Inklusive Bildung in den Niederlanden

Angepasstes Bildungswesen

Die Algemene Onderwijsbond ist die größte Bildungsgewerkschaft in den Niederlanden. Alle Beschäftigten aus dem Bildungssektor – bis auf die Hochschulen – sind dort organisiert. Über die schulische Inklusion in ihrem Land referieren Jan Willem van Katwijk und Monique van Driel beim GEW-Inklusionskongress am 27. Mai 2014. Die nds sprach mit ihnen über zufriedene Kinder und Schulkooperationen.
Inklusive Bildung in den Niederlanden

Foto: VadimGuzhva/Fotolia

GEW NRW: Laut eines UNICEF-Berichts sind niederländische Kinder die zufriedensten im Vergleich von 29 Nationen – auch im Bildungsbereich. Was sind die Hauptgründe dafür?
Monique van Driel: Kinder können hier einfach Kind sein – ohne zu hohen Leistungsdruck. Die Eltern nehmen ihre Kinder, deren Wünsche und Sorgen sehr ernst. In ärmeren Stadtgebieten unterstützt die Schule intensiv, so dass alle Kinder die Chance haben, ihre Ziele zu erreichen.
Jan Willem van Katwijk:
Im niederländischen Bildungssystem liegt der Fokus nicht auf dem Streben danach, immer die oder der Beste zu sein oder die besten Noten zu bekommen. Es geht darum, auch im Unterricht eine gute Zeit zu haben.

Welche Maßnahmen hat die niederländische Regierung für die schulische Inklusion nach der UN-Konvention 2009 eingeleitet?
van Katwijk: Das neue Schulsystem nennt sich „passend onderwijs“, was so viel heißt wie „angepasstes Bildungswesen“. In diesem System kooperieren die Schulen miteinander und selten müssen nur besonders schwierige Schüler*innen eine Sonderschule besuchen.
van Driel: Die Regierung hat nach der UN-Konvention Gesetze zur Inklusion verabschiedet. Die Schulen müssen miteinander kooperieren, um den Kindern die Erziehung zu bieten, die sie benötigen. Bisher erhielten die Schulen zusätzliche finanzielle Unterstützung und spezielle Lehrkräfte für förderbedürftige Kinder. Jetzt kommt das Geld direkt den Schulkooperationen zugute.

War schulische Inklusion bereits zuvor ein Thema in den Niederlanden?
van Driel: Früher gingen förderbedürftige Kinder auf eine Sonderschule, die auf ihre Art der Behinderung spezialisiert war.
van Katwijk: Nur für Kinder mit Down-Syndrom gab es zuvor schon eine Art schulische Inklusion, da die Eltern sich wünschten, dass ihre Kinder einfach normal unterrichtet werden. Sie besuchten lediglich bis zum Alter von zehn Jahren eine Sonderschule.

Was sehen Schulkonzepte für Inklusion für Regelschullehrkräfte und Sonderpädagog*innen vor? Welche Besonderheiten gibt es?
van Driel: Nach wie vor sind die Klassengrößen ganz unterschiedlich: 15 bis 40 Schüler*innen pro Klasse. Und momentan gibt es auch noch keine regelmäßige Unterstützung für Regelschullehrkräfte im Unterricht. Die sogenannten ambulanten Lehrkräfte helfen mehreren Schulen gleichzeitig, oft auch nur aus der Ferne. Interne Begleiter*innen sind in den Schulen für die Lehrkräfte zuständig, nicht aber für die Kinder. Jede Schulkooperation hat ihre eigenen Regeln und es ist nicht einfach festzustellen, welches Kind, welche Unterstützung benötigt. Die Gewerkschaften fordern einheitliche Regelungen, doch bisher hat die Regierung diese nicht geschaffen.

Die Fragen stellte Sherin Krüger // In: nds 4-2014