Dialoggruppen für Jugendliche

Vertrauensräume schaffen

In vielen schulischen- und außerschulischen Bildungseinrichtungen unserer Migrationsgesellschaft fehlen Entwicklungsräume, in denen junge Menschen über das reden können, was sie bewegt, ohne bewertet oder verurteilt zu werden. Das Essener Jugenddialogprojekt zeigt, warum bewertungsfreie Räume einen Unterschied machen.
Dialoggruppen für Jugendliche

Foto: TonyBonus/istock.de

Ursprünglich als Pilotmaßnahme zur Prävention von Islamismus und seinen terroristischen Auswüchsen gedacht, starteten die Essener Dialoggruppen als eine lokale Reaktion auf den Auftritt eines sogenannten „Kofferbombers“ in einer Essener Moschee im Jahre 2006. Vor diesem Hintergrund qualifizierte die damalige RAA/Büro für interkulturelle Arbeit – heute Kommunales Integrationszentrum – die ersten von bis dato 40 Dialogbegleiter*innen. In Kooperation mit lokalen Partnern wie Schulen, Jugendeinrichtungen und Moscheen wurden zunächst acht Gruppen mit je maximal zehn Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren eingerichtet, die sich wöchentlich für je zwei Stunden treffen.

Schon in den ersten Monaten des Projekts zeigte sich, dass das Thema „Islamismus“ nicht die Bedeutung für die Jugendlichen hat, die ihm zu Beginn von den Initiatoren aufgrund der gesellschaftlichen Ereignisse zugeschrieben wurde. Und so wurde gleich zu Projektbeginn ein Paradigmenwechsel vollzogen, der sich auch in einem neuen Projekttitel äußerte: „Interkultureller Dialog zur Aktivierung und Partizipation von Jugendlichen in der Einwanderungsgesellschaft“.


Themen aus der eigenen Lebenswelt
Auch heute – angesichts der aktuellen Syrienkrise und des IS-Terrors – nimmt Extremismus einen Teil der Themenvielfalt in den Gruppen ein. Zwar werden religiöser und politischer Extremismus immer wieder von den Jugendlichen selbst als Themen in die Gruppen eingebracht, was sie allerdings bewegt, ist der Bezug zu ihrem konkreten Alltag. Wie gehen wir mit Verschiedenheit in der Gruppe um? Wie begegnen wir Vielfalt in der Einwanderungsgesellschaft? Wo erfahren wir im Alltag Diskriminierung und Mobbing?

Die Dialogbegleiter*innen sind meist Studierende, die zu 90 Prozent einen Migrationshintergrund haben und darin geschult sind, brisante Themen auf grundsätzliche Fragen nach Wertevorstellungen, Lebenskonzepten und persönlichen Erfahrungen herunterzubrechen. Sie gestalten die Jugenddialoge, anfangs stark moderierend, später mehr begleitend. Sie sorgen für einen bewertungsfreien Vertrauensraum, in dem sich die Jugendlichen für ein Miteinander öffnen können. Die Jugendlichen lernen dadurch im Kleinen, sich als Teil einer größeren Gesellschaft zu erfahren, eine – so hat das Projekt gezeigt – Grundvoraussetzung dafür, dass sie aus eigenem Willen aktiv werden. Das wöchentlich über die Dauer von drei Jahren stattfindende dialogische Gespräch ermöglicht dabei persönliche Entwicklung in Beziehung zum Eigenen, Anderen und zum Fremden. Die Arbeit in der Gruppe führt die Jugendlichen von einer schnellen, kompetitiven, meinungsverhärtenden Diskussionskultur hin zu einer verlangsamten, ermutigenden, offenen Gesprächskultur auf Augenhöhe.

Sicherheit in der UnsicherheitDie Dialogtheorie basiert – gestützt durch Hirnforschung und Neurobiologie – auf Erkennt-nissen der Kommunikations-, Bewusstseins- und Bildungsforschung, wie sich Persönlichkeitsentwicklung vollzieht und wie wichtig wertschätzende zwischenmenschliche Interaktion ist. Nach dem sogenannten sozialen oder emotionalen Konstruktivismus ist es eigentlich ein Wunder, wenn Menschen einander tatsächlich verstehen, weil vollständiges Verstehen des anderen fast unmöglich ist.

Der dialogpraktische Ansatz schafft deshalb Begegnungsräume, in denen überhaupt erst sichtbar und spürbar wird, dass alle Menschen unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen in sich tragen. Dass deren Ursprung beispielsweise in der Sozialisation oder der individuellen Biografie liegt, ist den meisten nicht bewusst. Genau hier setzen die Dialoggruppen an: Sie fordern die Vorstellung von nur einer Wahrheit, einer Meinung, einem Sinn heraus und schaffen allmählich im Gespräch und im Bewusstsein Platz für andere Wahrheiten, Meinungen und Bedeutungen.

