Inklusion braucht Fans im Lehrerzimmer

Gute Rahmenbedingungen und Fortbildung für Inklusion

Spätestens seit Beginn des Schuljahres 2014/2015 wird Gemeinsames Lernen an den Grundschulen in NRW Realität: Erstmals haben Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf beim Übergang in die Sekundarstufe I das Recht auf den Besuch einer Regelschule. Aber ist die schulische Inklusion seitens der Lehrer*innen überhaupt gewollt? Wenn Gemeinsames Lernen tatsächlich gelingen soll, müssen alle mitgenommen werden. Welche Rahmenbedingungen begünstigen die Befürwortung einer inklusiven Schule?
Inklusion braucht Fans im Lehrerzimmer

Foto: MorganDDL/istock.de

Bereits im Rahmen des von der GEW NRW veranstalteten Bochumer Bildungskongresses 2011 wurden 1.287 Personen mit Hilfe eines Fragebogens genau dazu befragt. 297 von ihnen beteiligten sich an der Umfrage.

Wirksame Unterstützung
Unumstritten schien schon damals, dass eine inklusive Bildungslandschaft Lehrer*innen vor eine komplexe Aufgabe stellt. Förderortswechsel stellen nicht nur Schüler*innen, sondern auch Lehrkräfte vor neue Herausforderungen. Fühlen sich Lehrkräfte in Zeiten, in denen Bildungsreformen Hochkonjunktur haben, alleingelassen? Ein Großteil der Lehrkräfte machte in der Umfrage im Jahr 2011 zu angebotenen Unterstützungsformen – beispielsweise Sonderpädagog*innen, Integrationshelfer*innen oder eine zweite Lehrkraft im Unterricht, Sonderpädagog*innen als Berater*innen oder sonderpädagogische Förderzentren – keine Angabe und erhielt möglicherweise demnach keine Hilfe bei der Umsetzung von Inklusion. Dass sich einige Lehrkräfte gegen schulische Inklusion sträuben, verblüfft angesichts dieser Ergebnisse kaum.
Wer im Unterricht hingegen wirksam unterstützt wird, befürwortete in der Befragung häufiger Inklusion. Im Gegensatz zu den bereitgestellten Hilfen stuften die Befragten erfahrene Selbstwirksamkeit – etwa gelungene Integration oder Zufriedenheit im Gemeinsamen Unterricht – als weniger bedeutsam für die Haltung gegenüber schulischer Inklusion ein (s. Erklärungsmodell).
Das bedeutet: Wer schlechte Erfahrungen im Umgang mit beeinträchtigten Schüler*innen gemacht hat, wird nicht zwangsläufig Inklusionsgegner*in. Nur wer sich in Zeiten des Umbruchs unterstützt fühlt, wird letztlich den Willen zur Inklusion zeigen. Anders formuliert: Inklusionsgegner*in wird man nicht ausschließlich durch schlechte Erfahrungen, sondern vielmehr durch fehlende Unterstützung.

Fortbildungen sind der Schlüssel
Werden Lehrkräfte danach gefragt, was inklusive Schule benötigt, zeigt die Untersuchung folgende Befunde: Neben personellen Unterstützungen wünschen sich Lehrkräfte vor allem Fortbildungen, angemessene Räumlichkeiten und fest verankerte, sonderpädagogische Inhalte in der Lehrerausbildung. Kooperative Unterstützungsformen im Zusammenspiel mit Jugendhilfe, Eltern und Fachpersonen spielen in den Augen der Befragten eine eher untergeordnete Rolle.
Fortbildungen schätzen Lehrer*innen als die bedeutsamste Ressource auf dem Weg zur inklusiven Bildungslandschaft ein. Auch die Untersuchung im Rahmen des Bochumer Bildungskongresses kaum zu dem Ergebnis, dass Fortbildungsveranstaltungen einigen Einfluss auf die Einstellung gegenüber Inklusion haben: Fortbildungserfahrene Lehrer*innen befürworten Inklusionsbemühungen im höheren Maße als andere. Fortbildung zum Thema Inklusion und hilfreiche Unterstützung(en) können eine befürwortende Haltung zur inklusiven Schulidee relativ gut vorhersagen (s. Erklärungsmodell). Wenn Inklusion gewollt sein soll, brauchen ihre Akteure einen Rahmen sich zu diesem Thema fortzubilden. Die Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm und Ulf Preuss-Lausitz empfehlen in ihrem Gutachten zur schulischen Inklusion in NRW ebenfalls prozessbegleitende Fortbildungen. Inklusiv arbeitende Lehrer*innen und Erzieher*innen sollen demnach verpflichtend Fortbildungen zum Gemeinsamen Lernen besuchen. Und auch im „Haus der inklusiven Schule“ – nach dem Erziehungswissenschaftler und Sonderpädagogen Hans Wocken – sind Fortbildungen die „wichtigste innovationsbegleitende Maßnahme“.
Ein Bildungssystem im Wandel muss seinen Lehrkräften das Gefühl von Sicherheit in Form hilfreicher Unterstützung geben sowie ausreichend Fortbildungen anbieten. Veränderte Rahmenbedingungen könnten demnach zu Folge haben, dass Lehrer*innen Inklusion befürworten.

