Beratung und Coaching im Vorbereitungsdienst

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Eine der zentralen Neuerungen der Ordnung des Vorbereitungsdienstes (OVP) von 2011 war die Einführung der benotungsfreien personenorientierten Beratung mit Coachingelementen. Dazu sprach die nds mit Wolfgang Römer, Fachleiter am Zentrum für schulpraktische Lehrer*innenausbildung (ZfsL) Dortmund, Seminar für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen.
Beratung und Coaching im Vorbereitungsdienst

Foto: laflor/istock.de

nds: Die Landesregierung will die Lehrer*innenausbildung in NRW „behutsam weiterentwickeln“. In Fachleiterkreisen sieht man eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Welches Fazit ziehst du nach vier Jahren verkürztem Vorbereitungsdienst?

Wolfgang Römer: Allein die Tatsache, dass erstmals in der Nachkriegsgeschichte in NRW Seminarausbilder*innen systematisch im Coaching  aus- beziehungsweise fortgebildet wurden, war zweifelsohne ein deutlicher Fortschritt. Inhaltlich hatte dies unter anderem zur Konsequenz, dass der alltägliche Unterricht mit all seinen Problemen – wie zum Beispiel Unterrichtsstörungen –
mehr in den Fokus der Beratung rückte.

Die entwicklungsfördernden Potenziale einer benotungsfreien, personenbezogenen Beratung drohen jedoch zu verpuffen, da eine Kommunikation zwischen Kernseminarleiter*innen und Fachseminarausbilder*innen über den Stand der  Kompetenzentwicklung von Auszubildenden vielfach kaum mehr stattfindet. In der Wahrnehmung von Auszubildenden werden die Fachseminarausbilder*innen tendenziell auf die benotende Rolle reduziert. Während bei realen Problemsituationen  eher Kernseminarausbilder*innen zurate gezogen werden, nutzen Lehramtsanwärter*innen (LAA) bei regulären Unterrichtsbesuchen eher Problemvermeidungsstrategien.

Nach einer Untersuchung von Prof. Christian Reintjes von der Ruhr-Universität Bochum beginnt die überwiegende Mehrheit der LAA in der Regel elf bis 15 Tage vor Unterrichtsbesuchen mit der Vorbereitung. Dabei investieren sie 16 bis 20 Stunden – vor allem in die Materialfindung sowie die Verschriftlichung des Entwurfs. Dieser zeitliche Vorlauf verhindert faktisch, die individuelle Lernausgangslage von Schüler*innen exakt zu diagnostizieren und sie zum Ausgangspunkt von Unterrichtsplanung zu machen. Zwangsläufig wird damit ein primär inhaltsorientiertes und nicht ein kompetenzorientiertes Unterrichten praktiziert. Letztlich führt dies zu einer Feiertagsdidaktik beziehungsweise einer Lernzielakrobatik, die wohl kaum geeignet sein wird, alltagstaugliche Lehrkompetenzen zu entwickeln.

Kern der Reform ist eine Orientierung an Standards und Kompetenzen. In der Seminarausbildung soll beispielsweise verstärkt auf Inklusion und den Umgang mit Heterogenität gesetzt werden. Reicht das aus, um die Lehrer*innenausbildung zukunftsfest zu machen?

Die jetzt vorgesehene Novellierung des Kerncurriculums betont zu Recht die richtungsweisende Bedeutung des Handlungsfelds V „Vielfalt als Herausforderung annehmen und als Chance nutzen“ für das Lehrerhandeln in allen Handlungsfeldern. Leider ist nicht vorgesehen, dass mindestens ein Unterrichtsbesuch in einer inklusiven Lerngruppe stattfinden sollte. Hier müssten entsprechende Kompetenzen im Teamteaching im Fokus stehen.

In der  Rahmenkonzeption zur strukturellen und inhaltlichen Gestaltung des Praxissemesters ist die Videografie im Kontext von Unterrichts-analysen vorgesehen. Eine konsequente Fortführung dieser Praxis im Vorbereitungsdienst – so wie es beispielsweise in Thüringen geschieht – wäre für die  Entwicklung einer alltagstauglichen Lehrkompetenz sehr dienlich. Selbstverständlich benötigen Seminarausbilder*innen auch entsprechende Fortbildungen, um im Sinne des neuen Kerncurriculums und unter Berücksichtigung der Videografie ausbilden zu können.

Das Aufgaben- und Tätigkeitsfeld der ZfsL ist vielfältiger und differenzierter geworden. Das kostet jede Menge personelle Ressourcen. Der Entwurf für eine neue Fachleiterentlastung ist auf heftigste Kritik gestoßen. Warum?

Die geplante Neuregelung der Vergabe von Anrechnungsstunden für Seminarausbilder*innen ist in vielerlei Hinsicht problematisch: Die zurzeit vorgesehenen lehramtsspezifischen Ausbildungsrelationen führen zu einer ungleichen Behandlung der Fachleiter*innen der unterschiedlichen Lehrämter, was durch die absurde differente Unterrichtsverpflichtung bedingt ist. Da Fachleiter*innen mitunter erheblich mehr eigenen Unterricht leisten müssen, werden LAA gezwungen sein, sich bei der Planung von Unterrichtsbesuchen noch mehr an die eingeschränkten Möglichkeiten der Seminarausbilder*innen anzupassen. Nicht zuletzt ist aus Sicht der GEW NRW das geplante Gesamtverfahren zur Budgetierung über Fachleiter*innen-LAA-Relationen sowie zur Festlegung der Verteilungsmodalitäten in der Anlage einer Verordnung sehr kritisch zu bewerten, weil es jeder Form der Mitbestimmung entzogen ist.

Die Fragen für die nds stellte Berthold Paschert. // In: nds 8-2015