Qualität der Teilhabe ist für Inklusion entscheidend

Im Interview: Prof. Dr. Manfred Wittrock

„(Keine) Angst vor Inklusion. Zum Umgang mit Verhaltensstörungen“ war beim GEW-Inklusionskongress im Mai 2014 eines der begehrtesten Seminare. Nach wie vor fühlen sich viele nordrhein-westfälische Lehrkräfte auf inklusiven Unterricht schlecht vorbereitet. Über Teilhabe, Team-Teaching und die Forderung 20 – 5 – 2 sprach die nds mit Prof. Dr. Manfred Wittrock vom Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik an der Universität Oldenburg.
Qualität der Teilhabe ist für Inklusion entscheidend

Foto: W. Goelletz

GEW NRW: Was macht Lehrkräften Angst vor Schüler*innen mit Verhaltensstörungen?
Prof. Dr. Manfred Wittrock: Ich sehe hier vornehmlich zwei Erklärungsstränge: Einerseits wird der Begriff Verhaltensstörungen sehr undifferenziert und zumeist falsch verwendet, da nur eine extrem kleine Gruppe von Schüler*innen eine Verhaltensstörung oder Persönlichkeitsentwicklungsstörung im fachlich korrekten Sinne hat. Andererseits sind die Kolleg*innen nicht auf den konkreten pädagogischen beziehungsweise didaktisch-methodischen Umgang mit Schüler*innen mit einem Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung (ESE) vorbereitet worden.

Welche Herausforderungen entstehen, wenn Lehrkräfte sich im Umgang mit förderbedürftigen ESE-Schüler*innen nicht genügend vorbereitet fühlen? Und welche Folgen hat es, wenn Schüler*innen mit ihren jeweils spezifischen Verhaltensstörungen nicht mehr diagnostiziert werden?
Nichtwissen und fehlende Handlungskompetenz erzeugen Unsicherheit und in der Folge teilweise irrationale Ängste. Das führt unter anderem zu Abwehrverhalten. Diese Haltung würde sich noch verschlimmern, wenn unvorbereitete Lehrkräfte damit rechnen müssten, dass Kinder ohne eine kompetente pädagogische Förderdiagnostik in ihre Klasse kommen könnten. Ohne Förderdiagnostik keine Förderplanung, keine gezielte Förderung für das einzelne Kind und eben auch nicht für die gesamte Klassengemeinschaft.

Welche Unterstützung benötigen Lehrkräfte, wenn sie mit dem Unterricht in Inklusionsklassen beginnen, in denen sich auch Kinder mit Verhaltensstörungen befinden?
Sie brauchen gezielte Fortbildungen: Erstens um ihre Kenntnisse stetig zu erhöhen, um Kinder mit einem Förderbedarf ESE zu erkennen und ihr Handeln zu verstehen. Und zweitens um ihr Handlungsrepertoire für die Arbeit mit Kindern mit diesem Förderbedarf in inklusiven Settings zu verbreitern.

Wie kann aus Ihrer Sicht sichergestellt werden, dass alle Schüler*innen angemessen gefördert werden?
Als Fachvertreter und als Wissenschaftler, der mit den einschlägigen Ergebnissen von Untersuchungen wohl vertraut ist, kann ich der Forderung 20 – 5 – 2 der GEW nur voll zustimmen. Meine Sorge ist nur, dass diese Forderung dadurch ausgehöhlt wird, dass der erhöhte Förderbedarf einzelner Kinder erst gar nicht mehr festgestellt wird.

Welche Rolle spielt die Teamarbeit der Lehrkräfte und wie müssen die Zuständigkeiten geklärt werden?
Die Aufgaben und damit die Kompetenzen der für das Lehramt Sonderpädagogik ausgebildeten Lehrkräfte werden sich deutlich verändern müssen, insbesondere hin zu einer höheren Beratungskompetenz sowie zu Teamarbeit und teilweise zum sogenannten Team-Teaching. Das bedeutet, zwei Lehrkräfte unterrichten gemeinsam. Die Kunst würde darin bestehen, dass sich in der konkreten Zusammenarbeit – und das heißt tatsächlich zusammenarbeiten – die Rollen von Regelschullehrkräften und Sonderpädagog*innen flexibel verändern. Das gilt für alle Phasen des Unterrichts: für die vorher abgestimmte gemeinsame Durchführung, für die teilnehmende Beobachtung, die unter anderem für die spätere gezielte Beratung notwendig ist, und für die zeitweise Einzel- oder Kleingruppenförderung. Trotz beziehungsweise gerade wegen dieser notwendigen Flexibilität müssen die Zuständigkeiten – stets orientiert an den Förderbedarfen der Kinder – geklärt sein.
Bei der schulischen Inklusion von Kindern mit nachhaltigen Förderbedarfen in der emotionalen und sozialen Entwicklung  ist mir ein Aspekt ganz besonders wichtig: Die stimmige und nachhaltige Inklusion eines Menschen beweist sich in der vollen und ungeteilten Teilhabe an allen gesellschaftlichen Vollzügen und nicht in der Zeit, die er im gemeinsamen Unterricht verbringt. Gelingende Inklusion ist eben nicht in der Quantität der Teilnahme, sondern an der Qualität der Teilhabe zu erkennen.

Die Fragen stellte Dr. Ilse Führer-Lehner // In nds: 9-2014, S. 12