Marcel Heidrich // In: nds 9-2014

 

Karin Grube, Fachgruppe Gesamtschule der GEW NRW:  „Die Situation an den Gesamtschulen ist ganz unterschiedlich: Vielen Schulen fehlen Sonderpädagog*innen und es ist ein Abordnungskarussell entstanden. Das bringt Unruhe in bestehende Systeme, weil die personelle Situation nicht stabil ist. Insbesondere die Gesamtschulen haben im Nachgang noch Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf zugewiesen bekommen. Das erschwert auch die konzeptionelle Arbeit. Bestehende, gut funktionierende Systeme – wie an meiner Schule in Bonn-Beuel – mussten personelle Einbußen hinnehmen. Da Schulbegleiter*innen nicht systemisch eingesetzt sind, sondern einzelnen Kindern zugewiesen, entsteht auch dadurch Unruhe im Alltag. Die Zusammenarbeit mit Schulbegleitungen stellt ein Aufgabenfeld dar, dass nicht nur Erleichterung bringt, sondern auch viel Koordinierung und Absprachen erfordert. Die Kolleg*innen wünschen sich eine stabile personelle Situation und die Akzeptanz der pädagogischen Konzepte der bereits länger inklusiv arbeitenden Schulen.“

Gerd Weidemann, Kommission Inklusion der GEW NRW: „Die Fortbildungsnachfrage der Lehrkräfte für das Themenfeld schulische Inklusion steigt stetig. Der hohe Bedarf zeigt deutlich, wie wichtig Fortbildungen für diese neue Aufgabe sind. Doch das Geld für die zuständigen Kompetenzteams, die Schulen auf dem Weg zu Inklusion unterstützen, reicht nicht aus, um dem Andrang gerecht zu werden. Die Wartelisten für die nächsten Jahre sind voll – hier muss die Landesregierung dringend nachbessern. Auch die Formate der Fortbildungsangebote müssen erweitert werden. Wir brauchen Fortbildungen, die in einem regionalen Kontext und im Austausch der beteiligten Professionen die Unterrichtsentwicklung und die Unterrichtspraxis in den Schule, die den inklusiven Auftrag angenommen haben, begleiten und unterstützen.“

Roswitha Lauber, Fachgruppe Berufskolleg der GEW NRW: „Bis heute ist es an meinem Berufskolleg so, dass nur in wenigen Einzelfällen eine begrenzte zusätzliche Unterstützung in einigen Lerngruppen vorhanden ist – und das ist auf besonderes Engagement und Verhandlungsgeschick meiner Kolleg*innen zurückzuführen! Wir wissen, dass das Berufskolleg für die Jugendlichen oft die letzte Chance ist auf dem Weg zur vollen Teilhabe, doch mit dieser Situation werden wir in den meisten Fällen alleingelassen. Es mag abgedroschen klingen, aber: Wir brauchen mehr Ressourcen! Vor allem wird die kompetente Unterstützung durch Sonderpädagog*innen vermisst – sei es, dass sie als zweite Lehrperson eingesetzt sind oder sie uns beratend zur Seite stehen. An jedem Berufskolleg muss es einen eigenständigen Bereich „Inklusive Bildung“ als Querschnittsaufgabe geben, in dem Unterstützungs- und Beratungssysteme koordiniert werden können. Den Kolleg*innen muss es möglich sein, auch punktuell schnell und unkompliziert zusätzliche Unterstützung einholen zu können. Denn: Inklusion kann nur gelingen, wenn wir den Jugendlichen den Weg ins Berufsleben ermöglichen.“

Ute Tambornino, Fachgruppe Realschule der GEW NRW: „Im Realschulbereich gestalten sich die ersten Gehversuche hinsichtlich der Inklusion häufig nach dem Prinzip „trial and error“. Zwar gibt es schon sehr gut funktionierende integrative Lerngruppen, die aber ausschließlich von Regelschulkolleg*innen unterrichtet werden. Die punktuelle Zuweisung von Sonderpädagog*innen birgt für alle Beteiligten unvorhergesehene Überraschungen. Mangelnde Transparenz bei der Schülerzuweisung hat den Kolleg*innen den Einstieg nicht gerade erleichtert. Der Ruf nach Teamfortbildungen im Vorfeld der praktischen Umsetzung wird immer lauter und bildet neben der Bereitstellung der noch fehlenden Ressourcen eine grundlegende Voraussetzung für das Gelingen der Inklusion. Gerade junge Kolleg*innen lassen sich auf die neue Situation ein – trotz der geringen Unterstützung. Um Hilfe vor Ort zu bekommen, sind Kontakte zu kompetenten Ansprechpartner*innen in Schulämtern und bei den Bezirksregierungen dringend notwendig. Eine frühzeitige Beteiligung der Schulen der Sekundarstufe I an der Verteilung der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist wünschenswert. Eine deutliche Verkleinerung der Klassen steht natürlich auf jedem Wunschzettel!“