Schule in Griechenland: Bildung auf Sparflamme

Schulen und Schüler*innen leiden unter Troika

In den griechischen Schulen schlagen die Sparzwänge der Troika zu. Zum nächsten Schuljahr müssen 20.000 von 80.000 LehrerInnen, also ein Viertel, entlassen werden. Und in den Schulen soll eine junge Generation auf das Leben in einem Land vorbereitet werden, das ihnen kaum Arbeit und Perspektiven bietet. Mit dem Forum Eltern und Schule (FESCH), der Weiterbildungsorganisation der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG), besuchten deutsche Gesamtschullehrer*innen und -leiter*innen Schulen auf Kreta.
Schule in Griechenland: Bildung auf Sparflamme

Foto: Syda Productions/fotolia.de

Schule in Griechenland: Bildung auf Sparflamme

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Pombia, ein Dorf mit rund 900 Einwohner*innen im Süden Kretas. Die knapp 90 Kinder in der Grundschule kommen aus verschiedenen Dörfern in der Nachbarschaft. Die Grundschule in Griechenland umfasst sechs Schuljahre. In Pombia hat man die Schuljahre 5 und 6 zusammengelegt, denn es gibt nur fünf Lehrer*innen. Das ist aber kein Problem: Trotzdem hat keine Klasse mehr als 16 Schüler*innen. „Bei uns wäre eine so kleine Schule längst dichtgemacht worden“, meinen die deutschen Lehrer*Innen und Schulleiter*innen, als sie diese Schule besuchen. In Pombia wehren sich die Lehrkräfte dagegen, dass die Klassenstärken auf 25 bis 30 Kinder heraufgesetzt werden sollen. Luxusprobleme? Würde diese Schule schließen, müssten die Kinder 20 Kilometer oder mehr fahren. Zu Beginn des Schuljahres waren sie nur drei Lehrer*innen, berichtet die Schulleiterin. Es ist in Griechenland durchaus üblich, dass Lehrer*innen den Schulen erst einen Monat nach Schuljahresbeginn oder noch später zugeteilt werden. So spart der Staat ein oder zwei Monatsgehälter. Wer nicht schon länger im Staatsdienst ist, bekommt von Jahr zu Jahr nur noch Fristverträge über acht oder neun Monate, erzählt die 29-jährige Sileni: „Es gibt kleine Dorfschulen, die haben Ende Oktober noch keine Lehrkräfte. Da gehen die Kinder dann einfach nicht in die Schule.“

Es geht ums ÜberlebenSileni ist Grundschullehrerin. Als sie vor sechs Jahren anfing, verdiente sie noch rund 1.400 Euro, heute sind es 800. Letztes Jahr hat sie in einem Dorf in Nordgriechenland gearbeitet, nun ist sie auf Kreta. Jedes Jahr muss sie aufs Neue schauen, ob und wo sie eine Stelle bekommt.  „Man plant nichts mehr“, sagt sie. „Man lebt in den Tag, sucht sich was als Kellnerin, arbeitet schwarz oder überlegt ins Ausland zu gehen.“ Bei den Schüler*innen sieht es nicht anders aus, meint Sileni: „Die schauen einfach, wie sie überleben. Viele haben keine Ambitionen mehr.“ Ihr Kollege erzählt, dass die Lehrer*innen die Schüler*innen mit ihren eigenen Pausenbroten versorgen. Für einen kranken Schüler haben sie gesammelt, damit die Familie seine Operation bezahlen kann. Der 45-jährige Jannis leitet die kleine Sonderschule in Pombia. Während des Interviews klingelt sein Handy, es ist seine Bank. Jannis entscheidet, nicht abzunehmen. Seit Monaten zahlt er die Raten für seine Hypothek nicht mehr. Die 700 Euro konnte er bezahlen, solange er noch 1.400 Euro verdient hat. Jetzt geht es nicht mehr. Abends treffen die Pädagog*innen aus Deutschland ihn im Restaurant wieder. Er kellnert dort.

