Multitasking als Normalzustand

Im Gespräch mit Professor Alexander Markowetz

Die Digitalisierung unserer Lebenswelten ist im vollen Gange. Es wird gemailt, gegoogelt, geskypt und gechattet. Und das ständig. Doch was macht das eigentlich mit unserem (Arbeits-)Leben? Darüber sprach die nds mit Professor Alexander Markowetz, der in seinem Buch „Digitaler Burnout“ für einen bewussteren Umgang mit den digitalen Medien und eine neue Kommunikationsetikette plädiert.
Multitasking als Normalzustand

Foto: charles taylor/fotolia.de

Multitasking als Normalzustand

Alexander Markowetz ist seit 2009 Juniorprofessor für Informatik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo er im Rahmen eines groß angelegten Projekts das Verhalten von 300.000 Smartphone-Nutzer*innen untersucht. Foto: Barbara Frommann/Universität Bonn

Smartphone, Tablet und Co haben unsere (Arbeits-)Welt radikal verändert mit welchen Folgen?Alexander Markowetz: Untersuchungen an unserem Institut haben gezeigt: 88 Mal am Tag schalten wir den Bildschirm unseres Smartphones ein. 35 Mal davon sind es nur geringfügige Unterbrechungen wie ein Blick auf die Uhr. 53 Mal am Tag entsperren wir es, um E-Mails und Nachrichten zu schreiben oder Apps zu nutzen. Im Durchschnitt aktivieren die Besitzer*innen damit 53 Mal am Tag ihr Handy und unterbrechen alle 18 Minuten die Tätigkeit, mit der sie gerade beschäftigt sind. Was wir zurzeit erleben, ist die Entstehung des „Homo Digitalis“ eine Person, die einen Großteil ihrer Aufgaben mittels digitaler Medien abwickelt. Die typischen Smartphone-Nutzer*innen führen dabei keine Anwendung wirklich zu Ende aus, sondern unterbrechen sie immer wieder, um zu einer anderen Anwendung zu springen. Multitasking ist heute keine Ausnahme mehr, sondern ein Normalzustand.

Welche Auswirkungen sehen Sie?Die ständigen Unterbrechungen, die laufende Interaktion laugen uns aus und stellen unser Gehirn, das unsere wichtigste Ressource ist, unter dauernde Belastung. Die Folgen sind Unkonzentriertheit, Unzufriedenheit und mangelndes Glücksempfinden. Das zeigt sich auch an der Tatsache, dass schon seit Jahren die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen und die Einnahme von Psychopharmaka steigen in meinen Augen vielfach Symptome der Digitalisierung. Die meisten Unternehmen haben die Problematik noch nicht erkannt. Sie erlauben ihren Mitarbeiter*innen zu arbeiten wann und wo sie wollen und Flexibilität ist prinzipiell erstmal gut. Aber sie entlassen sie damit auch in die Anarchie und riskieren Abhängigkeit und Burn-out. Andere Unternehmen unterbinden zwar abends die berufliche Smartphone-Nutzung, zum Beispiel indem sie die E-Mail-Server abstellen. Das setzt aber nicht beim eigentlichen Problem an bei den Unterbrechungen, die ein fokussiertes Arbeiten unmöglich machen. Der daraus resultierende Produktivitätsverlust für die Unternehmen ist immens und die Gefahr des Burn-outs für die Arbeitnehmer*innen steigt stetig.

Das klingt alles plausibel  wieso fällt es den meisten Menschen so schwer, ihr Verhalten zu ändern?Weil hinter dem unaufhörlichen Blick aufs Smartphone ähnliche Mechanismen wie bei einer Sucht stehen; Apps funktionieren wie Glücksspielautomaten. Verantwortlich dafür ist das Glückshormon Dopamin. Es sorgt dafür, dass wir bei der Stange bleiben. Unser Körper schüttet Dopamin nicht erst aus, wenn wir etwas Positives erleben, sondern schon dann, wenn wir erwarten, etwas Positives zu erleben. Auf das Smartphone übertragen heißt das: Wir schauen ständig darauf, denn es könnte etwas Neues passiert sein. Jeder Blick auf das Handy ruft also schon Glücksgefühle hervor unabhängig davon, ob es tatsächlich etwas Neues gibt. Über diese Automatismen, die uns zum Handy greifen lassen, muss man sich erst einmal bewusst werden und dann kann man anfangen, dagegen vorzugehen.

Wie kann ein verantwortungsvoller Umgang aussehen?Die permanente Smartphone-Nutzung ist ein unterbewusster Reflex, den man nur durch gezielte Techniken bekämpfen kann. Nehmen Sie das Thema Rauchen oder Ernährung: Da gibt es eine riesige Auswahl an Ratschlägen. Im Umgang mit dem Internet sind aber so gut wie keine praktischen Hilfen vorhanden und die, die es gibt, sind kaum wissenschaftlich belegt. In den USA fangen die digitalen Eliten gerade an, sich digitale Diäten aufzuerlegen. So können Sie zum Beispiel das Schlafzimmer zur Smartphone-freien Zone erklären oder nur zu bestimmten Zeiten Ihre Mails lesen.

