Ich nehme die Herausforderungen an

Erste Festanstellung an einer Hauptschule

Engagierte, junge Lehrerin sucht  ... mit Sicherheit keine Festanstellung an einer Hauptschule mag man jetzt denken. Doch für Stefanie Sommerey stand genau das schnell außer Frage: Nach ihrem Referendariat an einer Hauptschule ist sie eben dort als Lehrerin gestartet. Warum sie die Entscheidung bewusst getroffen hat und sie für die Schulform kämpft, erzählt die 38-Jährige im nds-Interview.
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Foto: Contrastwerkstatt/fotolia.de

GEW NRW: Die Hauptschule ist eine aussterbende Schulform. Warum haben Sie sich dennoch nach Ihrem Referendariat für eine Festanstellung an einer Hauptschule entschieden?

Stefanie Sommerey: Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Referendariat habe ich sehr schnell gemerkt, dass mir die Arbeit an der Hauptschule liegt und viel Spaß macht. Gerade Schüler*innen dieser Schulform brauchen jegliche Unterstützung für einen guten Start ins Berufsleben und gegen viele Vorurteile. Ich hätte auch an einer Gesamtschule anfangen können. Die Grundidee, länger gemeinsam zu lernen, halte ich auch für gut. Auch die Möglichkeiten an einer großen Schule sind vielfältiger als an einer Hauptschule mit nur 350 Schüler*innen. Doch gerade dieser Umfang ist mir zu unübersichtlich. An unserer Schule kenne ich die meisten Schüler*innen schon jetzt nach kurzer Zeit oder kann sie zumindest zuordnen, das gefällt mir. Auch wenn es manchmal eine Herausforderung ist, Projekte durchzuführen, Schüler*innen zu motivieren oder Fachwissen zu vermitteln, so habe ich diese gerne angenommen. Denn selbst wenn es sich um eine aussterbende Schulform handelt, müssen auch Hauptschüler*innen eine Perspektive vermittelt bekommen und da kämpfe ich gerne gemeinsam mit den Kolleg*innen um den Erhalt unserer Schule beziehungsweise um eine adäquate Alternative. Für mich ist es wichtig, die Benachteiligung zu verringern, die viele vor allem durch ihr soziales Umfeld erfahren. 

Leider bietet der Job kaum eine berufliche Perspektive. Wie gehen Sie damit um und wie geht es für Sie weiter, wenn Ihre Schule in naher Zukunft schließt?

Ich gehöre zu den Menschen, die im Großen und Ganzen die Dinge so nehmen wie sie kommen. Und wenn es dann so weit ist, wäge ich die Möglichkeiten ab und versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Da ich persönlich keine Familie versorgen muss, kann ich mir diese Haltung sozusagen leisten. Schon bei der Wahl der Unterrichtsfächer habe ich bedacht, dass sie nicht nur Spaß machen, sondern in NRW auch gebraucht werden. Zunächst gehe ich erst einmal davon aus, dass unsere Schule nicht in allzu naher Zukunft schließt und versuche zusammen mit den Kolleg*innen, einiges genau dafür zu tun. Wenn wir zeigen, wie wichtig unsere Arbeit ist, wird sie hoffentlich auch anerkannt. Vielleicht wird es eines Tages eine passende Alternative zur Hauptschule geben …

Fühlen Sie sich im Auslaufprozess gut informiert und begleitet?

Gut informiert und begleitet? Nein! Wenn wir Informationen benötigen, müssen wir uns diese eigenständig beschaffen und stoßen dabei auf sehr unterschiedliche Quellen. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Schließungen schon mal sehr plötzlich und unvorbereitet entschieden werden. Eine Transparenz, warum welche Schule geschlossen wird, kann ich dabei leider nicht erkennen.

Wie geht Ihre Schule mit der Situation um? Macht sich die mögliche Schließung in der pädagogischen Arbeit bemerkbar? Haben sich Motivation und Engagement verändert?

An unserer Schule gibt es ein Team, das sich darum bemüht, die Vorzüge der Hauptschule für Schüler*innen aber auch für Ausbildungsbetriebe wieder hervorzuheben, zum Beispiel durch Kooperationen und Projekte mit regionalen Firmen und Institutionen. Denn gerade in diesem Bereich macht sich der negative Ruf der Hauptschüler*innen und die mögliche Schließung der Schule vielfach bemerkbar.

Ausgeschriebene Stellen sind schwierig zu besetzen, das müssen wir jeden Tag feststellen. Viele Lehrer*innen wollen sich gar nicht erst in eine unsichere Position begeben und wählen schon deshalb eine andere Schulform. Für mich sehr verständlich, leider. Dennoch engagiert sich die Mehrheit im Kollegium sehr für das Fortbestehen unserer Schulform. Immer mal wieder bekomme ich gesagt, dass mein Enthusiasmus nach einer Weile weniger werden würde. Das kann ich nicht beurteilen, dazu müssten Sie mich in einigen Jahren noch einmal fragen. Aber dieser Satz zeigt mir auch immer wieder, dass viele Kolleg*innen früher engagierter gearbeitet haben müssen und inzwischen durch die Situation unzufriedener oder demotivierter sind, auch das kann man ihnen kaum verübeln.

Die Fragen für die GEW NRW stellte Sherin Krüger//In: nds 5-2015