Die Realität hinter den Zahlen

Die Hauptschule auf dem Weg zur Inklusion

Veröffentlicht das Schulministerium (MSW) Statistiken über den Stand der Inklusion, ist im Sekundarbereich immer nur zusammenfassend von der Sekundarstufe I die Rede. Während in allen anderen Bereichen konsequent nach Schulformen getrennt wird, geschieht dies hier nicht. Das lässt erahnen, dass es möglicherweise Ungleichgewichte gibt. Höchste Zeit, die Zahlen aufzuschlüsseln und das Bild ein wenig realitätsnaher zu zeichnen. Alle hier präsentierten Zahlen sind übrigens auf der Webseite des MSW zu finden, sie werden nur anders gewichtet.
Die Realität hinter den Zahlen

Foto: eyjafjallajokull/istock.de

Ab dem Schuljahr 2005/2006 haben die Hauptschulen mehr als die Hälfte aller Förderschüler*innen im Gemeinsamen Unterricht aufgenommen (vgl. Grafik). Der Rest verteilt sich auf zunächst drei, mittlerweile auf fünf Schulformen. Noch deutlicher wird es, wenn man die Gesamtschüler*innenzahl, die Anzahl der Schulen und der aufgenommenen Förderschüler*innen ins Verhältnis setzt (vgl. Tabelle). Die Statistik verrät noch mehr: Zum Beispiel sind in den Hauptschulen fast 60 Prozent der Schüler*innen mit dem Förderbedarf Emotionale und Soziale Entwicklung (ES) der in der Tabelle aufgeführten Schulformen.

Kräftezehrende Praxis
Die täglich erlebten Folgen für die Hauptschulen sind immens: Mehr als die Hälfte aller Hauptschulen arbeitet im Gemeinsamen Unterricht, mehr als die Hälfte aller Förderschüler*innen des Gemeinsamen Unterrichts sind an den Hauptschulen. Wenn man dann noch weiß, dass über zwei Drittel aller Hauptschulen in NRW entweder nicht die geforderte Mindestzügigkeit haben oder sich schon in Auflösung befinden, erkennt man die Dramatik der Situation: Da an den Sekundar- und den Gesamtschulen vorgezogene Anmeldeverfahren laufen, drängen alle „übrig gebliebenen“ Förderschüler*innen (hauptsächlich mit Förderbedarf ES) aus dem Gemeinsamen Unterricht der Grundschulen in die Hauptschulen. An vielen Hauptschulen gibt es in den unteren Jahrgängen jedoch nur ein oder zwei Klassen, eine Aufteilung von Schüler*innen ist kaum möglich. Ungeklärt ist die Frage, wie viele Förderschüler*innen in einer Klasse sein dürfen. Vier, sechs, acht von wie viel Regelschüler*innen? Wie kann und soll eine Förderung der Regelschüler*innen stattfinden, wenn zum Beispiel mehrere Schüler*innen mit Förderbedarf ES in einer Klasse fast die gesamte Kraft kosten? Wie kann eine sinnvolle Förderung geschehen, wenn Sonderpädagog*innen in mehreren Schulen gleichzeitig tätig sind? In der überwiegenden Zahl der Unterrichtsstunden sind die Hauptschullehrer*innen völlig allein und nach Schulschluss am Ende ihrer Kräfte. Woher sollen sie auch die Kraft und die Geduld nehmen angesichts dieser Herausforderungen?

Die Hauptschulen zahlen die Zeche
Und da es immer noch Schulämter gibt, die die Feststellung des Förderbedarfs eines Kindes in der Grundschule verneinen oder verzögern, schwillt die Zahl der Förderschüler*innen in den Hauptschulklassen im Laufe eines Jahres an. Außerdem ist an vielen Hauptschulen die Raumfrage ungelöst: Für den Gemeinsamen Unterricht braucht man mehr Differenzierungsräume, aber viele Kommunen geben leere Räume den neu gegründeten Schulformen. Wenn man dann noch weiß, dass den Hauptschulen aufgrund falscher Berechnungsgrundlagen etwa 1.000 Lehrerstellen fehlen, dass die Hauptschullehrer*innen immer noch mit die höchsten Stundenzahlen haben, ihnen von der Landesregierung kräftig in die Taschen gegriffen wird, dann weiß man, wer die „stillen Helden“ dieses Systems sind und das Projekt Inklusion der Landesregierung bezahlen. Ach ja, Inklusion ist das ja auch nicht – denn die echte Einbeziehung aller kann es in einem gegliederten System nicht geben!              

Michael Liß // In: nds 6-2013