Ali Kizilkaya: Warum das Kopftuch eine Bereicherung für Schule ist

Ein Zeichen für Vielfalt und Religionsfreiheit

Lale Akgün, Stellvertretende europa- und migrationspolitische Sprecherin sowie Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion von 2002 bis 2009, und Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, kommentieren die Debatte „Kopftuch in Schulen“.
Warum das Kopftuch eine Bereicherung für Schule ist

Foto: *paula*/photocase.de

Das Bundesverfassungsgericht hat das pauschale Kopftuchverbot korrigiert und die Privilegierung von christlich-abendländischen Werten und Traditionen für verfassungswidrig erklärt. Diese Entscheidung stellt zumindest einen kleinen Trost für die jahrelange Benachteiligung der Muslim*innen dar. Auch wenn der Begriff des „Kopftuchverbotsgesetzes“ vermieden wurde, trafen die Gesetze faktisch nur muslimische Frauen mit Kopftuch. Für sie kam die Regelung einem Berufsverbot gleich. In seinem ersten Urteil hatte das Bundesverfassungsgericht 2003 eine eindeutige Entscheidung vermieden und die Kopftuchfrage an die Länder weitergereicht. Bedauerlicherweise entschieden sich acht Bundesländer daraufhin für ein Kopftuchverbot – ein Tiefpunkt für die vom Gericht angemahnte „föderale Vielfalt“ in der Schule und zugleich eine Absage an eine pluralistische Gesellschaft. Diese Gesetze knüpften nicht an ein Verhalten der betroffenen Personen an, sondern stuften allein das Kopftuchtragen als angebliche Gefahr für die staatliche Neutralität und den Schulfrieden ein.

„Lehrerinnen mit Kopftuch waren Brückenbauerinnen in den Debatten um Kultur und Tradition.“

Das Kopftuchverbot traf ausgerechnet Frauen, die selbstbewusst im Leben stehen wollten und das Bild der vermeintlich unterdrückten Frau im Islam am ehesten widerlegt hätten. Vor dem Erlass der Kopftuchverbote waren zahlreiche Lehrerinnen mit Kopftuch tätig. Sie unterrichteten, ohne den Schulfrieden zu stören, ihre Integrität und Neutralität wurde nicht angezweifelt. Sie waren Beispiele der Integration und Brückenbauerinnen in den Debatten um  Kultur und Tradition. Die Folge der Gesetze gegen das Kopftuch war eine institutionelle Diskriminierung. Das Verbot entfaltete über den Landesdienst hinaus ein Signal an Privatwirtschaft und Gesellschaft. Frauen durften kein Kopftuch im Fitnesscenter tragen, Schülerinnen mit Kopftuch wurden von Lehrer*innen massiv unter Druck gesetzt, bestens ausgebildete Frauen bekamen keinen Job. Das Kopftuchverbot machte aus selbstbewussten, integrierten und ökonomisch unabhängigen Frauen verunsicherte, ausgegrenzte und abhängige Frauen. Viele muslimische Schülerinnen stehen vor der Entscheidung: Kopftuch oder Karriere? Das Kopftuch ist ein religiöses Gebot im Islam. Dem Staat ist es verwehrt, Glaubensüberzeugungen seiner Bürger*innen zu bewerten oder gar als „richtig“ oder „falsch“ zu bezeichnen. Darauf weist das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung zu Recht hin. In der Praxis jedenfalls entpuppten sich die Angstdebatten um religiöse Indoktrinierung als Scheindebatten. Die wenigen Probleme gingen auf Befürchtungen und Beschwerden von Eltern und Lehrerkolleg*innen zurück, nicht  auf eine tatsächliche religiöse Beeinflussung durch kopftuchtragende Lehrerinnen. Empirische Studien belegen: Der Konflikt an Schulen entzündete sich an der vorurteilsbehafteten Wahrnehmung des Kollegiums, nicht an einem entsprechenden Verhalten der Betroffenen oder der Wahrnehmung der Schüler*innen. Aktuelle Studien besagen, dass circa 70 Prozent der Schüler*innen mit kopftuchtragenden Lehrerinnen keine Probleme haben. Die Mahnung, sich an die Rechtsordnung zu halten und nicht die eigene Weltanschauung über selbige zu stellen, gilt offensichtlich oft nur für Muslim*innen. Und auch die Religionsfreiheit ist ein Teil unserer Rechtsordnung. Wer das Kopftuch als bewusstes Zeichen der Abgrenzung zur kulturellen Tradition Deutschlands definiert oder muslimischen Lehrerinnen die Religionsneutralität abspricht, verkennt, dass diese Frauen studieren, um sich von denen abzugrenzen, die der muslimischen Frau öffentliche Teilhabe absprechen.


„Die Aufhebung des Kopftuchverbots ist eine Anerkennung von Religionsfreiheit und gelebter Vielfalt.“


Das Kopftuchverbot war die in Gesetzestext gegossene Ablehnung der Integrationsleistung einer Minderheit. Solange muslimische Frauen Schulen putzten, war das in Ordnung, erst als sie vermehrt hinter dem Lehrerpult standen, wurden sie zur Gefahr. Die religiöse Pluralität muss in die Schulen „als Mittel für die Einübung von gegenseitiger Toleranz“ aufgenommen werden. Grundlegende Freiheiten von der Kleidung abhängig zu machen, ist autoritär. Bei Nachweis einer Kollision mit Dienstpflichten, kann die Lehrtätigkeit nach dem Beamtenrecht unterbunden werden. Religionsfreiheit und Vielfalt sind unverzichtbare Werte und die Anerkennung der gelebten Vielfalt durch die Aufhebung des Kopftuchverbots wird den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Ali Kizilkaya // In: nds 4-2015