Klassenfahrt ins Internet

Verhaltensformen ändern sich durch konstruktive Praxis

Etwa drei Viertel der Jugendlichen in Deutschland besitzen ein Smartphone. Die meisten sind mit dem Internet verbunden. Nahezu 100 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben über verschiedene Geräte Zugang zur Netzwelt. Die Erwachsenenwelt reagiert häufig mit Befremden auf diese Entwicklung.
Klassenfahrt ins Internet

Foto: Large/istockphoto.de

Hätte man die vorangegangenen Generationen gefragt, ob sie gerne ein Werkzeug besitzen würden, das Telefon, Uhr, Radio, Wecker, Musikinstrument, Kamera, Bibliothek, Fotoalbum, Atlas und Straßenkarte, Schreibmaschine, Post, Fernseher, Lernvideothek, Spielesammlung, Tagebuch, Kassettenrekorder, Diktiergerät und Treffpunkt für Freunde in einem ist, wohl die wenigsten hätten da als Kinder „Nein“ gesagt.

Antworten auf jedes InteresseDie tägliche Internetnutzungszeit in der Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen beträgt 179 Minuten. Zeit, angefüllt mit multiplen Interessen und Antrieben. Die Darstellung der eigenen (Wunsch-)Identität ist Teil der Möglichkeiten, sich das Internet als Kommunikationsplattform, Informationspool und Unterhaltungszentrum zu erschließen. SchülerInnen können mittels Smartphone in Minuten ein Video aufnehmen und es im Netz etablieren. Dass damit nicht nur Unfug geschieht, zeigen Videokanäle von jugendlichen YouTubern, deren Sendungen Zuschauerzahlen in zweistelliger Millionenhöhe erreichen und zur aktuellen Meinungsbildung beitragen. Für die Klassenarbeit wird ebenfalls mittels Tutorialvideo gepaukt. Alle, die etwas können, dürfen es anderen zeigen. Man freut sich über Wertschätzung per Mausklick. Man lernt, um dieses Gefühl erneut zu erzeugen. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten dafür werden im realen Leben innerhalb der Peergroup weitergegeben oder im Netz recherchiert. Die dafür notwendigen lernmethodischen Kompetenzen haben die Kinder und Jugendlichen von klein auf durch Mediennutzung erworben. Humboldt hat den Bildungsprozess als sinnlich, sozial und lustvoll beschrieben. Das Internet ist Austausch und bietet Antworten auf jedes Interesse. Interkulturalität erschließt weitere Informations- und Darstellungspools. Die Sinnlichkeit ist dabei weniger reduziert als die Informationsaufnahme beim Lesen eines Buches. Netzzeit ist Lebenszeit.

Virtuelle PersönlichkeitenViele dieser Kompetenzen nehmen Erwachsene gar nicht wahr, weil sie keinen Einblick haben oder nur involviert werden, wenn es „Stress“ gibt. Die Erwachsenenwelt reagiert oft durch Abkehr oder Schmähung auf den virtuellen Teil der Persönlichkeit. Zwei Drittel der Cybermobbing-Opfer suchen viel zu spät die Unterstützung der Eltern, weil sie die Ablehnung eines Teils ihrer Lebenswelt beziehungsweise das Verbot des Zugangs befürchten. In der Schule transferieren die Schüler*innen die virtuelle Welt ins Reale. Schule ist Ort der Bildung, des Kulturaustausches, ein Knotenpunkt des sozialen Netzwerks und Austragungsort der Netzwelt. Streitigkeiten müssen vor Ort und in der Realität geklärt werden, damit normaler Unterricht stattfinden kann. Hier treffen sich Täter*innen und Opfer und ihre Lehrkräfte, die die Kinder und Jugendlichen als Vorbilder im realen Alltag erleben sollten.

