Selbstverständlich anders

Wie können Lehrer*innen mit Homophobie und Diskriminierung umgehen?

„Das ist doch schwul“ oder „Du Lesbe“, solche Beschimpfungen sind in Klassenzimmern und auf Schulhöfen keine Seltenheit. Wie können Lehrer*innen mit Homophobie und Diskriminierung umgehen? Und gehört LSBTI* als Thema in den Unterricht? Wir haben Dr. Ulrich Klocke vom Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin gefragt. 2012 veröffentlichte er seine Studie zur „Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen“.
Selbstverständlich anders

Foto: sajola/photocase.de

GEW NRW: „Schwul“ oder „Schwuchtel“ wird von 62 Prozent der Berliner Sechstklässler*innen und von 54 Prozent der Neunt- und Zehntklässler*innen als Schimpfwort verwendet. So lautet ein Ergebnis Ihrer Studie. Wissen die Kinder und Jugendlichen, was sie sagen? Wie homophob sind sie tatsächlich?Dr. Ulrich Klocke: Selbst die Sechstklässler*innen wissen mittlerweile fast alle, was „lesbisch“ oder „schwul“ wirklich bedeuten. Dennoch verwenden sie diese Begriffe gern zur Beschimpfung. Das spiegelt zwar nicht unbedingt eine homophobe Einstellung wider, hat aber dennoch eine homophobe Wirkung. Man kann im Experiment zeigen, dass allein die Wahrnehmung von „lesbisch“ oder „schwul“ als Schimpfworte die Einstellungen zu Lesben und Schwulen verschlechtert. Zudem tragen diese Beschimpfungen dazu bei, dass nicht heterosexuelle Jugendliche sich nicht trauen, zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen und häufiger mit Depressionen und Suizidgedanken zu kämpfen haben als heterosexuelle Jugendliche.

Und wie reagieren Lehrer*innen angemessen, wenn sie solche Beleidigungen mitbekommen?Lehrkräfte sollten dis­­kriminierende Beschimpfungen wie „Spast“, „Schwuchtel“ oder „Jude“ nicht ignorieren, son­dern thematisieren. Sie können beispielsweise fragen, warum diese Begriffe in einer negativen Weise verwendet werden und was so schlimm daran ist, wenn jemand eine Behinderung hat, schwul oder jüdischen Glaubens ist. Zudem können sie versuchen, die Schüler*innen dazu zu bringen, die Perspektive eines Mitgliedes der diskriminierten Gruppe einzunehmen und beispielsweise zu fragen: „Würdest du dich trauen, zu deiner Liebe zu stehen, wenn du lesbisch wärst und ‚Lesbe’ dauernd als Schimpfwort hörst?“ Die Berliner Schulbefragung zeigt: Je häufiger Lehrkräfte gegen homophobes Verhalten intervenieren, desto besser sind die Einstellungen ihrer Schüler*innen zu Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*-Personen.

Warum gehört das Thema in den Unterricht? Was ist das „Lernziel“?Die Schüler*innen sollten Anderssein und soziale Vielfalt als etwas Selbstverständliches kennenlernen. Viele denken bei Vielfalt oder auch Diversity nur an die ethnische Herkunft. Aber auch viele andere Dimensionen sind wichtig und wurden bisher oft vernachlässigt, beispielsweise Behinderung, Religion, Geschlecht in all seinen Facetten und eben sexuelle Orientierung. Bisher sind nicht heterosexuelle Personen in Schulbüchern und anderen Unterrichtsmaterialien kaum vertreten. Dabei ist es überhaupt nicht aufwändig, neben heterosexuellen auch lesbische oder schwule Paare oder Regenbogenfamilien zu zeigen.

