Neue Aufgaben für Förderschulleitungen

Kompetenzen nutzen, Perspektiven schaffen

Dass es kein Zielkonflikt ist, schulische Inklusion zu realisieren und zugleich gute Berufsperspektiven für Schulleiter*innen an Förderschulen zu schaffen, zeigte ein Werkstattgespräch der GEW NRW. Es ist vielmehr eine Gelingensbedingung, dass diejenigen, die Leitungskompetenzen und -erfahrungen mit explizitem sonderpädagogischen Fachwissen kombinieren, in dem Prozess eine wichtige Rolle einnehmen.
Neue Aufgaben für Förderschulleitungen

Foto: corbis infinite/fotolia.de

Fast 130 Schulleiter*innen oder ihre Stellvertreter*innen waren der Einladung der GEW zu einem Werkstattgespräch unter dem Titel „Perspektiven von Leitungen auslaufender Förderschulen“ gefolgt. Die hohe Beteiligung belegt die verbreitete Unsicherheit und die Befürchtungen der Kolleg*innen. Antworten auf ihre Fragen erwarteten sie von Gabriele Mauermann und Oliver Bals, Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW), sowie von Dorothea Schäfer. Gabriele Mauermann bestätigte aus schulfachlicher Sicht des MSW die Problembeschreibung der GEW: An Förderschulen stehen einerseits künftig weniger Leitungsstellen zur Verfügung. Jede Lehrkraft mit sonderpädagogischer Ausbildung und Schulleiter*innen von Förderschulen werden andererseits dringend gebraucht – ihre Kompetenz muss mitgenommen werden.

9. SchrÄG – aktuelle Rechtslage

Zu dienstrechtlichen Fragen stand Oliver Bals Rede und Antwort. Er skizzierte die Rechtslage nach dem 9. Schulrechtsänderungsgesetz (SchrÄG): Schulleiter*innen an Förderschulen haben Anspruch auf amtsangemessene Beschäftigung: „Niemand kann Ihnen Ihre Besoldung und Versorgung nehmen.“ Wenn die Schule aufgelöst wird beziehungsweise wenn Schulleiter*innen einen Schulwechsel vornehmen wollen, dann gilt:

  • Nach Artikel 3 SchrÄG können Schulleiter*innen von Förderschulen Schulleitungen an allen Schulformen mit Ausnahme der Gymnasien und Berufskollegs übernehmen.
  • Eine „höhengleiche“ Versetzung ist möglich, das kann die Übernahme einer anderen Schulleitung oder die einer Funktionsstelle sein.
  • Die Übernahme einer „unterwertigen“ Beschäftigung im Wege einer Abordnung (zum Beispiel Schulleitung an einer Grundschule) kann sinnvoll sein, um beispielsweise eine kurze Zeitspanne bis zum Ruhestand zu überbrücken (LBG § 24 Abs. 2).
  • Aus Anlass der Auflösung einer Schule können verbeamtete Lehrer*innen im Wege einer Versetzung auch „unterwertig“ an einer anderen Schule beschäftigt werden (LBG § 26 Abs. 2). Im Falle einer Herabstufung wird allerdings eine ruhegehaltfähige Ausgleichszulage gewährt.

Transparenz im Prozess

Aus Sicht des MSW ist zudem von Bedeutung, dass es schulrechtlich möglich ist, eine Stelle als Schulleiter*in ohne vorherige Wahl in der Schulkonferenz übertragen zu bekommen. Das in der Regel derzeit angewandte Verfahren auf Grundlage des § 61 Schulgesetz gilt nur bei einer Stellenbesetzung mit Beförderung. Daneben steht die „Besetzung durch Schulaufsicht ohne Bewerbung“. Oliver Bals wies ausdrücklich auf die „Leitlinien für Personalmaßnahmen bei schulorganisatorischen Veränderungen“ als Handlungs- und Orientierungsrahmen für Schulaufsicht hin. Es müsse gelingen, den Prozess transparent zu gestalten, intensive Beratung und Koordination durch die Schulaufsicht sei zwingend. In der Diskussion wurde deutlich, dass es weiterer Anstrengungen bedarf und Rechtsänderungen unausweichlich sind. Die Schulleiter*innen auslaufender Förderschulen sollten zunächst eine zentrale Rolle im Transformationsprozess spielen. Wenn sie jetzt ihre Rolle eher als Objekt wahrnehmen, so ist das nicht förderlich. „Die Personalräte können Einfluss nehmen auf den gesamten Prozess“, betonte Dorothea Schäfer.

Aufgaben für Förderschulleitungen

Aus Sicht der GEW muss es in der zukünftigen inklusiven Schule notwendige und interessante Tätigkeiten geben, die gerade für Förderschulleiter*innen von Interesse sind:

  • Diagnose und Prävention müssen gestärkt werden. Hier sind Strukturen zu entwickeln, die zwingend qualifizierte und amtsangemessene Beschäftigung von Schulleitungen zur Grundlage haben.
  • Das Unterstützungssystem vor Ort muss – im Sinne eines Fachzentrums für Inklusion – institutionalisiert und besser ausgestattet werden als derzeit vorgesehen. Hier muss mehr möglich sein als nur die Fachberatung. Entscheidungskompetenz setzt dabei Leitungskompetenz voraus.
  • Die inklusive Schule benötigt eine „didaktische Leitung Inklusion“ in (großen) Schulen aller Schulformen.

Schulleiter*innen von Förderschulen sind bereit, ihre Kompetenzen gewinnbringend in den Prozess schulischer Inklusion einzubringen. Ob sie das dürfen, hängt von klugem schulaufsichtlichen Agieren und von noch ausstehenden politischen und rechtlichen Entscheidungen ab.       

Michael Schulte // In: nds 1-2014