Baustelle Vorbereitungsdienst NRW

Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht

In Mozarts Zauberflöte muss der Held Tamino erst durch Feuer und Wasser wandeln, um zu den Eingeweihten zu gehören. Angehende Lehrer*innen durchlaufen mit dem Vorbereitungsdienst einen häufig ähnlich empfundenen Initiationsritus. Das Unterrichten von Kindern und Jugendlichen kann sehr erfüllend sein und im besten Fall begleiten die verschiedenen Akteur*innen der Lehrer*innenausbildung die Lehramtsanwärter*innen (LAA) unterstützend auf dem Weg zu erfolgreichem didaktischem und pädagogischem Handeln.
Baustelle Vorbereitungsdienst NRW

Foto: eyjafjallajokull/istock.de

Allerdings gibt es auch eine Reihe von Rahmenbedingungen im Vorbereitungsdienst, die den Ausbildungsprozess unnötig erschweren: Neben den Beobachtungs- und Bewertungssituationen, die durch häufig intransparente Bewertungskriterien noch verschärft werden, prägt eine zeitliche Verdichtung den Vorbereitungsdienst – und zwar in verstärkter Form. 2011 wurde die Dauer des Vorbereitungsdienstes verkürzt, nicht aber die Anzahl der Lehrproben.

Mehr Zeit für den Vorbereitungsdienst

Die 18 Monate sind so verteilt, dass ein zusammenhängendes Jahr als Kernzeit für Lehrproben und selbständigen Unterricht flankiert wird von einer knappen Vorbereitungsphase zu Beginn und einer kurzen Examensphase am Ende. Gerade am Anfang ist der Eindruck terminlicher Überforderung besonders groß, weil in kürzester Zeit die pädagogische Einführung am Seminar, das Kennenlernen der Schule, der eigene Unterricht und das Element der Personenorientierung (EPG) stattfinden müssen. In diesem Jahr sind aufgrund der frühen Sommerferien viele LAA effektiv nur drei bis vier Wochen an der Schule, bevor es nach den Ferien direkt mit dem bedarfsdeckenden Unterricht (BdU) losgeht.

Auch die im Vergleich zum 24-monatigen Vorbereitungsdienst erhöhte Stundenzahl hat keine ausbildungsfachlichen Gründe, sondern ist allein der vermeintlichen Tatsache geschuldet, dass die Gesamtstundenzahl des BdU nicht angetastet werden darf. Hier wäre mehr Biss des Ministeriums für Schule und Weiterbildung (MSW) gegenüber dem Finanzministerium wünschenswert gewesen. „Wir brauchen mehr Zeit für die Unterrichtsvorbereitung und mehr Zeit zwischen den Unterrichtsbesuchen, um die Hinweise und Kritik aus den Nachbesprechungen zu verarbeiten“, sagt Eva Caspers, LAA am Zentrum für schulpraktische Lehrer*innenausbildung für das Lehramt an Haupt-, Real- und Gesamtschulen in Solingen.

Mehr Stellen für die Schulen

Ein Skandal bleibt weiterhin, dass das Ausbildungsende mitten im Schuljahr nicht zum eigenen Einstellungstermin zu Beginn des Schulhalbjahrs passt und damit die Absolvent*innen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder sogar in die Arbeitslosigkeit gedrängt werden. Die Argumentation des Schulministeriums, unter der Prämisse eines 18-monatigen Vorbereitungsdienstes keine andere sinnvolle Taktung ermöglichen zu können als zunächst drei, dann zwölf und anschließend noch einmal drei Monate, um die Anpassung des BdU an das Schuljahr zu gewährleisten, zeigt, dass eben diese Prämisse und/oder der BdU in der Ausbildung nichts zu suchen haben. Darüber hinaus sind die Schulen, an denen sich das jetzige Modell ausrichtet, damit auch nicht glücklich: „Als Schule hat man zwei Halbjahre lang pro Referendar*in je neun Stunden und im dritten Halbjahr keine Stunden zur Verfügung. Dass dies zu häufigen Lehrerwechseln führt, ist vom Schulministerium so gewollt. An den Schulen ergeben sich außerdem erhebliche Unterrichtseinbrüche, denn die Schulen verlieren im Halbjahr ohne Unterricht der Referendar*innen zwischen 72 und 108 Stunden – das sind locker drei bis vier Stellen“, beschreibt Gunter Fischer, Schulleiter des Clara-Schumann-Gymnasiums in Dülken, die Situation.