Was wissen Lehrer*innen über LSBTI*? Wie müssen sie auf den Umgang mit dem Thema vorbereitet werden?Lehrkräfte wissen, dass man zu seiner sexuellen Orientierung nicht verführt werden kann und das Homosexualität keine Krankheit ist. Ausnahmen wie Herr Stängle mit seiner Petition gegen den Baden-Württemberger Bildungsplan bestätigen die Regel. Allerdings weiß nur jede zehnte Lehrkraft, dass Lesben und Schwule ein höheres Suizidrisiko haben. Und fast niemand weiß von lesbischen, schwulen oder bisexuellen Jugendlichen in der eigenen Klasse. Es besteht also vor allem die Gefahr, dass die Lehrkräfte kein Problem sehen und daher der Meinung sind, sie müssten an ihrem Verhalten nichts ändern. Dabei zeigt die Berliner Befragung, dass Lehrkräfte eine Reihe von Einflussmöglichkeiten auf Verhalten und Einstellungen ihrer Schüler*innen besitzen. Je häufiger sie sexuelle Vielfalt thematisieren, desto positivere Einstellungen und desto mehr Wissen haben ihre Schüler*innen zu Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*-Personen. Machen sie sich hingegen selbst über sich nicht geschlechtskonform verhaltende Personen lustig, dann verhalten sich auch ihre Schüler*innen diskriminierender. Wichtig ist, dass Lehrkräfte sich diese Einflussmöglichkeiten bewusst machen und sie im Klassenzimmer und auf dem Schulhof nutzen. Dieses Wissen und die dazugehörigen Fertigkeiten gehören verpflichtend in das Lehramtsstudium und sollten natürlich auch in Fortbildungen zu den Themen Mobbing, Vielfalt und Inklusion behandelt werden.

Wie schätzen Sie die Bereitschaft von Lehrer*innen und Schulleitungen ein, das Thema LSBTI* in den Unterricht einzubinden? Wie kann man ihre Motivation verbessern?Die Bereitschaft, sexuelle Vielfalt zu thematisieren und bei Diskriminierung zu intervenieren, kann auf jeden Fall dadurch gesteigert werden, dass diese Themen obligatorisch in die Lehrpläne und Lehrmaterialien aufgenommen werden. In der Berliner Befragung thematisierten vor allem die Lehrkräfte sexuelle Vielfalt im Unterricht, die die entsprechenden Richtlinien der Senatsverwaltung kannten. Zudem ist Qualifizierung wichtig: Je besser sich die Lehrkräfte zu sexueller Vielfalt auskannten, desto mehr thematisierten sie im Unterricht und desto eher intervenierten sie gegen Diskriminierung. Dabei ist wichtig, deutlich zu machen, dass eine Thematisierung in vielen Fällen keine zusätzliche Unterrichtszeit kostet, indem einfach ganz nebenbei auch Beispiele nicht heterosexueller Personen gebracht werden.

Wie und ab welchem Alter sollte sexuelle Vielfalt in der Schule thematisiert werden? Gehört das Thema wie der Aufklärungsunterricht ins Fach Biologie?Homophobe Beschimpfungen sind bei den Sechstklässler*innen weiter verbreitet als bei den Neunt- und Zehntklässler*innen. Sexuelle Vielfalt sollte daher möglichst früh behandelt werden. Schon wenn Kinder lernen, was Partnerschaft, Familie und Geschlecht bedeuten, können sie lernen, dass es auch Paare aus zwei Frauen, Kinder mit zwei Vätern und Frauen, die früher mal ein Mann waren, gibt. Also nicht erst in der Schule, sondern bereits in der Kita. Und nicht nur im Biologieunterricht, sondern in allen Fächern, in denen es um Menschen geht.

