Inakzeptables Verfahren

Kernlehrpläne für Weiterbildungskollegs

Die Kernlehrpläne (KLP) für die Weiterbildungskollegs in NRW hätten gut vorbereitet sein können, die Zitterpartie zu ihrer Umsetzung hätte nicht sein müssen. Es herrschte Konsens darüber, dass kompetenzgesteuerte Kernlehrpläne benötigt wurden. Auch die Deadline des Inkrafttretens am 1. August 2014 war von Beginn an bekannt. Dennoch patzte das Schulministerium und sorgte für eine inhaltlich und zeitlich unangemessene Einführung der Lehrpläne.
Inakzeptables Verfahren

Foto: DragonImages/istock.de

August 2014 treten die KLP für Gymnasien und Gesamtschulen in Kraft. Sie liegen bereits seit einem Jahr vor und werden in zahlreichen Implementationsveranstaltungen den Kolleg*innen an den Schulen nahegebracht. Eigene Kommissionen für die Weiterbildungskollegs erarbeiteten Adaptationen dieser KLP, die die unterschiedlichen Lernbedingungen an Abendgymnasien und Kollegs reflektieren. Eigenständige, erwachsenenpädagogische KLP für das Weiterbildungskolleg waren mit dem Argument der Einheitlichkeit des Zentralabiturs abgelehnt worden.

Inkraftsetzung verschieben!
Leider schaffte es das Schulministerium nicht, den selbst gesetzten Zeitplan zu halten,  und schob den Termin für die Bekanntgabe der KLP-Entwürfe und für den Eintritt in die Verbändeanhörung immer weiter nach hinten. Die Konsequenz: Vor Ort bleibt keine Zeit mehr, sich mit den neuen Lehrplänen vertraut zu machen und schuleigene Lehrpläne zu entwickeln. Eindringliche Forderungen, die Inkraftsetzung zu verschieben, wurden mit dem lapidaren Hinweis weggewischt, 2017 müsse bundesweit das erste Zentralabitur nach diesen KLP stattfinden. Erst am 2. April 2014 erhielten DGB und GEW die ersten acht KLP-Entwürfe – darunter der KLP für Geschichte und Sozialwissenschaft, der jedoch beim Kopieren versehentlich mit einem anderen vermengt worden war und zurückgezogen werden musste. Am 20. Mai schließlich trudelten die Korrektur sowie die letzten 16 Entwürfe ein. Lediglich sechs Implementationsveranstaltungen können noch vor den Sommerferien stattfinden, die übrigen sind für das Winterhalbjahr angesetzt, zu diesem Zeitpunkt wird jedoch bereits mit den KLP gearbeitet!  Das Verfahren ist für die GEW nicht hinnehmbar. Sie forderte Staatssekretär Ludwig Hecke mit einer vom Landesvorstand beschlossenen Resolution auf, das Inkrafttreten der KLP zu verschieben. Diese Intervention zeigt Wirkung: Der Staatssekretär informierte in einer Schulmail darüber, dass die Weiterbildungskollegs für die Implementierung der KLP einen weiteren pädagogischen Tag in Anspruch nehmen können.

Inhaltlich nachbessern!
Die Kolleg*innen an den Weiterbildungskollegs wollen Innovation. Sie wissen, dass die Orientierung an bundeseinheitlichen Bildungsstandards ihren Unterricht verändern wird. Die Schwierigkeiten des zweiten Bildungswegs liegen in der überaus großen Heterogenität der Lernenden und ihrer Lebensläufe sowie in der gering bemessenen Unterrichtszeit in den drei Bildungsgängen Kolleg, Abendgymnasium und Abitur-online. Diese Schwierigkeiten müssen die KLP beschreiben und lösen helfen.

  1. Die Einführungsphase, die am Weiterbildungskolleg eine Phase des Rückgewöhnens an das organisierte Lernen ist, hat nur in den Kernfächern einheitliche Unterrichtskontingente. In den natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern reicht dagegen das Kontingent von null bis zwei Semesterwochenstunden. Die Formulierung der Kompetenzen, die am Ende der Einführungsphase zu erreichen sind, muss deshalb in allen Lehrplänen unbedingt offen sein und gestatten, in der Kursphase noch nicht Erreichtes nachzuholen. Der KLP Deutsch zeigt dies exemplarisch.
  2. Die logische Konsequenz einer pädagogisch flexibilisierten Einführungsphase ist eine abgespeckte Kursphase. Um Lernenden am Weiterbildungskolleg die Chance zu geben, das Zentralabitur im einzelnen Fach zu schaffen, muss die Schere dabei klug angesetzt werden. Vor allem in den Naturwissenschaften und im Fach Mathematik sind noch Hausaufgaben zu erledigen. Diese KLP können so nicht bleiben!
  3. Individuelle Förderung, inklusives Lernen, erwachsenengerechte Lernwege und Themen, schließlich die zentrale Forderung der Machbarkeit – das sind die Markierungen einer gewerkschaftspolitischen Messlatte. DGB und GEW werden die KLP-Entwürfe für die Weiterbildungskollegs an diesen Kriterien messen und eigene Vorschläge formulieren. Selbstverständlich erwartet die Bildungsgewerkschaft, dass das Schulministerium die Vorschläge bei der Überarbeitung der Entwürfe entsprechend berücksichtigt.    

Gabriele Fleischauer-Niemann, Dr. Ilse Führer-Lehner // In: nds 6/7-2014