Lernen wird zur PrivatsacheAm nächsten Morgen ist die Reisegruppe zu Gast in einem Lykeio, einer Oberstufenschule. Das Gebäude ist neu und gepflegt. Stolz zeigt die Biologielehrerin den Besucher*innen den Naturwissenschaftsraum. Die Schränke sind voll mit neuen Experimentierkästen. Sie sehen noch ziemlich unbenutzt aus, denn gelehrt und gelernt wird nach dem Lehrbuch. Pädagogisch herrscht hier noch Kreidezeit. Auf dem Flur schlagen sich Schüler*innen und Lehrer*innen schon mal gegenseitig auf die Schulter, der Umgangston ist freundschaftlich, auch in der Englischstunde, in die ein junger Lehrer die deutschen Kolleg*innen mitnimmt. Aber die Schule scheint ohnehin gar nicht so wichtig zu sein. Spätestens im Likio ist es fast obligatorisch, ein privates Paukstudio, ein Frontistirio, zu besuchen. 250 Euro im Monat zahlt Eleni für ihre 16-jährige Tochter Evim. Sie betreibt einen kleinen Dorfladen und mit dem Einkommen ihrer Kunden ist auch ihres erheblich geschrumpft. Eleni will, dass ihre Tochter studiert. Evim gehört zu den Besten ihrer Klasse, trotzdem halten Mutter und Tochter das Frontistirio für unverzichtbar. „Diese Nachmittagsschulen sind eine Unsitte“, meint der griechische Soziologe Skevos Papaioannou von der Universität Kreta, der die Gruppe während der Reise mit Hintergrundinformationen über die Krise in Griechenland versorgt. Als sein Sohn im siebten Schuljahr war, bestellte ihn die Klassenlehrerin in die Schule. Ob sein Sohn denn kein Frontistirio besuche? Er sei arm dran, denn er sei der einzige, der den Stoff noch nicht kenne, wenn sie ihn in der Schule bespricht. Skevos Papaioannou frotzelt: „Wenn die Troika schlau wäre, würde sie die öffentlichen Schulen gleich ganz schließen. Offenbar halten  ja selbst LehrerInnen sie für überflüssig.“ Der Drang zum Abitur und zum Studium ist in Griechenland ungebrochen, denn ein Job im Staatsdienst ist immer noch das attraktivste Ziel für junge Leute. Sie haben auch kaum eine Alternative. Es gibt keine duale Berufsausbildung wie in Deutschland, denn es fehlt an größeren Betrieben, die eine solche Ausbildung tragen könnten. „Es ist stigmatisierend, wenn du es nicht schaffst, das Likio fertig zu machen und zu studieren“, erklärt Skevos Papaioannou.

Schule neu gestaltenTrotz der bedrückenden Lage oder vielleicht gerade ihretwegen regt sich hier und da Widerstand, wenn auch zu wenig, wie Skevos Papaioannou meint. Eine Stunde dauert die Fahrt hoch in das Psiloritis-Massiv, auf den höchsten Berg Kretas. Dort liegt Fourfouras, ein kleines Dorf mit einer Grundschule mit 42 Kindern aus den sechs umliegenden Dörfern. Drei Lehrerinnen und ein Lehrer sind gleich nach dem Examen hierher gegangen. Weit ab von der Schulaufsicht fanden sie den nötigen Freiraum, um die Schule gründlich umzugestalten. Der Schulleiter Angelos erzählt: „Wir wollen, dass die Kinder handwerkliche Dinge von den Eltern lernen.“ Zum Beispiel, wie man Olivenöl herstellt. Die SchülerInnen füllen ihr Öl selbst in Flaschen veredelt mit Kräutern aus dem selbst angelegten Schulgarten und verkaufen es für ein Vielfaches von dem, was ihre Eltern beim Großhändler für ihr Öl bekommen. In den Klassen, die aus nicht mehr als zwölf SchülerInnen bestehen, herrscht gebremste, produktive Unruhe. In einer Klasse bereiten Kinder ein Tanzprojekt vor und die Mädchen versuchen die Jungen davon zu überzeugen, dass sie auch mitmachen müssen statt immer nur Fußball zu spielen. In einer anderen Klasse wird gemalt, in einer weiteren sehen sich die Kinder einen Film an. Selbstständig arbeiten, eigene Kenntnisse sammeln und anwenden, zusammenarbeiten – in dem abgeschiedenen Bergdorf Fourfouras lernen die Kinder Fähigkeiten, mit denen sie besser auf eine ungewisse Zukunft vorbereitet werden als beim Auswendiglernen von Buchwissen in den Frontistirias.

Karl-Heinz Heinemann //  In: nds 6/-2014