Armut ist kein Kinderspiel

Kinderarmut und Bildungsbenachteiligung in Deutschland

Weder im vierten Armuts- und Reichtumsbericht, den die schwarz-gelbe Bundesregierung im Frühjahr 2013 veröffentlichte, noch im Koalitionsvertrag von Union und SPD, der das Handlungsprogramm der Bundesregierung für die laufende Legislaturperiode umreißt, findet sich das Wort „Kinderarmut“. Bei den etablierten Parteien scheint dieses Problem nach Jahren großer öffentlicher Aufmerksamkeit wieder in Vergessenheit geraten zu sein.
Armut ist kein Kinderspiel

Foto: kamikazeflieger/photocase.de

Der verwandte Begriff „Bildungsarmut“, mit dem die Großkoalitionäre ihre Forderung nach Alphabetisierungsbemühungen von Bund und Ländern begründen, lädt zur Verwechslung von Ursache und Wirkung ein.

Bildungsbenachteiligung durch ArmutMillionen Menschen sind nicht wegen mangelnder Bildung arm, rund elf Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor verfügen über einen Hochschulabschluss. Vielmehr zieht ihre Armut umgekehrt die Benachteiligung im Bildungsbereich nach sich. Ein schlechter oder fehlender Schulabschluss verringert zwar die Erwerbschancen, wirkt sich aber kaum nachteilig auf den Wohlstand einer Person aus, wenn diese vermögend ist oder Kapital besitzt. „Reichtum“ findet auf den 185 Seiten des Koalitionsvertrages nur als „Ideenreichtum“ beziehungsweise als „Naturreichtum“ Erwähnung, der Begriff „Vermögen“ bloß als „Durchhaltevermögen“ beziehungsweise im Zusammenhang mit der Vermögensabschöpfung bei Kriminellen. Dem hierzulande dominierenden Verständnis von Armut gemäß wird diese im Koalitionsvertrag hauptsächlich mit der sogenannten Dritten Welt in Verbindung gebracht: Nicht weniger als viermal taucht Armut in diesem Zusammenhang auf, der jedoch verdeckt, dass Armut in einem reichen Land wie der Bundesrepublik in anderer, weniger drastisch und dramatisch wirkender Form existiert. Dreimal wird im selben Dokument der Terminus „Armutswanderung“ beziehungsweise „Armutsmigration“ verwendet, gemeint sind damit bulgarische und rumänische Familien. Wird dem Koalitionsvertrag von CDU / CSU und SPD Glauben geschenkt, gibt es hierzulande überhaupt keine (Kinder-)Armut. Sie existiert offenbar nur außerhalb unserer Wohlstandsinsel, es sei denn, dass zuwandernde EU-Bürger*innen sie rechtswidrig importieren.

Strukturelle Gewalt: Armut in einem reichen LandWer die soziale Ungleichheit – das Kardinalproblem unserer Gesellschaft – nicht erkennt oder sie aus seinem Bewusstsein verdrängt, geht auch nicht entschieden dagegen vor. Weder gibt es das von der SPD im Wahlkampf 2013 versprochene Ganztagsschulprogramm, noch wird die Schulsozialarbeit weiter im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets vom Bund finanziert. Kinderarmut äußert sich in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik weniger offensichtlich als in Mosambik, Bangladesch oder Burkina Faso, wo die davon Betroffenen zum Teil auf der Straße verhungern. Sie wirkt bei uns zwar subtiler, aber nicht minder dauerhaft und dramatisch. Hierzulande ist es für Kinder manchmal sogar noch schwerer arm zu sein als in einer Gesellschaft, die sämtlichen Mitgliedern nur das Allernötigste bietet. Konsumchancen wie zum Beispiel das Tragen modischer Kleidung, die Verfügung über modernste Unterhaltungselektronik sowie teure Freizeitaktivitäten bestimmen nämlich mit über die Möglichkeiten, die ein Kind im Freundeskreis oder in der Clique hat. Jenseits von Nike und Nokia wird es gar nicht ernst genommen, was zu psychosozialen Belastungen führen kann und den Ausschluss junger Menschen aus vielen Lebenszusammenhängen nach sich zieht. Man kann durchaus von struktureller Gewalt sprechen, die den jüngsten Mitgliedern unserer Gesellschaft angetan wird. Durch karitative Einrichtungen wie die Lebensmitteltafeln, an denen sich immer mehr Menschen einfinden, oder die Kinderbetreuung Arche lässt sich das Problem der Armut höchstens lindern, aber nicht lösen. Hierzu bedarf es vielmehr politischer Maßnahmen, die dem sozialen Zerfall unserer Gesellschaft entgegenwirken.

Christoph Butterwegge // In: nds 6/7-2014