Armutszeugnis oder Herausforderung?

Analphabetismus in Deutschland

Spätestens seit PISA ist bekannt, dass die Schulpflicht allein nicht den Schulerfolg garantiert: Die Studie zeigte, dass knapp zehn Prozent der 15-Jährigen am Ende ihrer Schulzeit nur sehr begrenzte Lesekompetenzen erworben hatten. Die Bundesländer übertrafen sich nach dem legendären PISA-Schock mit Konzepten zur individuellen Förderung und präventiven Maßnahmen in Kitas und Kindergärten. Die 15-Jährigen aus dem Jahr 2000 sind mittlerweile fast doppelt so alt. Haben die Leseschwachen von damals inzwischen ein besseres Leseverständnis erworben?
Armutszeugnis oder Herausforderung?

Foto:TommL/istockphoto.de

Aussagen dazu wird irgendwann das Nationale Bildungspanel treffen können, das Bildungsverläufe und Kompetenzentwicklungen im Lebensverlauf untersucht. Die leo. – Level-One Studie der Universität Hamburg lieferte 2011 erste empirisch erhobene Erkenntnisse zu den schriftsprachlichen Kompetenzen Erwachsener und ermittelte 14,5 Prozent funktionale Analphabet*innen. 7,5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter können allenfalls auf Satzebene lesen und, orthografisch sehr eingeschränkt, schreiben. Vermutlich leben in Deutschland sogar mehr als zehn Millionen funktionale Analphabet*innen, denn leo. hat weder Erwachsene ohne ausreichende mündliche Sprachkompetenzen im Deutschen berücksichtigt noch die Altersgruppe der über 64-Jährigen einbezogen. Ein Schock blieb nach leo. ebenso aus wie nach Veröffentlichung der Ergebnisse von PIACC, landläufig als PISA-Test für Erwachsene bezeichnet, der ähnliche Ergebnisse präsentierte.

Analphabetismus – Kollateralschaden der Wissensgesellschaft

Offenbar hat sich die deutsche Öffentlichkeit inzwischen an den Gedanken gewöhnt, dass es, übrigens schon immer, im Land der Dichter und Denker auch Bildungsarme und Bildungsbenachteiligte gibt. Zu Zeiten Goethes und Schillers war der Bildungsstand eines Großteils der Bevölkerung deutlich niedriger als heutzutage. In den letzten 200 Jahren konnten immer größere Teile der Bevölkerung an Bildungsprozessen teilnehmen. Aber seitdem hat sich die Gesellschaft grundlegend geändert. In unserer von Schrift geprägten Welt wird es zunehmend schwieriger, ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen zurechtzukommen. Es werden immer höhere Bildungsabschlüsse verlangt und wer über zu geringe Grundbildung verfügt, wird schnell an den Rand gedrängt. Funktionaler Analphabetismus ist so gesehen der Kollateralschaden unserer Wissensgesellschaft. Die Aufforderung zum lebenslangen Lernen führt vor allem bei Bildungsarmen zur Überforderung, nicht selten zur Ausgrenzung und Resignation. Ob PISA, leo. oder PIACC – alle Studien machen auf einen besonderen Missstand aufmerksam, der im internationalen Vergleich für Deutschland besonders gravierend ausfällt: Bildungschancen und Bildungsbenachteiligungen sind signifikant abhängig vom Bildungsstand der Herkunftsfamilie. Vereinfacht gesagt: Kinder von Akademikereltern werden überproportional häufig studieren. Haben die Eltern niedrige Bildungsabschlüsse, wirkt sich das negativ auf die Bildungsverläufe ihrer Kinder aus. Bildungsabschlüsse korrelieren mit Einkommen und sozialem Status. Wer gut situiert ist, ist häufig gebildet und umgekehrt. Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt sind selbstverständlich, Hilfe bei den Hausarbeiten üblich, und notfalls können Kosten für Logopädie, Ergotherapie oder kommerzielle Nachhilfe von den Eltern getragen werden. Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern haben schlechtere Ausgangschancen: Ihnen wird weit weniger vorgelesen, sie besuchen seltener den Kindergarten und erzielen geringere Bildungserfolge. Ihre Eltern wissen häufig nicht über Hilfsangebote Bescheid oder können sie sich nicht leisten. Angebote zur Family Literacy, bei denen Kinder und deren Eltern gleichermaßen unterstützt werden, könnten hier ansetzen. Ganztagsschulen können, mit entsprechenden Konzepten, Schüler*innen Orientierung geben, soziales Lernen ermöglichen und Bildungsangebote bereitstellen, die an den Interessen der Kinder und Jugendlichen anknüpfen.

Notfalls die Brille vergessen – Leben ohne Lesen und Schreiben

Wer die Schule mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben verlässt, richtet sich ein, meidet Situationen, in denen gelesen oder geschrieben werden muss, bittet eine Vertrauensperson darum, die unvermeidlichen Formulare auszufüllen oder hat notfalls „die Brille vergessen“. Diese Kompensations- und Bewältigungsstrategien funktionieren erstaunlich gut und es besteht für viele Erwachsene keine Notwendigkeit, einen Lese- und Schreibkurs zu besuchen. Es geht auch so. Erst wenn die oder der Delegationspartner*in nicht mehr zur Verfügung steht, das eigene Kind eingeschult wird oder Arbeitslosigkeit droht, wird der Leidensdruck bei einigen so groß, dass Lernmöglichkeiten wahrgenommen werden. Diese zweite Chance nutzen bisher allerdings erst wenige. Derzeit besuchen etwa 25.000 Erwachsene Alphabetisierungskurse, die vor allem von Volkshochschulen angeboten werden. Nicht überall gibt es Angebote, und nicht alle Interessierten können die Kursgebühren bezahlen. Aber auch nicht alle, die gravierende Probleme mit der Schrift haben, wollen einen Kurs besuchen. Die Kampagne „Lesen und Schreiben, mein Schlüssel zur Welt“ will Betroffene ermutigen, Lesen und Schreiben zu lernen und verweist auf das Alfa-Telefon, wo Anrufer*innen über Lernmöglichkeiten beraten und an Einrichtungen in der Nähe ihres Wohnortes vermittelt werden. Doch viele Erwachsene scheuen sich, aus der Anonymität zu treten und in einer Kleingruppe zu lernen.

