren. Und Aufgaben wie das Wickeln, Füttern und Tragen sind mehr geworden. Insgesamt bin ich stärker gefordert. Ich denke aber, das liegt nicht nur an den U3-Kindern. Die Ansprüche an uns Erzieher*innen sind generell gestiegen, so erwarten beispielsweise die Eltern mehr von uns, da die Kinder mehr Zeit in der Kita verbringen als vor zehn Jahren. Da ist es nicht immer leicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Besonders intensiv war die Anfangsphase, als die Kleinen neu hinzukamen: Da stand ich vor der Aufgabe, die Großen zu fördern und bei den Jüngeren das Kuschelbedürfnis zu befriedigen – ein ständiger Spagat. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich allen Kindern gerecht werden kann und habe nach einer Lösung für dieses Problem gesucht.

Und haben Sie eine Lösung gefunden?
Ja, für mich war eine Fortbildung der Schlüssel, die mir eine andere Sicht der Dinge vermittelt hat. Dort habe ich viel über die frühkindliche Entwicklung gelernt – zum Beispiel, dass die Kleinen einen stärkeren Bewegungsdrang haben. Es ging auch darum, dass wir uns als Team mehr absprechen und bestimmte Rahmenbedingungen schaffen müssen. So haben die jüngeren und die älteren Kinder jetzt eigene Bereiche oder wir trennen die Gruppe bewusst, um den verschiedenen Bedürfnissen Raum zu geben. Dass man solche Möglichkeiten schaffen kann, setzt natürlich gewisse räumliche Gegebenheiten voraus. Meine Gruppe hat eine Etage für sich, das erweist sich jetzt als großer Glücksfall. Durch eine andere Gruppenzusammensetzung kann die Arbeit sicher auch deutlich belastender werden.

Was würden Sie beim U3-Ausbau verbessern?
Drei Dinge. Erstens muss sich der Personalschlüssel ändern: Zu zweit ist es schon knapp. Gerade mit der Übermittagsbetreuung ist man von morgens bis nachmittags auf den Beinen. Wenn dann noch Krankheit und Urlaub hinzukommen, freut man sich schon über eine Viertelstunde Pause. Früher konnte man sich zwischendurch austauschen, heute muss die Teambesprechung außerhalb der Dienstzeiten stattfinden. Zweitens die Räumlichkeiten: Es ist wichtig, dass genug Platz da ist. Und drittens: eine angemessene Bezahlung. Wenn man überlegt, welche Verantwortung Erzieher*innen haben, ist das Gehalt und damit auch die Wertschätzung zu gering.


Karina Klaus, 27 Jahre alt, arbeitet im Montessori Kinderhaus Herz Jesu in Urdenbach mit 17 Kindern von vier Monaten bis sechs Jahren.

GEW NRW: Die Familiengruppe im Kinderhaus gibt es seit zehn Jahren. Wie sehen Sie den weiteren Ausbau der U3-Betreuung?
Karina Klaus: Ich bin ganz klar dafür der weitere Ausbau und der Rechtsanspruch sind positive Weichen für die Zukunft. Ich sehe tagtäglich, dass die Kinder in unserer altersgemischten Gruppe sehr voneinander profitieren. Zum Beispiel unterstützen die Größeren die Kleineren beim Trockenwerden: Sie erinnern sie daran, auf die Toilette zu gehen und loben sie für kleine Erfolge. Die Kleinen lernen viel von den Großen und die Meinung, dass sie überfordert sind, kann ich mit den Erfahrungen aus meinem Alltag nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Die Kinder entwickeln schon früh sprachliche und vor allem soziale Kompetenzen.

Sind Sie mit den Arbeitsbedingungen zufrieden?
Sicher gibt es Dinge, die man noch ändern möchte, aber im Großen und Ganzen schon. Wir sind zurzeit zwei Erzieherinnen in Vollzeit, eine Ergänzungskraft, die sich mit einer gruppenübergreifenden Erzieherin eine Stelle teilt, und eine Praktikantin im freiwilligen sozialen Jahr. Das ist ein ziemlich guter Personalschlüssel. So haben wir die Möglichkeit, uns in kleineren Gruppen intensiver den Kindern zu widmen. Ich mache mit den Vorschulkindern täglich das Sprachlernprogramm WüPro das ist für die Kinder und mich immer eine ganz besondere Zeit. Das derzeit jüngste Kind ist anderthalb und kann bereits laufen, das macht vieles einfacher. Wir hatten aber auch schon mal vier Kinder, die noch nicht liefen. Da ist man als Erzieherin natürlich noch mal ganz anders gefordert.

Aktuelle Studien zeigen, dass Erzieher*innen durch ihren Job überdurchschnittlich gesundheitlich belastet sind. Wie sehen Sie das?
Unser Job ist Schwerstarbeit das ist nicht von der Hand zu weisen. Wir arbeiten bei uns ja nach dem pädagogischen Konzept von Maria Montessori. Das beinhaltet unter anderem, dass wir uns mit den Kindern viel auf Arbeitsteppichen beschäftigen. Hinzu kommt, dass wir uns mit U3-Kindern mehr auf dem Boden aufhalten. Da bleiben Rücken- und Knieprobleme nicht aus. Auch die gebückte Haltung auf kleinen Stühlen ist gesundheitlich belastend. Und sehr kleine Kinder, die viel getragen werden möchten, sind schon eine körperliche Herausforderung. Was ich aber noch problematischer finde, ist die fehlende gesellschaftliche Anerkennung für unseren Beruf. Viele meinen, dass wir den ganzen Tag nur spielen. Dass wir täglich wertvolle pädagogische Arbeit leisten, unendlich viel Geduld brauchen, Elterngespräche führen, Sprachförderprogramme machen oder Entwicklungsberichte schreiben wird oft nicht gesehen. Dennoch möchte ich betonen, dass ich mich trotz allem jeden Tag auf meine Arbeit in der Familiengruppe freue.

Die Interviews führte Denise Heidenreich // In: nds 2-2014