Konkursmitteilung

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Das Ende war schon vor Jahrzehnten absehbar. Wir erinnern uns: 1968 wurde eine Empfehlung des Deutschen Ausschusses aus dem Jahr 1960 für das Erziehungs- und Bildungswesen durch den Beschluss der Kultusministerkonferenz in ganz Westdeutschland umgesetzt und die Hauptschule eingeführt. Vereinfacht handelte es sich um einen Schnitt durch die Volksschule.

Bekannt seit 45 Jahren: Selektion ist unzeitgemäß

Es war der falsche Beschluss zur falschen Zeit. Nunmehr in Eile kamen die Kultusbehörden den absehbaren Gutachten des bereits bestehenden Deutschen Bildungsrates zuvor, der – wie sich spätestens 1970 im Strukturplan zeigte – begabungstheoretisch begründete Bildungsgänge für unzeitgemäß hielt. Doch da war die Hauptschule längst Realität.

Das Scheitern des erhofften Erfolgsmodells mit optimistischer Schulformbezeichnung hatte sich schon bei seiner Einführung abgezeichnet. Den bundesweit steigenden Übergangsquoten in Realschulen und Gymnasien konnten Hauptschulen nichts entgegensetzen. Von 1955 bis 1970 hatten die Realschulen ihre Übergangsquote von 8,3 auf 20,2 Prozent gesteigert, die Gymnasien von 14,6 auf 21,3 Prozent zugelegt. Von fast 70 Prozent Übergangsquote zur damaligen Volksschule waren 1970 bundesweit noch 53,7 Prozent übriggeblieben, in Nordrhein-Westfalen 55,9 Prozent.

Rollentausch: von der Haupt- zur Nebenschule

Damit war sie aber immer noch die meistbesuchte Schulform. Doch der Wandel des Schulwahlverhaltens setzte sich unbeirrbar fort: 1986 übernahm in NRW das Gymnasium die Rolle des begehrtesten Bildungsgangs – und gibt sie bis heute nicht mehr ab. 1992 lag auch die Realschule erstmals vor der Hauptschule und ab 2005 waren sogar die Gesamtschulen stärker nachgefragt. Aus der Hauptschule war eine Nebenschule geworden.

Die letzte Bilanz der Hauptschule ist rundum trostlos: Die Übergangsquote liegt aktuell bei 5,4 Prozent. Von ehemals 1.478 nordrhein-westfälischen Hauptschulen sind 535 geblieben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn 263 Hauptschulen verfügen nicht mehr über eine fünfte Klassenstufe – sie laufen also aus. Ein Viertel der 396 Kommunen meldete 2013 keinen einzigen Übergang zur Hauptschule mehr, bei einem weiteren Viertel waren es weniger als fünf Kinder.

Berufsperspektive nach der Hauptschule: Lehrkräfte werden gebraucht

Ungeachtet immer noch vagabundierender Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen – wie beispielsweise „Die Hauptschule wurde kaputtgeredet.“ oder „Die Hauptschule wurde im Stich gelassen.“ – verweist ein nüchterner Blick auf andere Ursachen, vor allem auf diese: Schulabschlüsse präjudizieren berufliche Positionen – und die bestimmen maßgeblich den gesellschaftlichen Status einer Familie. Wenn aber die Einmündung in einen Beruf an immer höhere schulische Qualifikationen gebunden wird, dann setzt die begehrte Erhaltung des gesellschaftlichen Status in der Generationenfolge immer bessere Schulabschlüsse voraus. Eltern wissen das und wählen die passenden Bildungsgänge.

Dieser Einstellung ist mit politischen Interventionen nicht beizukommen. Alle Bemühungen um die Attraktivierung der Hauptschule prallten daran ab und nicht einmal krude Zugangsbestimmungen zu begehrteren weiterführenden Schulen wie in Bayern konnten den Trend aufhalten. Der Wandel des Schulwahlverhaltens ist eben ein universales Phänomen.

Schnelles Handeln ist geboten, in der Landespolitik wie auf Schulträgerebene. Wer stigmatisierende Restschulen für unerträglich hält, benötigt ein zeitlich und inhaltlich definiertes Ausstiegskonzept für die letzten verbliebenen Hauptschulen. Es sollte an Kriterien gebunden sein und eine klare Berufsperspektive für die Lehrkräfte enthalten. Sie sind schließlich die letzten, denen der Niedergang der Hauptschule vorzuhalten ist. Und sie werden gebraucht.              

 

Ernst Rösner

In: nds 5-2015