Endlich: Bildung statt Qualifizierung

Kommentar zum 10. Schulrechtsänderungsgesetz

Vor drei Jahren wurden die ersten Überlegungen zur Weiterentwicklung des Berufskollegs veröffentlicht. Dem wüsten Aktionismus und hohen Erregungsniveau in der Anfangsphase folgte ein zäher, kontroverser und langwieriger Diskussionsprozess. Am Ende ging alles schnell und überraschend konsensual. Im Januar 2014 wurde der Gesetzesentwurf eingebracht, im März folgte die Anhörung, nur Wochen später die interfraktionelle Einigung. Das wichtigste Resultat kommt unspektakulär daher: § 22 Absatz 1 Schulgesetz (SchulG) bleibt unverändert.
Endlich: Bildung statt Qualifizierung

Foto:Mr.Nico/photocase.de

Die geplante Ablösung der bewährten und transparenten Bildungsgang- und Abschlussorientierung sowie die Einführung von Schulformen konnte verhindert werden. Neu geordnet wurden die Bildungsgänge der Berufsschule (§ 22 Absatz 4 SchulG): Die Berufsorientierung sowie die Klassen für Schüler*innen ohne Berufsausbildungsverhältnis und Berufsgrundschuljahr wurden gestrichen. Neu etabliert sind „vollzeitschulische Bildungsgänge für Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis zur Vorbereitung auf eine Berufsausbildung nach Berufsbildungsgesetz (BBiG) und Handwerksordnung (HwO)“ sowie „Bildungsgänge, die Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis berufliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in einem oder mehreren beruflichen Bereichen vermitteln und den Erwerb eines dem Hauptschulabschluss gleichwertigen Abschlusses ermöglichen (Ausbildungsvorbereitung)“.

Chance vertan

Bedauerlich ist, dass der Gesetzgeber die diskriminierende Bezeichnung „Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis“ beibehalten hat. Ein ersatzloses Streichen hätte erstens einen Beitrag zur besseren Lesbarkeit der Bildungsgänge geleistet, zweitens wäre die Defizitbeschreibung entfallen. Schließlich können die Jugendlichen nichts dafür, dass die Wirtschaft zu wenig Ausbildungsplätze zur Verfügung stellt.

Darüber hinaus ist der Begriff „Ausbildungsvorbereitung“ zu kritisieren. In der bundesweiten Debatte über das Übergangssystem werden unter diesem Begriff deutlich mehr Bildungsgänge aufgeführt. Insofern entdramatisiert und verfälscht die Begrifflichkeit das Problem des Übergangs in Nordrhein-Westfalen. Ob die neue Ausbildungsvorbereitung auch den Rechtsanspruch auf den Erwerb des Hauptschulabschlusses einlösen kann, wird erst die Ausgestaltung der anstehenden Novellierung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Berufskolleg (APO-BK) zeigen.

Trotz der selbstgesetzten Beschränkung, die Ausbildungsvorbereitung für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf zu reformieren, und ohne weitere Begründung wird neben dem Berufsgrundschuljahr auch die zweijährige Berufsfachschule abgeräumt. Beide Bildungsgänge vermitteln eine berufsfeldbreite Grundbildung, die auf eine Berufsausbildung angerechnet werden kann. Die neuen gestuften einjährigen Berufsfachschulen (§ 22 Absatz 5 SchulG) sehen die „Vermittlung von beruflichen Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten im Sinne einer beruflichen Grundbildung“ auf der Basis von ausgewählten Ausbildungsbausteinen einzelner Ausbildungsberufe vor – eine Engführung, die dequalifizierenden Charakter hat.

Vermittlungsauftrag präzisiert

Aus gewerkschaftlicher Sicht ist zu bezweifeln, ob Ausbildungsbausteine den berufsfeldbezogenen Unterricht angemessen ersetzen können. Gewerkschaften stehen für das Berufsprinzip in der Berufsausbildung und lehnen jede Form der Modularisierung ab. Was die vage Andeutung der Anrechnung von Ausbildungsbausteinen betrifft, ist Skepsis angebracht. Angesichts der Tatsache, dass bisher selbst mehrjährige Bildungsgänge zum Erwerb der Fachoberschulreife oder der Fachhochschulreife nicht angerechnet wurden, ist kaum zu erwarten, dass diese Bausteine auf eine betriebliche Ausbildung angerechnet werden.

Spektakuläres ist bei der Präzisierung des Vermittlungsauftrags zu berichten: Er war in keinem der vielen Entwürfe zum Gesetz enthalten. Und nun, fast schon beiläufig, hat der Gesetzgeber in § 22 Absatz 2 SchulG den Vorschlag der Gewerkschaften aufgegriffen und den Vermittlungsauftrag des Berufskollegs verändert. In der interfraktionell verabschiedeten Fassung ist der Begriff „Qualifizierung“ gestrichen. Nach neuester Diktion vermittelt das Berufskolleg eine berufliche Bildung und unterstützt mit dieser Festschreibung der Begrifflichkeit definitorisch die bildungspolitischen Gleichwertigkeitsbestrebungen von allgemeiner und beruflicher Bildung.

Bleibt in der Novellierung der APO-BK dafür zu sorgen, dass der neue Vermittlungsauftrag „berufliche Bildung“ nicht nur nominell, sondern auch qualitativ umgesetzt wird und in der Praxis wiederzufinden ist.                 

Dietrich Mau // In: nds 5-2014