Personenorientierung im Referendariat

Verantwortung tragen und professionelles Selbst entwickeln

Personenorientierung im Referendariat

Foto: Luis Alvarez/istock.de

Aus drei unterschiedlichen Perspektiven der Personenorientierung ergeben sich mehrere Konsequenzen auf Seiten der Ausbilder*innen und auf Seiten der angehenden Lehrer*innen.

  1. Es gelten Menschenbildannahmen im Sinne der Humanistischen Psychologie.
  2. Es gibt personenbezogene Anforderungen im Bereich der Entwicklung eines „professionellen Selbst“ oder der beruflichen Identität.
  3. Es gibt die Ausbildungsanforderung, gänzlich individuell oder in Teilen individualisiert auszubilden im Sinne der individuellen Förderung.

Humanistische Psychologie

Legt man die Menschenbildannahmen aus der Humanistischen Psychologie zugrunde, ergibt sich die Konsequenz für Referendar*innen auf der einen Seite, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich um die eigenen Belange zu kümmern. Für die Ausbilder*innen auf der anderen Seite bedeutet es, die Verantwortung bei den Referendar*innen zu lassen und ihnen zuzutrauen, sich entwickeln zu können. Die Erziehungsvorstellungen der Landesverfassung gehen davon aus, dass Menschen fähig sind, verantwortungs- und wertbewusst Entscheidungen zu treffen. Angehende Lehrpersonen machen hier keine Ausnahme: Sie müssen unter Achtung und Wahrung der zentralen Freiheits- und Autonomiepostulate ausgebildet werden. Sie sollen die eigenen Bedarfe und Entwicklungsnotwendigkeiten kennen lernen. Im Idealfall haben alle an der Ausbildung Beteiligten eine konstruktive Lernhaltung. Sie bringen Fachwissen und subjektive Theorien von Lehren und Lernen ein und sind bereit, diese selbstverantwortlich weiterzuentwickeln.

Die Arbeit am professionellen Selbst

Wesentliche Persönlichkeitsanteile sind von fundamentaler Bedeutung bei der Ausgestaltung der professionellen Rollenansprüche. Es ist hilfreich zu fragen, wie die zur professionellen Rollengestaltung notwendigen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensbestände ausgeprägt und unterstützt werden können. Dabei geht es unter anderem um Kommunikationsfähigkeit, um die Fähigkeit, Kontakt einzugehen und Beziehungen zu gestalten, sowie die Fähigkeit und Bereitschaft, emphatisch und wertschätzend zu sein. Grundsätzlich geht es also darum, eine Haltung zu entwickeln und einzunehmen, die dem pädagogischen Verhältnis angemessen und den Erziehungszielen dienlich ist. Zur Entwicklung einer ausgeprägten und klaren beruflichen Identität gehört auch die Entwicklung einer ausgereiften professionsbezogenen Argumentations- und Denkweise. Referendar*innen müssen lernen, sich selbst als Profis wahrzunehmen, sich positiv mit den verschiedenen Rollensegmenten zu identifizieren und sich in den Segmenten qualitativ zu positionieren. Mögliche Teilaspekte, die im Rahmen der Ausbildung, Fortbildung und Selbstausbildung in den Blick genommen werden können, sind Kommunikations- und Konfliktschulung sowie Selbstreflexionsangebote im Bereich der professionsbezogenen Selbsterkundung.

Individualisiert ausbilden

Diese Perspektive setzt voraus, dass alles, was Lehrer*innen im beruflichen Alltag begegnen kann, auch in der Ausbildung beispielhaft vorkommen muss. Denn individuelle Förderung legt den Fokus auf das Individuum und das sollte in der Lehramtsausbildung selbstverständlich werden. Dafür muss es Formate und Beispiele geben, in den Fächern und im überfachlichen Bereich. Der Blick auf die einzelne Person muss nicht nur inhaltlich Thema sein, durch die Gestaltung einer bestimmten Situation. Vielmehr muss auch in der Ausbildung selbst im Sinne einer doppelten Didaktik erfahrbar werden, was das heißt. Für die Arbeit bedeutet das zum Beispiel, methodisch sowie binnendifferenziert so zu arbeiten, dass unterschiedliche Anschlussmöglichkeiten bestehen, Stärken zu identifizieren und Defizite zu reduzieren. Damit all das gelingt, sind qualifizierte und kompetente Kolleg*innen erforderlich, die in einem beständigen Prozess auch die Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung in allen Bereichen haben.

Bernhard Damm // In: nds 8-2015