Das sind Strategien, die ich für mich selbst anwenden kann. Aber was muss in der Arbeitswelt – also in der Interaktion mit anderen passieren?Bisher tun sich die meisten Unternehmen ziemlich schwer damit, Strategien gegen die negativen Begleiterscheinungen der Digitalisierung zu entwickeln. Was wir brauchen, ist eine einfache, klare Kommunikationsetikette. Da sich die digitale Welt so rasant entwickelt hat, haben wir viele Dinge aus der analogen Welt einfach über Bord geschmissen. Beispielsweise war früher klar: Zwischen 12.00 Uhr und 15.00 Uhr ist Mittagsruhe, da ruft man niemanden an. Heute schreibt man auch noch spät abends eine Nachricht via WhatsApp und erwartet, dass man am nächsten Morgen eine Antwort hat. Für unsere gesamte digitale Kommunikation gibt es noch keine konkreten Regeln, die müssen wir erst mal für alle Bereiche neu definieren.

Wie könnte eine solche Etikette in einem Unternehmen aussehen?Man könnte zum Beispiel aushandeln: Wer sich verspätet, muss anrufen, er darf nicht einfach nur eine E-Mail oder gar eine WhatsApp-Nachricht schicken. Diese Regel muss allen klar sein. Der Vorteil: Niemand ist mehr gezwungen, ständig die verschiedenen Kanäle zu checken, um eine Verschiebung des Termins mitzubekommen. Überhaupt, Aufschieben und Verspäten, das sind typische Phänomene unserer Zeit. Deshalb muss gelten: Dringende Dinge müssen sofort und über den besprochenen Kanal kommuniziert werden. Und unwichtige Dinge dürfen am besten gar nicht kommuniziert werden. Wenn wir diese Regeln berücksichtigen, übernehmen wir gegenseitig Verantwortung für unsere geistige Gesundheit. Stichwort Arbeitnehmerrechte wie ist es angesichts des digitalen Fortschritts darum bestellt? Ich sehe dabei folgendes Problem: Viele der Konzepte und Rechte wie die Arbeitszeit von 8.00 bis 17.00 Uhr oder das Recht auf Teilzeitarbeit für zahlreiche Jobformen, die durch die Digitalisierung der Arbeitswelt entstanden sind, stammen noch aus Zeiten der Industrialisierung und tragen heute so nicht mehr. Werfen Sie nur einen Blick auf die zunehmend größer werdende Menge der Soloselbstständigen in der Medien- oder Beratungsbranche, die oft darauf angewiesen sind, rund um die Uhr oder am Wochenende zu arbeiten. Im Prinzip müssen wir all diese Konzepte anpacken und anpassen, weil sie einfach nicht mehr zu der Art passen, wie wir jetzt in der neuen Welt arbeiten. Diese Konzepte müssen dann aber auch so flexibel sein, dass sie sich dem weiteren digitalen Wandel anpassen lassen.

Der Blick in die Zukunft  was glauben Sie, worauf müssen sich Arbeitnehmer*innen und Unternehmen einstellen?Smartphones und alle anderen digitalen Entwicklungen sind erst der Anfang. Unsere Gesellschaft wird in Zukunft durch den digitalen Wandel etwa alle fünf Jahre umgekrempelt werden. Das bedeutet: In den kommenden 60 Jahren wird die Welt zwölf Mal auf den Kopf gestellt. Der Kampf um unsere Aufmerksamkeit wird sich dabei zunehmend verschärfen. Dazu kommt, dass immer mehr Arbeitsplätze durch Computer ersetzt werden. Wir stehen vor enormen sozialen Herausforderungen, die wir dringend angehen müssen und von denen noch niemand so recht weiß, wie das aussehen soll. Aber wir dürfen auch keine Angst davor haben, denn wir werden im Laufe der Zeit dazulernen. So war es auch bei der Industrialisierung, der wir es zu verdanken haben, dass wir uns all die Fragen zur Gesundheit und Arbeitswelt überhaupt stellen. Was die gesundheitlichen Auswirkungen betrifft, bin ich optimistischer: Wenn wir uns jetzt darüber bewusst werden, was Smartphone und Co mit unserer Psyche machen, wenn wir einen gesunden Umgang damit pflegen und uns überlegen, wie wir eigentlich miteinander kommunizieren wollen, dann können wir die negativen gesundheitlichen Folgen sicher einschränken.

Die Fragen stellte Denise Heidenreich. // In: nds 11/12-2015