Mehr Zeit für Schulpraxis!

Verknüpfung von Studium und schulpraktischen Elementen

Einen weiteren unreflektierten Ruf nach mehr Praxis in der Lehramtsausbildung soll es an dieser Stelle nicht geben. Denn eine solche Forderung würde Praktika eine spezifische Wirksamkeit hinsichtlich der Professionalitätsentwicklung zurechnen, von der gerade nicht per se ausgegangen werden kann. So unscharf Aussagen zur Wirksamkeit von schulischen Praxisphasen in vielen Bereichen (noch) sind, so finden sich doch Hinweise auf Faktoren, die der Qualität förderlich sind: In den Blick genommen werden sollten danach insbesondere curriculare und infrastrukturelle Aspekte.
Mehr Zeit für Schulpraxis!

Foto: joexx/fotolia.de

Eine Grundvoraussetzung dafür, dass prinzipiell förderliche Aspekte wirken können, ist, dass entsprechend und ausreichend Zeit für sie zur Verfügung steht. Mit der Skizzierung von vier Feldern, die die Beteiligten ausgestalten müssen, sind gleichzeitig solche Bereiche im Fokus, in denen ein Misslingen immer auch möglich ist. Bereiche, in denen eben auch potenziell deprofessionalisierende und dysfunktionale Nebenwirkungen lauern. Auch wenn folgend die Praxisphasen des Lehramtsstudiums leitend sind, gelten die Gelingens- und Misslingens-bedingungen analog für den Vorbereitungsdienst.

Zielsetzung und Zielerreichung

Zu klären sind Zielsetzungen und Funktionen der verschiedenen (schulischen) Praxisphasen und deren Bestandteile. Dies ist insbesondere auch erforderlich, um Zieldiffusität und unterschiedlichen, teils divergierenden Erwartungshaltungen transparent begegnen zu können. Es muss unter anderem ersichtlich sein, wann es primär um theoretische Reflexionsfähigkeit geht, wann vorrangig um unterrichtspraktisches Handeln. Im Praxissemester wird deutlich, welchen Zielkonflikten und mitunter Überbeanspruchungen Lehramtsstudierende ausgesetzt sind, wenn sich die Vorstellungen der ersten Phase und die der zweiten Phase begegnen. Ausgehend von der Verständigung über die jeweilige Zielsetzung gilt es, den Weg zur Zielerreichung zu ebnen. Erforderlich ist dafür ein curriculares Gesamtkonzept, in das Schulpraktika systematisch eingebunden sind und das mit entsprechender Vor- und Nachbereitung eine substanzielle Verknüpfung von Studium und schulpraktischen Elementen ermöglicht. Zu leisten ist dabei sowohl eine Abstimmung hinsichtlich der einzelnen Praktika als auch die Verschränkung von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft – wie letztlich auch die Bezugnahme zwischen Schulpraktika im Studium und Vorbereitungsdienst.

Betreuung und Begleitung, Kooperation und Kommunikation

Gleichermaßen erfordern Vorbereitung, Durch-führung und Nachbereitung von Praktika ein elaboriertes Konzept der Betreuung und Begleitung sowie ausreichend Personen, die diese übernehmen. Ein solches Konzept umfasst unter anderem auch Möglichkeiten zu Vorbesprechung, gegebenenfalls gemeinsamer Vorbereitung sowie zu Reflexion. Unabdingbar ist, die beteiligten Akteure in Hochschule, Schule und den Zentren für schulpraktische Lehrer*innenausbildung (ZfsL) für diese Aufgabe zu qualifizieren. Darüber hinaus benötigen die Beteiligten tragfähige und belastbare Kooperations- und Kommunikationsstrukturen, um die erforderlichen Klärungen, Verständigungen, Abstimmungen, Konzeptionierungen und Implementierungen immer wieder vornehmen zu können. Dies gilt sowohl innerhalb der einzelnen Organisationen als auch zwischen ihnen.

Die Realität: Zeitmangel

Die Evaluationsergebnisse zu den derzeitigen Praxisphasen in NRW wie auch die Vielzahl der Rückmeldungen von Kolleg*innen aus den Hochschulen, Schulen sowie ZfsL, von Kommiliton*innen und Lehramtsanwärter*innen machen allerdings deutlich, dass es häufig gerade an dem mangelt, was Grundvoraussetzung dafür ist, dass prinzipiell förderliche Aspekte tatsächlich wirken können: Zeit. Diesem Mangel sollte durch die Verantwortlichen dringend entgegengewirkt werden. Denn fehlende Zeit gefährdet die Qualität der Ausbildung und das kann niemand ernsthaft wollen. Daher muss die zentrale Forderung lauten: Mehr Zeit für Schulpraxis!

Mischa Meier // In: nds 8-2015