Angebotsstruktur verbessern – Zugänge erleichtern

Was fehlt, sind aufsuchende, niederschwellige und alltagspraktische Grundbildungsangebote: Wie kann ich mein Kind unterstützen, wenn es in die Schule kommt? Wie sollte ich mich als Diabetiker*in verhalten? Wie kann ich mich trotz geringer Einkünfte gesund ernähren, informieren, an Gesellschaft teilhaben? Die mehr oder weniger beiläufige Einbettung von Lesen und Schreiben und die inhaltliche Ausrichtung auf relevante Themen könnten sicherlich mehr Menschen als bisher für Grundbildung ansprechen. Derzeit werden vom Bund verschiedene Projekte zur „Arbeitsplatzorientierten Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ gefördert und alle Bundesländer engagieren sich stärker als noch vor einigen Jahren für die neuen Zielgruppen. Der Grund: Im Jahr 2012 wurde die gemeinsame „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland“ vereinbart , an der Bund, Länder und wichtige gesellschaftliche Gruppen und Akteure beteiligt sind. Und die Große Koalition hat angekündigt, die Alphabetisierungsstrategie zu einer Dekade der Alphabetisierung weiterzuentwickeln. Damit greift sie die Empfehlung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung auf, in den Ländern und auf Bundesebene Strukturen zu schaffen, die für einen Zeitraum von zunächst zehn Jahren eine verlässliche Basis schaffen und Perspektiven eröffnen. Angesichts des nach wie vor bestehenden Kooperationsverbots ist das keine einfache Herausforderung. Fest steht: Aufgabe einer modernen demokratischen Gesellschaft ist es, allen Menschen zu ermöglichen, ihr Bildungspotenzial weitestgehend zu entfalten. Das gilt für Kinder und Erwachsene, für Hochbegabte und Lernbehinderte, unabhängig von Nationalität, Herkunft oder Geschlecht. Dies ist nicht nur im Sinne des Postulats von Bildungsgerechtigkeit erforderlich, sondern auch angesichts der Herausforderungen des demografischen Wandels. Die ausreichende Beherrschung der Schriftsprache bleibt trotz technischer Innovationen wie der Spracheingabe bei Smartphones Grundlage für den Erwerb vieler Wissensbestände und Kompetenzen.                                  

Peter Hubertus // In: nds 8-2014

 

Analphabetismus – was ist das?

Primärer Analphabetismus: Erwachsene können nicht lesen und schreiben, weil sie als Kind oder Jugendliche keine Schule besucht haben.

Funktionaler Analphabetismus: Geringe Lese- und Schreibkompetenzen sind vorhanden. Diese sind jedoch nicht ausreichend, um die gesellschaftlich bestimmten Mindestanforderungen zu erfüllen.

Sekundärer Analphabetismus: Zunächst ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen sind teilweise wieder verloren gegangen, so dass funktionaler Analphabetismus besteht.

leo. – Level-One Studie: 7,5 Millionen funktionale Analphabet*innen

Nach einer langen Datenebbe erfasste leo. zwischen 2010 und 2013 erstmals die Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland. Die Studie der Universität Hamburg setzte beim untersten Kompetenzniveau des Lesens und Schreibens an, dem Level-One. Getestet wurden 8.436 zufällig ausgewählte Menschen zwischen 18 und 64 Jahren.

Erste Ergebnisse der Studie wurden 2011 veröffentlicht: 7,5 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene – 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung – sind demnach funktionale Analphabet*innen. Sie können nur eingeschränkt lesen und schreiben und sind deshalb von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Weitere 13 Millionen Menschen können nicht fehlerfrei schreiben. Mehr als vier Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung sind Analphabet*innen im engeren Sinne. leo. unterscheidet hier noch einmal zwei Kompetenzniveaus: Alpha-Level 1 mit Lese- und Schreibschwierigkeiten unterhalb der Wortebene und Alpha-Level 2, bei dem das Lesen und Schreiben einzelner Wörter gelingt, ganze Sätze jedoch zur Überforderung werden.

In der Auseinandersetzung mit funktionalem Analphabetismus eröffnete die Studie neue Perspektiven. Die Beobachtungen aus den Alphabetisierungskursen förderten lange Zeit das Klischee, funktionale Analphabet*innen seien überwiegend arbeitslos, sozial isoliert und ohne Schulabschluss. Tatsächlich haben 19,3 Prozent von ihnen keinen Schulabschluss. 47,7 Prozent verfügen nur über untere Bildungsabschlüsse. 17 Prozent sind arbeitslos. Doch auch Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen machen mit 12,3 Prozent einen nennenswerten Teil der funktionalen Analphabet*innen aus und die Mehrheit der Betroffenen – nämlich 57 Prozent – ist berufstätig. Und: Funktionaler Analphabetismus ist nicht nur ein Problem der Zuwanderungsgesellschaft. 58 Prozent der Betroffenen haben Deutsch als Erstsprache gelernt.

Anja Heifel (Quelle: leo. – Level-One Studie, Presseheft) // In: nds 8-2014