Interkulturelle Brücken bauen

Städte und Gemeinden müssen neu planen

Eine solch hohe Anzahl von Geflüchteten und Asylsuchenden wie seit Anfang des Jahres 2015 hat Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt. Wenn die Menschen in einer nordrheinwestfälischen Stadt oder Gemeinde ankommen, haben sie eine wochenlange Irrfahrt, vielfach unter Lebensgefahr, hinter sich. Als Erstes brauchen sie ein Dach über dem Kopf. Um das bereitzustellen, strengen sich die Kommunen bis ans Ende ihrer Kräfte an.
Interkulturelle Brücken bauen

Foto: Knallgrün/photocase.de

Die regulären Verteilverfahren wie die Unterbringung in einer Erstaufnahmeeinrichtung des Landes, die Überweisung an eine Kommune und der Übergang in den freien Wohnungsmarkt funktionieren längst nicht mehr. Aber es wäre vermessen, Staat und Kommunalverwaltung vorzuwerfen, sie hätten sich nicht richtig darauf vorbereitet. Niemand hätte sich auf derart viele Menschen vorbereiten können. Also müssen Städte und Gemeinden ständig improvisieren, neu planen und gleichzeitig für Verständnis werben, bei den Bürger*innen dafür, dass immer mehr Turnhallen nicht genutzt werden können, und bei den Asylsuchenden, dass man ihrem Wunsch nach einer familiengerechten Wohnung nicht entsprechen kann.

Zusätzliche Pädagog*innen in Kitas und Schulen
Für Menschen aus größtenteils bildungsfernen Ländern und Gebieten, beispielsweise in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten, erscheint der Alltag in der westlichen Welt schwer durchschaubar. Sie brauchen erst einmal einen Lotsen durch Busfahrpläne und Behördenflure. Ihnen Grundkenntnisse in Deutsch beizubringen, ist die nächste Herausforderung. Hier haben die kommunalen Volkshochschulen in der Vergangenheit Hervorragendes geleistet. Aber immer noch fehlen Kurse sowie Lehrer*innen. Der Städte- und Gemeindebund NRW hat angeregt, bei der Rekrutierung zusätzlicher Lehrkräfte flexibel zu sein: Ruheständler*innen, Fachfremde, Ehrenamtler*innen mit Talent zum Unterrichten. Mit den Kindern der Asylsuchenden kommt eine gewaltige Bildungsaufgabe auf uns zu. Denn wir wissen meist nicht, was die Heranwachsenden in ihrer Heimat gelernt haben. Auch ihre Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen unterscheiden sich zum Teil erheblich von unserer, bereits von Migrationserfahrung geprägten, Kultur. Daher müssen zunächst Kindergärten und Schulen ausgebaut und adäquat mit zusätzlichen Pädagog*innen besetzt werden. Darüber hinaus müssen Lehrer*innen Kompetenz weit über ihr Fachgebiet hinaus entwickeln, als Sozialarbeiter*innen, Streitschlichter*innen oder interkulturelle Brückenbauer*innen. Um kurzfristig Platz zu schaffen für die zusätzlichen Klassen müssen wir flexibel sein und Ausweichquartiere nutzen. Mittelfristig hilft nur ein staatlich unterstützter Ausbau der Schulen.

Geflüchteten eine Zukunftsperspektive ermöglichen
Das ehrenamtliche Engagement rund um die Flüchtlingsbetreuung ist grandios. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass so viele Bürger*innen unserer angeblich so saturierten Gesellschaft sich Zeit nehmen für die vielen Fremden und so reichlich Hilfsgüter spenden. Diese Willkommenskultur ist authentisch, sie kommt von Herzen. Derzeit ist nicht der Mangel an ehrenamtlicher Hilfe das Problem, sondern eher ein Überangebot, das es zu koordinieren gilt. Hier springen die Kommunen meist erfolgreich als Organisator*innen und Moderator*innen ein. Das Engagement unzähliger Freiwilliger in der Flüchtlingsbetreuung trägt dazu bei, die Willkommenskultur trotz größter Herausforderungen zu erhalten. Dennoch rückt der Zeitpunkt näher, an dem Städte und Gemeinden die enorme Zuwanderung nicht mehr werden bewältigen können. Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, den Menschen in ihrer Heimat eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen. Denn jede Bildungsleistung hierzulande ist immer nur zweite Wahl gegenüber einer stabilen, sich selbst entwickelnden Gesellschaft in den Herkunftsländern der geflüchteten Menschen.

Dr. Bernd Jürgen Schneider // In: nds 10-2015