Nirgends wird so deutlich spürbar, warum das Festhalten an den eigenen Wahrheiten, und Weltsichten so wichtig sein kann, wie in der Arbeit mit Jugendlichen, die auf der Suche nach Orientierung, Sinn und Identität sind. Dialogpraktiker*innen regen dazu an, angstfreie Räume zu schaffen, in denen kein Identitätsverlust gefürchtet werden muss, wenn sich Ansichten ändern. In denen auch gleichzeitig Neugier geweckt werden kann für eigene Potenziale, neue Möglichkeiten und inneres Wachstum.

Echte Begegnungen statt Realityshows
Mit dem Essener Dialogprojekt, das in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt Essen durchgeführt wird, wurden bisher fast 1.000 Jugendliche erreicht. Aktuell nehmen durchschnittlich 130 Jugendliche in fünf verschiedenen Stadtteilen an 15 Dialoggruppen teil. Neben sieben schulischen Gruppen gibt es acht außerschulische in Kooperation mit Jugendeinrichtungen, Migrantenorganisationen und auch mit Moscheen. In den außerschulischen Gruppen kommen Jugendliche aus unterschiedlichen Schulformen zusammen. In Schulen findet die Dialoggruppe meist im Wahlpflichtprogramm des Schulcurriculums Platz. Sie wäre jedoch auch im nachmittäglichen Bereich von Ganztagsschulen denkbar.

Jede circa 90-minütige Dialogsitzung beginnt mit einem kleinen Imbiss, erste lockere Gespräche schaffen Vertrauen. Die Dialogbegleiter*innen geben lediglich eine Sitzungsstruktur vor: Befindlichkeitsrunde, News-Runde zur Themenfindung, Dialoge, Feedback. Alles andere wird von den Jugendlichen selbst mit Leben gefüllt. Oft muss die Nutzung eines offenen Raumes lange Zeit geübt werden. Der Prozess steht im Vordergrund und ist das Ziel, weil anhand konkreter Situationen, aktueller Befindlichkeiten und Themen echte Begegnung geübt werden kann. Immer wieder neu. Veränderungen im Denken und Fühlen brauchen Wochen, Monate, Jahre. Im wertschätzenden Miteinander sind sie tiefgreifend und nachhaltig. Nicht nur in politisch unruhigen Zeiten braucht es dialogische Begegnungs- und Entwicklungsräume.

„Immer wieder neu wagen wir uns drei Schritte nach vorn, einen Schritt zurück, sind verwirrt, verletzt, beleidigt und wieder gespannt, neugierig, hellhörig – ob der Vertrauensraum hält? Wir setzen jedes Mal vorsichtig Kieselsteine in die löchrigen Wände. Hin und wieder ein Erdbeben, Aussagen wie: „Selber schuld, dass ihnen das passiert, wenn sie den Propheten beleidigen. Wie kannst du nur so denken? Wie kann man nur so unmenschlich sein?“ Schweigen. Es folgen Fragen, Vorwürfe, Überredungsversuche. Schweigen. Fragen, innehalten, nachdenken, fühlen. Schweigen. Fragen echten Interesses, verwundbare Offenheit, Angst vor Bewertung: „Hast du die Karikaturen überhaupt gesehen? Kann man nicht anders sagen, dass man die scheiße findet?“ – „Ja vielleicht, keine Ahnung. Immer spucken die auf den Islam.“ Spiralförmig spulen sich diese Szenerien ständig neu ab, jedes Mal ein Hauch mehr innere Bewegung. Ich warte und trage mit, mache mir bewusst, dass Offenheit sich zu äußern, sich zu zeigen, sich zu entwickeln und zu verändern nur im bewertungsfreien Raum möglich ist.“ – aus dem Bericht einer Dialogbegleiterin

„Es geht nicht mehr um Leben und Tod, unterschiedliche Meinungen dürfen stehenbleiben, werden nicht abgeschossen. Zusammen staunen wir, wie sie sich von selbst ein Stück verändern, ohne dass wir den Halt verlieren: „Wenn jeder mit einer Knarre rumläuft, hätten wir ständig Tote. Aber die Politiker*innen machen doch selber ständig Krieg. Vielleicht wissen die zu wenig über den Islam.“ – aus dem Bericht einer Dialogbegleiterin,  einige Wochen später

Halima Zaghdoud, Hala Zhour // In: nds 3-2015