Bildet uns!
Wohl die meisten würden bestätigen, dass es erwachsener Vorbilder bedarf, damit Kinder und Jugendliche an der Webnutzung partizipieren und in ihnen eine konstruktive Haltung entsteht. Wenn es um das Internet geht, sehen das viele Erwachsene anders: Wer offen für moderne Lernformate ist, wird für unmündig erklärt, wie beispielsweise diverse Facebook-Verbote der Bundesländer belegen. Dabei wird Lehrkräften das Wissen um die Netzwelt förmlich aus der Hand gerissen. Schüler*innen haben oft einen unstillbaren Durst, ihre eigenen Erfahrungen mit einem für sie glaubwürdigen Erwachsenen abzustimmen. Innerhalb dieser Situation gibt es eine hohe Offenheit der Schüler*innen, das eigene Verhalten auch im Netz bereitwillig zu überprüfen. So ist auch der richtige Umgang im Netz etwas, das erlernt werden möchte. Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen lieber mit Freundlichkeit umgehen, als sich durch Ärger zu belasten.

Das Internet erforschenDer Bedarf ist hoch: Bereits Viertklässler*innen fragen notwendige Themen wie richtiges Zitieren, Persönlichkeitsrechte und Urheberrecht, Demokratie und Meinungsbildung ab, um sich im Netz zu schützen. Auch Empathie im Chat braucht Übung. Vielen ist nicht bewusst, dass sie bereits mit einem „Gefällt mir“ unter dem falschen Kommentar andere verletzen können. Im Netz darf man reinrufen (schreiben), abgucken (aber richtig) und vor allem neigungsorientiert forschen. Die Methoden des Lernens haben sich verändert. Kollaboratives Arbeiten zum Beispiel kennen die Schüler*innen aus Onlinespielen. Sie übernehmen schnell Funktionen im Team, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Die Möglichkeit, sich im Web 2.0 mäßig zu beteiligen, führt in der Regel dazu, dass Schüler*innen ihr Wissen in Kommentaren, Links und Quellen zusammentragen und damit das Lernangebot ergänzen. Die Verhaltensformen verändern sich durch die konstruktive Praxis. So werden Lösungs- und Vermeidungsmechanismen zum Umgang mit Onlinebelästigung durch die Schüler*innen selbst eingebracht. Gefragt ist eine moderierende Lehrkraft, die mit den Schüler*innen die Informationen für alle aufbereitet.

Den richtigen Umgang lernenUnterricht lässt sich auch völlig analog über das Internet gestalten – nicht nur damit. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Initiative „Klicksafe“. Die frei nutzbaren Arbeitsmaterialien bieten an die Klassenstufen angepasste Einheiten zur Erarbeitung von Themen wie Cybermobbing, Datenschutz, Urheberrecht, Pornografie, Smartphone- oder Facebook-Nutzung. Auf Papier wird das Internet methodisch abwechslungsreich im Klassenraum manifestiert. Die Frage nach Facebook, WhatsApp oder anderen Communitys ist geknüpft an den Zweck, den die Nutzung haben soll. Lehrer*innen wünschen sich oft von Schüler*innen Verbindlichkeit im Lernen. Wenn mehr Schüler*innen am nächsten Tag die Hausaufgaben parat haben, weil sie über die Klassen-WhatsApp-Gruppe gepostet wurden, kann man das messen. Als Lehrkraft genügt es, den Auftrag zu geben und gemeinsam mit den Beteiligten zu kontrollieren. Online zur Verfügung gestellte Begleitmaterialien erleichtern Schüler*innen den Einstieg in den Unterricht. Der Videolink als Anreißer für das nächste Thema kann schon im Vorfeld die Begeisterung und den Forscherdrang wecken. Kinder und Jugendliche brauchen dennoch die Legitimation dieses Bildungswegs durch die Lehrkraft: Lehrer*innen und Schüler*innen gehen am besten gemeinsam auf Internetreise!

Praxistipp: Erdkunde mal andersGeoGuessr – Let‘s explore the world! Das Geografiequiz GeoGuessr kann spielerisch im Erdkundeunterricht eingesetzt werden: Auf Basis von Google-Streetmapdaten und per Zufalls-generator landen die Spieler*innen irgendwo auf der Welt. Anhand von Umgebungsfotos müssen sie raten, wo sie sich befinden. Je näher der gewählte Ort am richtigen Ziel dran ist, desto höher ist die Punktezahl.Jede Runde besteht aus fünf
Motiven. So lässt sich das World Wide Web im Unterricht sinnvoll einsetzen, die Schüler*innen arbeiten zusammen und lernen entfernte Orte besser kennen.

Jörg Hagel // In: nds 1-2014