Mehr Qualität in der Ausbildung

Die notwendige und richtige Verankerung der Inklusion im Rahmencurriculum des Vorbereitungsdienstes wirft weitere praktische Fragen nach der Qualifizierung der Ausbilder*innen auf. Um inklusiven Unterricht adäquat im Seminar vor- und nachbereiten sowie bewerten zu können, müssen viele Fachleiter*innen nachqualifiziert werden. Viele dürften inklusiven Unterricht weder aus der eigenen Ausbildung noch aus der eigenen Unterrichtspraxis kennen.

Die systematische Fortbildung der Fach- und Kernseminarleiter*innen muss mehr in den Blick genommen werden. Eine einmalige Qualifizierung ausgewählter Kernseminarleiter*innen im Bereich Coaching reicht zum Beispiel nicht aus, um diesen Bereich dauerhaft mit angemessener Qualität in der Ausbildung zu sichern. Dabei ist die Einführung bewertungsfreier Räume, in denen die Beratung im Vordergrund steht, sehr zu begrüßen. Sie sollte grundsätzlich noch weitreichender in der Ausbildung verankert werden, denn LAA begreifen unter dem Druck der Benotung das Seminar nicht immer als den Ort, an dem sie ihre Nöte zur Sprache bringen können.

Mehr Mitsprache für die Lehramtsanwärter*innen

Eine vertane Chance der gesamten Lehrer*innenausbildungsreform ist das Beibehalten der bestehenden Lehrämter des dreigliedrigen Schulsystems – in der Bildungslandschaft entstehen so abwegige Konstellationen und durch inklusiven Unterricht wird dies erst recht ad absurdum geführt.

Der aktuelle Evaluierungsprozess krankt auch daran, dass die LAA nicht selbst zu Wort kommen. Das hat systemimmanente Gründe, denn den Status haben die angehenden Lehrer*innen in der Regel für nur 18 Monate. Als zahlenmäßig größte vom Vorbereitungsdienst betroffene Gruppe müssten die Selbstvertretung und die Mitsprachemöglichkeiten der LAA ausgebaut und unterstützt werden – das gilt sowohl für das MSW als auch für die Bildungsgewerkschaft. Ein erster Ansatz der jungen GEW NRW ist das seit Anfang 2015 angebotene Seminar für Seminarsprecher*innen.

Mehr System statt Glück

Für das individuelle Erleben des Vorbereitungsdienstes ist aber vor allem entscheidend, auf welche Menschen die angehenden Lehrkräfte treffen. Und es gibt sie alle, die einfühlsamen Fachleiter*innen, die engagierten Ausbildungslehrer*innen, die kompetenten Ausbildungsbeauftragen und die hilfreichen Schulleiter*innen – sie fangen die Schwächen des Systems auf. Doch das System ist es, das nachgebessert werden muss, damit Referendar*innen nicht mehr nur auf Glückstreffer hoffen müssen. Am Ende möchte man gemeinsam auf den nächsten Abschnitt anstoßen können: die herausfordernde, aber schöne Tätigkeit als Lehrer*in.

Hanna Tuszynski // In: nds 8-2015

 

Eva Caspers, Lehramtsanwärterin am Zentrum für schulpraktische Lehrer*innenausbildung in Solingen: „Wir brauchen Zeit, um unsere Schüler*innen kennenzulernen, bevor wir mit ihnen eine Prüfung machen – sonst können wir ihnen nicht gerecht werden.“

Sebastian Mengering, Lehramtsanwärter am Zentrum für schulpraktische Lehrer*innenausbildung in Solingen: „Ich konnte meine Vorerfahrungen als Vertretungskraft gut nutzen und hatte einfach großes Glück mit meinem Fachleiter.“