Wie kann das Thema LSBTI* fest in Bildung und Schule verankert werden? Braucht es Verordnungen und Erlasse auf politischer Ebene? Sollten Schulen das Thema in ihren eigenen Leitbildern und Richtlinien festschreiben?Eine Legitimierung durch Autoritäten beziehungsweise institutionelle Unterstützung sind wichtig, da Lehrkräfte gerade bei bisher tabuisierten Themen nicht gern als Einzelkämpfer tätig werden. Wichtig ist also, dass sie sich auf die Lehrpläne berufen können, beispielsweise falls es zu Auseinandersetzungen mit besorgten Eltern kommt. In den Schulen können Schulleitungen und Leitbilder beziehungsweise die Schulordnung diese Funktion übernehmen. Die Berliner Studie zeigt die positive Wirkung eines Anti-Mobbing-Leitbildes: War dies den Schüler*innen bekannt, hatten sie positivere Einstellungen und zeigten solidarischeres Verhalten gegenüber Lesben und Schwulen. Wichtig ist dabei, dass das Leitbild nicht nur auf dem Papier steht. Es sollte regelmäßig mit den Schüler*innen besprochen werden, beispielsweise durch die Klassenlehrer*innen. Sie könnten zunächst gemeinsam mit den Schüler*innen klären, was Mobbing bedeutet und Beispiele sammeln, die diese selbst erlebt haben. Anschließend könnte dann diskutiert werden, was man tun kann, wenn man selbst gemobbt wird oder mitbekommt, dass andere gemobbt werden.

Wenn Lehrer*innen selbst LSBTI* sind – hilft das oder macht es die Behandlung des Themas schwieriger?Mittlerweile zeigen sehr viele Studien, dass persönlicher Kontakt zu Mitgliedern einer Fremdgruppe zu positiveren Einstellungen gegenüber der ganzen Gruppe führt. Und auch in der Berliner Studie verbesserte sich bei Jugendlichen, die wussten, dass es an ihrer Schule lesbische, schwule oder bisexuelle Lehrkräfte gibt, die Einstellung innerhalb der darauffolgenden neun Monate. Es hilft also, wenn nicht heterosexuelle Lehrkräfte offen mit ihrer sexuellen Identität umgehen. Allerdings sollte niemand zu einem Outing gedrängt werden. Sinnvoll ist, sich vorher der Unterstützung durch Schulleitung und Kolleg*innen zu versichern und selbstbewusst gegenüber den Schüler+innen auftreten zu können.

Die Fragen für die punktlandung stellte Anja Heifel. // In: punktlandung 2014.1

Frank G. Pohl, Lehrer: „Sich Normalität und Respekt zu erarbeiten, ist in der Schule eine tägliche Herausforderung. Beim zehnjährigen Klassentreffen meiner vorletzten Klasse als Klassenlehrer habe ich festgestellt, dass sich die ehemaligen Schüler*innen genauso selbstverständlich nach meinem Partner erkundigt haben wie sie es vermutlich auch bei einem heterosexuellen Kollegen getan hätten.“

Martin Dankbar, Lehrer: „Regenbogenfamilien kommen leider im schulischen Alltag nur sehr selten vor, deshalb werden sie in der Schule häufig abgewertet. Für ein Kind zweier Mütter oder zweier Väter ist es oft ein Risiko sich zu outen. Auch Eltern geraten immer wieder in Situationen, in denen sie sich erklären müssen. Um das zu ändern, muss der Familienbegriff im Unterricht weiter gefasst werden.“

Jan Weyer, Schüler: „Lehrer können durchaus etwas gegen Homophobie unternehmen. Sie sollten sich fortbilden oder Vertreter von SchLAu in ihren Unterricht einladen. Das sind ungefähr gleichaltrige Homosexuelle, die offen über ihre eigenen Erfahrungen berichten und Fragen beantworten.“

Dagmar Alfes, Kernseminarleiterin am ZfsL Hagen (Berufskolleg): „Seminarausbilder*innen sollten positive Modelle sein und didaktische Wege aufzeigen. Dies kann Lehramtsanwärter*innen zur Reflexion ihrer eigenen (sexuellen) Identität führen, sie in ihrer Wahrnehmung und ihrem Sprachverständnis sensibilisieren und so ihre Selbst- und Fremdbewertung weiten. So können sie später als reflektierte Lehrer*innen ihren Schüler*innen eher ermöglichen, sich selbst auseinanderzusetzen und sich im schulischen Kontext in ihrer (sexuellen) Identität zu stärken und gestärkt zu fühlen.“