Eine zweite Chance ermöglichen

Wenn die geringen Kompetenzen zum tatsächlichen Problem werden

Die leo. – Level-One Studie bescheinigt Deutschland 7,5 Millionen Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können. Das Phänomen wird als funktionaler Analphabetismus bezeichnet. Die Betroffenen können oder konnten einst durchaus ein bisschen lesen, allerdings nur einzelne Sätze. Und sie bringen auch einen Satz zu Papier, wohlweislich mit Fehlern. Die Mehrheit arbeitet, gründet eine Familie und erinnert die Schulzeit als gar nicht so schlecht.
Eine zweite Chance ermöglichen

Foto: BraunS/istock.de

Die Betroffenen verdienen jedoch sehr wenig und bekleiden zugleich die anstrengendsten und eintönigsten Arbeitsplätze. Wer befördert werden könnte, steht vor der Herausforderung, dass dann mehr Papierarbeit zu leisten ist. Wer Kinder in die Schule schickt, muss sich eingestehen, ihnen nicht helfen zu können. Wer die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner verliert oder älter wird, muss sich allein durch Steuerformulare, Bankkonten, Gesundheits- und Rentenpapiere kämpfen. Jetzt wird die geringe Kompetenz tatsächlich zum Problem. Besonders ausgeschlossen sind Betroffene vor allem von Weiterbildung. Meist machen sie lediglich Staplerscheine oder Gefahrgutführerscheine, besuchen Arbeitssicherheitsschulungen  oder – wenn es sich um Zugewanderte handelt – Integrationskurse.

Ein Armutszeugnis für Lehrkräfte?Wie kann es so weit kommen in einer Umgebung, die grundsätzlich allen den Zugang zu Bildung ermöglicht? Versagen hier Schule und Unterricht? Die Annahme, Lehrkräfte seien an allem schuld, kann nicht bestätigt werden. Die Mehrheit der funktionalen Analphabet*innen erinnert die eigene Schulzeit als eher durchschnittlich und sozial angenehm, nur wenige haben auffallend oft geschwänzt oder waren längerfristig erkrankt. Das ist vermutlich das Kernproblem für Lehrkräfte: Betroffene Schüler*innen sind möglicherweise relativ unauffällig. Manche können von der Tafel abmalen, können die Schlüsselwörter in der Klassenarbeit auswendig hinschreiben – das genügt für das Nötigste. Das Problem fällt oft erst in der Berufsgrundbildung und Berufsvorbereitung auf, wo erschütternde Schreibbeispiele offenbar weit verbreitet und den Lehrkräften auch bekannt sind. Insgesamt zeigen die Daten, dass jüngere Kohorten bessere Durchschnittsleistungen erbringen als ältere. Es bleibt die Frage nach der Ursache: Ist der Unterricht besser geworden? Erhalten gerade die Schwächeren aufgrund längerer Pflichtschulzeit mehr Unterricht? Oder sorgt schlicht die noch frische Schulerinnerung für gute Leistungen in Tests wie der leo.-Studie?

So leicht kann Unterstützung seinInsbesondere in der Primarstufe stehen Lehrkräfte vor der besonderen Aufgabe, allen Kindern die vollständige Beherrschung des Lesens und Schreibens nahezubringen. Aus Sicht der Erwachsenenforschung wissen wir aber, dass es Kinder und auch Jugendliche gibt, die dafür nicht offen sind. Sie brauchen die Möglichkeit der zweiten Chance. Deshalb ist es sinnvoll, vor dem Schulabgang umfassend über weiterführende Möglichkeiten zu informieren: vom Alfa-Telefon über die regionale Bildungsberatung bis hin zum Onlineportal ich-will-lernen.de. Für Lehrkräfte, die ihre Schüler*innen spielerisch mit dem leo.-Test konfrontieren möchten, stehen einige neuere Tools zur Verfügung. Die werbefreie und kostenlose leo.-App ist beispielsweise sowohl für Smartphones als auch für Tablets verfügbar und enthält auch schwierige Aufgaben. Sie bietet die Möglichkeit, die eigene Lese- und Schreib-kompetenz analog zur leo.-Studie schnell, unkompliziert und anonym zu testen – dabei mag es bereits schwierig sein, im digitalen Leben die korrekte Groß- und Kleinschreibung zu verwenden. 


Anke Grotlüschen